Arbeit und Privatleben in Balance

August 2015

Sommerzeit ist Urlaubszeit – bei Temperaturen wie zuletzt über 30 Grad träumen wir von relaxten Stunden im schattigen Garten, am Meer oder in den luftigen Höhen der Berge. Ein paar Tage oder Wochen Auszeit vom Alltag nehmen und die Arbeit Arbeit sein lassen – für viele ist das die schönste Zeit im Jahr. Auf Dauer können sich aber die wenigsten von uns ein solches Leben vorstellen. Die Erwerbstätigen in Deutschland legen vielmehr großen Wert auf ihre Arbeit und sind bereit, viel für den Beruf zu tun. Die Liebe zum Job macht die Menschen aber nicht blind für die Schattenseiten der Arbeitswelt. Vor allem die Frage nach der Einkommensgerechtigkeit sehen die Menschen kritisch.

Gerechte Löhne: derzeit nicht in Sicht

Faire Löhne für gute Arbeit – davon sind wir in den Augen der meisten Menschen in Deutschland weit entfernt. Gerade einmal 14 Prozent der deutschen Erwerbstätigen halten die Einkommen in der Bundesrepublik für gerecht verteilt. 77 Prozent sind der Meinung, dass bestimmte Berufsgruppen zu gut bezahlt werden. Noch mehr, nämlich 80 Prozent, finden, dass manche Berufsgruppen angesichts ihrer Leistung zu wenig verdienen. Und 71 Prozent haben den Eindruck, dass immer mehr Menschen einen Zweit- oder gar Dritt-Job brauchen, um von ihrer Arbeit leben zu können. Auch innerhalb einzelner Branchen klaffen in den Augen der Deutschen zu krasse Verdienstlücken: Zwischen einfachen Angestellten und Berufstätigen in leitenden Positionen seien die Einkommensunterschiede viel zu groß, sagen 69 Prozent der Befragten. Und 77 Prozent glauben, dass sich die Situation noch verschärfen und die Schere zwischen Gut- und Geringverdienern immer größer wird. Überhaupt hängen Arbeit und sozialer Status nach Ansicht vieler Befragten eng zusammen. Für 61 Prozent zieht der Verlust des Jobs den gesellschaftlichen Abstieg nach sich. Dies zeigt die Studie „Bedeutung der Arbeit“, für die der GfK Verein und die Bertelsmann Stiftung rund 1.000 Erwerbstätige – repräsentativ für die deutsche Bevölkerung – zwischen 18 und 60 Jahren befragt haben.

Die eigene Einkommenssituation wird dagegen weniger dramatisch eingeschätzt: Die Mehrheit der Menschen, nämlich 64 Prozent, fühlt sich derzeit gerecht bezahlt. Im Westen der Republik fällt die Zufriedenheit mit dem, was am Ende des Monats auf der Gehaltsabrechnung steht, etwas höher aus als im Osten: Dort empfinden 59 Prozent ihr aktuelles Einkommen als eher oder absolut gerecht, im Westen sind es 65 Prozent.  Dieser Unterschied hängt wohl auch mit dem unterschiedlichen Einkommensniveau in Ost und West zusammen. Denn es zeigt sich, dass die Lohn-Zufriedenheit mit steigendem Nettogehalt wächst: So empfinden 90 Prozent der Arbeitnehmer, die monatlich 3.000 Euro oder mehr in der Tasche haben, ihr Einkommen als gerecht. Bei den Berufstätigen, denen weniger als 1.250 Euro im Monat zur Verfügung stehen, sind es gerade einmal halb so viele.

Selbst etwas schaffen: die bessere Alternative

Nicht mehr zur Arbeit gehen – das ist für die meisten Menschen trotz der Herausforderungen, die die Arbeitswelt mit sich bringt alles andere als eine Traumvorstellung. Mehr als die Hälfte der Deutschen fände ein Leben ohne berufliche Tätigkeit zu langweilig. Und selbst großzügige Transferleistungen wären für die meisten keine Alternative zum eigenhändigen Anpacken: So würden drei Viertel der Befragten auch dann lieber Tag für Tag zur Arbeit gehen, wenn das Arbeitslosengeld sehr hoch wäre. Bei einem beträchtlichen Geldgewinn könnte sich immerhin jeder Vierte vorstellen, aus dem Job auszusteigen. Die Mehrheit aber würde trotz finanzieller Sorgenfreiheit weiterarbeiten. Allerdings nicht zwingend am bisherigen Arbeitsplatz: So können sich 37 Prozent gut vorstellen, bei einem Geldgewinn den Job zu wechseln und sich eine Stelle suchen, die ihnen mehr Spaß macht. Der größere Teil der Befragten fühlt sich aber offensichtlich wohl mit der momentanen Situation: Insgesamt sind 67 Prozent der Berufstätigen zufrieden mit ihrer Arbeit – und das relativ unabhängig von Alter und Geschlecht.

