Universität Potsdam / Nachhaltigkeit

Oktober 2014

Herr Professor Dr. Balderjahn, die Bekanntheit des Begriffs „Nachhaltigkeit“ ist in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland spürbar gestiegen. Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache für diese Entwicklung?

Dies ist eine gute Entwicklung. Denn nachhaltiges Verhalten setzt die Bekanntheit dessen, was Nachhaltigkeit ist, voraus. Zur Steigerung der Bekanntheit des Begriffs „Nachhaltigkeit“ haben mit Sicherheit die Medien, die über gravierende ökologische und soziale Katastrophen zunehmend informieren, beigetragen. Um nur zwei Beispiele zu benennen: Die zwei „Jahrhunderthochwasser“ bei uns 2002 und 2013 in kurzer Folge und das unfassbare Unglück des Einsturzes des Rana Plaza, ein neunstöckiges Gebäude, 2013 in Bangladesch, bei dem über 1000 Menschen, überwiegend Näherinnen die dort arbeiteten, getötet wurden. Das macht die Menschen zunehmend sensibel für nicht-nachhaltige Zustände, sowohl beim Umweltschutz als auch bei der sozialen Gerechtigkeit und dem Gesundheitsschutz. Darüber hinaus glaube ich fest, dass die Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeit, die oft schon im Kindergarten beginnt und in den Schulen und Hochschulen zunehmend aufgegriffen werden, einen substanziellen Beitrag zur Bekanntheit der Nachhaltigkeit leistet. Das Verständnis von Nachhaltigkeit ist auch eine Frage der Bildung.

Die Bundesbürger, die schon mit dem Terminus in Berührung gekommen sind, verbinden am ehesten ökologische Aspekte damit. Soziale Themen wie die Zukunft der nachfolgenden Generationen tauchen kaum in den Antworten auf. Wie erklären Sie sich das?

Fragen des Umweltschutzes wurden schon lange vor der Zeit diskutiert, als der Nachhaltigkeitsbegriff in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielte. Grob geschätzt kann man sagen, dass erst ab der Jahrhundertwende der Begriff der Nachhaltigkeit in der deutschen Gesellschaft bekannt und oft als neuer Begriff für den Umweltschutz verwendet wurde. Insofern leuchtet es ein, dass Nachhaltigkeit immer noch stark mit ökologischen Fragen in Verbindung gebracht wird und weniger mit sozialen Themen. Andererseits wird in den Medien aber schon seit ca. 2008 mehr über sozial kritische Ereignisse (z.B. inhumane Arbeitsbedingungen) als über ökologische Themen berichtet. Sozial-kritische Ereignisse werden aber von vielen Menschen nicht dem Begriff der Nachhaltigkeit zugeordnet, so dass bei Fragen zur Nachhaltigkeit auch kaum soziale Themen genannt werden. Das ist auch eine Frage der Bildung.

(Wie) wird sich das zunehmende Interesse an Nachhaltigkeitsprinzipien Ihrer Ansicht nach künftig auf unser Konsumverhalten auswirken?

Die Wichtigkeit von Fragen des Umwelt- Ressourcen- und Klimaschutzes sowie der sozialen Gerechtigkeit schwankt in einer Auf- und Ab-Bewegung über die Zeit. Auf lange Sicht nimmt die Bedeutung der Nachhaltigkeit aber stetig zu und wir erkennen, dass immer mehr Menschen bereit sind, eine Mit-Verantwortung für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit zu übernehmen. Das hat auch seine Wirkung auf persönliche Lebens- und Konsumstile, die sich, zwar langsam und zögerlich, aber kontinuierlich in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit beim Konsum bewegen. Allerdings befinden wir uns aktuell bei dieser Entwicklung noch in einem frühen Stadium. Nur ein relativ geringer Anteil der Menschen in Deutschland ist heute bereit, mehr für ökologische oder faire Produkte zu bezahlen oder sogar auf Konsum zu verzichten. Dieser Anteil, da bin ich mir sehr sicher, wird sich aber in Zukunft deutlich erhöhen.

Und was bedeutet zunehmendes Interesse an Nachhaltigkeitsprinzipien für Hersteller und den Handel? Sind diese für die Ansprache einer nach- haltig orientierten Kundengruppe heute schon gerüstet?

Gerüstet sind sie wohl noch nicht. Es ist auch schwierig zu sagen, wann Hersteller und Handel wirklich gerüstet sind, nachhaltig orientierte Kundengruppen anzusprechen. Einige Hersteller und Händler sind aber auf jeden Fall auf einem guten Weg. Es gibt hier Vorbilder oder Vorreiter sowohl bei den Herstellern, was das nachhaltige Management und die nachhaltige Produktentwicklung angeht, als auch bei den Händlern, hinsichtlich der Breite eines nachhaltigen Warensortiments. Mein Eindruck ist, dass Hersteller und Händler mehr auf den Druck nach- haltiger Kundengruppen reagieren, als dass sie versuchen, nachhaltige Produkte insgesamt und proaktiv zu fördern und für alle Kunden attraktiv zu machen. Da nun leider der Nachfragesog nach nachhaltigen Produkten immer noch recht überschaubar ist, überschlagen sich Hersteller und Händler auch beim Angebot und der Promotion solcher Produkte nicht. Das zunehmende Interesse für Nachhaltigkeit bei den Konsumenten wird, da bin ich mir sicher, den Prozess zu mehr Nachhaltigkeit bei Herstellern und Händlern beschleunigen.

Zuletzt noch eine persönliche Frage: Was heißt Nachhaltigkeit für Sie? Und gibt es Bereiche, in denen Sie besonderen Wert darauf legen?

Als Ökonom muss ich das Nachhaltigkeitsprinzip auf die Handlungs- bedingungen beider Marktakteure, also auf die der Anbieter und der Nachfrager, übertragen. Aus Sicht der Unternehmen bedeutet nachhaltiges Management unter wettbewerblichen Bedingungen aus Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen ökologisch und sozial zu handeln. Nachhaltig zu konsumieren heißt, die ökologischen und sozialen Konsequenzen des persönlichen Konsums auf andere Menschen und auf die Umwelt beim Kauf und der Nutzung von Produkten aus Verantwortung zu berücksichtigen. Als Wissenschaftler liegen mir der Umwelt- und Klimaschutz genau so am Herzen wie die Themen soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenrechte. Da der verantwortungsbewusste Umgang mit der Umwelt sowohl auf Seiten der Unternehmen als auch auf Seiten der Konsumenten bis heute sehr gut wissenschaftlich untersucht wurde, liegt mein Arbeitsschwerpunkt auf den sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit. Darüber hinaus interessiere ich mich wissenschaftlich sehr stark für Themen der freiwilligen Konsumeinschränkung z.B. durch Verzicht bestimmter Produkte oder durch geteilte Produktnutzung.

Herzlichen Dank für das Gespräch!