Abwrackprämie: Konjunkturmotor oder Schrottmodell?

Juni 2009

Für die einen ist sie wirksamer Stoßdämpfer für die gebeutelte Autoindustrie, für die anderen eine ökonomische Katastrophe: Die Abwrackprämie, wie das Konjunkturprojekt der Großen Koalition von Wolfsburg bis Rüsselsheim genannt wird, wird unter Ökonomen, Politikern und Vertretern der Automobilindustrie heiß diskutiert. Die Verbraucher, so sollte man meinen, freuen sich in jedem Fall über den Bonus, den der Staat für die finale Fahrt zum Schrottplatz zahlt. Doch das stimmt nicht ganz. Befürworter und Gegner halten sich nahezu die Waage.

Die Milliardenspritze, mit der die Bundesregierung im Superwahljahr die Konsumlust der Bürger aufpumpen will, reicht für rund zwei Millionen Fahrzeuge. Schon jetzt haben Hunderttausende einen Neuwagen gekauft und staatliche Zuschüsse beantragt. Sicher ist auch: Die Anfang 2009 hurtig ins Leben gerufene Umwelt- oder Abwrackprämie ist wohl eines der bekanntesten Projekte der Großen Koalition. Fast 98 Prozent der befragten Deutschen kennen das Förderprogramm zur Verschrottung alter PKW. Dies ergab eine Studie, die die GfK Marktforschung im Auftrag des GfK Vereins erhoben hat. Im Osten Deutschlands liegt dieser Wert sogar bei mehr als 99 Prozent. Mehr als die Hälfte weiß dabei genau, was unter dem Begriff zu verstehen ist, ein weiteres knappes Drittel hat zumindest eine ungefähre Vorstellung.

Das wohl bekannteste Konjunkturprojekt der Regierung

Das Wissen um die Prämie, die noch bis Ende des Jahres für die Verschrottung älterer Pkw beantragt werden kann, zieht sich durch alle Altersstufen, alle Einkommensschichten, alle Bildungsniveaus. Wer die Abwrackprämie für Autos kennt, muss sie übrigens keineswegs selbst genutzt haben. Nur bei etwa 3 Prozent der Haushalte war dies zum Zeitpunkt der Befragung der Fall.

Doch wie finden die Deutschen den Bonus für die eigentlich noch gar nicht so alten Autos? Befürworter und Gegner halten sich nahezu die Waage. Etwa 39 Prozent der insgesamt 2159 Befragten äußerten sich positiv, 37 Prozent negativ. 22 Prozent sagen von sich selbst, die Vor- und Nachteile nicht beurteilen zu können. Pure Begeisterung löst die Prämie kaum aus. So halten nur gut 9 Prozent der Menschen das Modell für eine „sehr gute Maßnahme“, die übrigen Befürworter finden sie lediglich „ganz in Ordnung“. Die Ablehnung fällt dagegen deutlicher aus: 18 Prozent halten es für „sehr problematisch“, was die Große Koalition in Sachen Autos tut, weitere 19 Prozent finden die Maßnahmen „nicht so gut“. Jubel über ein „Wahlgeschenk“, wie Kritiker die Prämie oft betiteln, sieht anders aus.

Befürworter glauben an die positive Wirkung auf die Autobranche

Die 2500 Euro vom Staat sollen die Konjunktur ankurbeln, Arbeitsplätze in der Automobilindustrie sichern und nebenbei noch gut für die Umwelt sein. So wollen es die Erfinder. Die Befürworter unter den Befragten argumentieren ähnlich für das Modell. Knapp 29 Prozent glauben, dass die Prämie den Umsatz der Autoindustrie in die Höhe treibt. Weitere 24 Prozent mögen sie, weil sie Anreize zum Autokauf schafft. Etwa 17 Prozent hoffen, dass durch neue, abgasärmere Autos die Umwelt geschont wird. Allerdings freuen sich fast ebenso viele ganz eigennützig, nämlich darüber, dass es Geld für ein altes Auto gibt. Je älter die Befragten, desto weniger spielt die Schnäppchenjagd aber eine Rolle. Nur 10 Prozent der über 50-Jährigen, die die Abwrackprämie befürworten, tun dies, weil sie einen Zuschuss für ihr neues Auto bekommen. Bei den bis 34-Jährigen liegt dieser Wert deutlich höher bei 21 Prozent.

Die Krise kommt trotzdem, fürchten die Gegner

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben – das befürchtet die Mehrheit der Menschen, die die Prämie ablehnen. 37 Prozent meinen, die positive Wirkung auf die Wirtschaft könnte bald verpuffen und die Probleme würden nur ins nächste Jahr verschoben. Zudem stellen sich Kritiker die Frage: Wem soll der Staat eigentlich in der Krise helfen? Dieses Thema beschäftigt die Verbraucher nicht erst jetzt, nachdem der Staat Opel gerettet und dem Waren- und Touristikkonzern Arcandor eine Absage erteilt hat. Auch bei der Abwrackprämie ist die Frage nach der Gerechtigkeit zweitwichtigstes Argument der Gegner. Fast 16 Prozent der Befragten bemängeln, dass die Förderung nur einen Wirtschaftszweig unterstützt. Sie schließen sich damit der Kritik vieler Ökonomen an. „Eine solche Extrabehandlung stößt auf Unverständnis in anderen Branchen”, sagte beispielsweise der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, in verschiedenen Medienberichten. Mit Unverständnis reagieren aber auch weitere 15 Prozent der Kritiker auf den Umgang der Regierung mit Steuermitteln. Sie halten die Prämie für pure Verschwendung.

Konsumenten erwarten weitere Prämien

Dass der Staat den Verschrottungs-Bonus über 2010 hinaus verlängern könnte, glaubt weniger als ein Fünftel der Befragten. Deutlich mehr sind allerdings der Auffassung, die Regierung könnte einen staatlichen Zuschuss für andere Bereiche gewähren. Insgesamt 31 Prozent, darunter sowohl Befürworter als auch Gegner der Abwrackprämie, halten dies grundsätzlich für möglich.

Die Deutschen beschäftigen sich – gerade in der Krise – mit der Jagd auf billige Angebote. Doch was, wenn die Abwrackprämie ausläuft? Hat sich der Verbraucher dann nicht längst gewöhnt an Billigpreise, Sonderprämien und Rabatte? Der Handel jedenfalls hat das Modell der Regierung inzwischen kopiert und versucht, die Kunden auch in anderen Branchen zum Konsum zu verführen. Geld gibt es unter anderem beim Tausch alter gegen neue Möbel, bei Elektrogeräten, sogar bei Leiterplatten für den PC. Die Verbraucher können an vielen Stellen sparen – und sie erwarten dies auch vom Handel. Sobald die staatliche Prämie ausläuft, werden Autobauer und andere Händler auf eigene Faust Zuschüsse anbieten, glaubt die Hälfte der Befragten.

Bis dahin wird wohl weiter über diese und andere Konjunkturspritzen diskutiert. Und es werden weiter Anträge auf staatlichen Zuschuss beim Autokauf gestellt. Durchschnittlich 3 Prozent der Haushalte wollen sich noch in diesem Jahr einen Neuwagen anschaffen und die 2500 Euro mitnehmen. Darunter auch erklärte Gegner der Prämie.


Datenquellen: GfK Verein (Omnibusumfrage, Mai 2009)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org