Lebenslanges Lernen: hohe Bereitschaft

Die Deutschen hängen also an ihren Jobs – und sind größtenteils bereit, einiges dafür zu investieren. Alle paar Jahre zum interkulturellen Training? Ein Online-Marketing-Kurs oder die vierte Fremdsprache fünf Jahre vor dem Ruhestand? Neues Wissen und neue Fähigkeiten zu erwerben gehört für die Mehrheit der Menschen zum Berufsleben dazu – und zwar unabhängig vom Alter. Drei Viertel glauben, dass man heutzutage jederzeit bereit sein muss dazuzulernen. Auch sich komplett neue Dinge anzueignen halten 68 Prozent der Deutschen für erforderlich – kein Wunder angesichts eines immer rasanteren technischen Wandels. 60 Prozent sind zudem sicher, auf dem Arbeitsmarkt nur mithilfe regelmäßiger Weiterbildungen zu bestehen.

Arbeit oder Familie: Beziehungen gehen vor

Fortbildung statt Feierabend – für viele Deutsche ist das offenbar kein Problem. Allerdings nur, solange dieser Einsatz nicht zu sehr zulasten des Soziallebens geht. Für einen guten Job auf Partnerschaft oder Familie verzichten? Das kommt nur für eine verschwindend geringe Zahl, nämlich 7 Prozent, in Frage. 80 Prozent können sich mit dieser Idee dagegen überhaupt oder eher nicht anfreunden. Im Gegenteil: Jeder zweite Befragte kann sich vorstellen, für seine Lieben auf einen Karrieresprung zu verzichten. Am ehesten sind die Menschen noch bereit, fern der Heimat ihre Zelte aufzuschlagen, wenn dafür eine gute Arbeitsstelle geboten wird. 27 Prozent würden einen geliebten Wohnort aufgeben; für 41 Prozent wäre das allerdings keine Option. Ähnlich viele, nämlich 39 Prozent, würden dem Job zuliebe auch nicht ihr Hobby ruhen lassen. Doch immerhin 22 Prozent wären bereit dazu, für den Beruf auf ihre Lieblingsbeschäftigung zu verzichten.

Beruf und Privatleben: Leben in Balance

„Sechs Stunden sind genug für die Arbeit; die anderen sagen zum Menschen: lebe!" Dies soll schon vor gut 1.900 Jahren Lukian von Samosata, ein berühmter Satiriker der der Antike, gesagt haben. Mit sechs Stunden Arbeit dürften wohl die wenigsten der befragten Vollzeitbeschäftigten auskommen. Sie wären schon froh, wenn Beruf und Privates strikter getrennt wären. Fast zwei Drittel möchten nach Arbeitsschluss abschalten und nicht mehr an den Job denken (müssen). Doch Handy, Smartphone und Laptop machen ein Abschalten oftmals schwer. So ist checkt jeder Vierte auch nach Feierabend noch seine geschäftlichen Mails. Jeder Fünfte findet es zudem selbstverständlich, das Handy auch im Urlaub dabei zu haben, um für die Arbeit erreichbar zu sein.

So steht der Wunsch nach klar definierten Arbeits- und Ruhezeiten dem Verantwortungsgefühl für den Beruf gegenüber. Doch wie gelingt es, die Balance zwischen Produktivität und Muße zu finden? Vielleicht können wir die kommenden Urlaubstage ja dazu nutzen, uns diese Frage zu stellen. Das Smartphone sollten wir für diese Zeit dann einmal abschalten und das Tablet in der Tasche lassen. Bei sommerlichen Temperaturen machen mobile Geräte ohnehin viel zu schnell schlapp und brauchen Zeit, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Genauso, wie wir Menschen auch.


Datenquelle: Kooperationsstudie „Bedeutung der Arbeit“ von GfK Verein und Bertelsmann Stiftung, April 2015

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Castaldi (claudia.castaldi@gfk-verein.org).


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