Atomkraft im Abseits?

Mai 2011

Das Reaktorunglück von Fukushima hat die Einstellungen der Deutschen zum Thema Atomkraft verändert – und ihre Bereitschaft erhöht, selbst etwas für ein schnelleres Ende dieser „Brückentechnologie“ zu tun. So fordern heute mehr Menschen als noch vor wenigen Monaten den verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien, selbst wenn ihre Energiekosten dadurch steigen sollten.

Eins ist sicher: Japan ist seit Fukushima nur noch geographisch weit entfernt von Deutschland. Das Land ist mit dem Reaktorunglück ins Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit gerückt; kaum jemanden lässt das Thema derzeit kalt. So machen sich gerade einmal 11 Prozent angesichts der aktuellen Debatten keinerlei weitere Gedanken. Gut 70 Prozent dagegen zeigen sich betroffen und nachdenklich angesichts all dessen, was tausende Kilometer weit entfernt passiert ist. Dies zeigen aktuelle Umfrageergebnisse der GfK Marktforschung, Energie & Umwelt.

Energiewende selbst gemacht

Das Votum ist eindeutig: Knapp die Hälfte der Befragten befürwortet heute den sofortigen Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft. Nur ein Viertel der Menschen distanziert sich dagegen von der Aussage „Atomkraft, nein danke!“. Inmitten des Moratoriums, der aktuellen Auszeit für sieben alte Meiler, denken die Deutschen aber auch über die Sicherheit und Notwendigkeit jüngerer Kraftwerke nach. Ein Drittel spricht sich für die Idee, Meiler jüngeren Baujahrs am Netz zu lassen, aus; 40 Prozent äußern sich ablehnend. Doch wieso auf politische Entscheidungen warten? Das scheinen sich die knapp 25 Prozent der Befragten zu denken, die sich (nach eigenen Angaben) vorstellen können, demnächst zu einem Energieversorger mit erneuerbaren Energien im Portfolio zu wechseln. Von ihrer Wechselabsicht „voll und ganz“ überzeugt sind derzeit 7 Prozent der Deutschen. Ein Blick auf die tatsächliche Wechselquote von Haushalten zeigt, dass bis 2010 etwa 21 Prozent der Kunden den Wettbewerb nutzten; sie tauschten seit der Marktöffnung 1998 ihren Stromlieferanten, die meisten aus Preisgründen (Quelle: BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., Energiedaten, 4.2. Kundenverhalten seit der Marktöffnung).

Kernkraft für wirtschaftliche Stabilität?

Gut ein Viertel der Deutschen spricht sich mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Republik für ein Weiterlaufen der AKWs aus. Deutlich mehr Menschen – insgesamt 46 Prozent – sehen dagegen kein ökonomisches Risiko für ein atomstromfreies Deutschland. Auch die Pro-Atom-Argumente Umweltschutz und Sicherheit überzeugen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Jeweils rund 13 Prozent führen derzeit noch die ausgereifte Technik der Kernenergie ins Feld oder verweisen auf die CO2-Einsparung durch Atomstrom.

Energiewende zum Nulltarif?

„Energiewende soll den Haushalt nicht belasten“ – so titelte kürzlich der Tagesspiegel (Quelle: www.tagesspiegel.de vom 7. Mai 2011) und berichtete von der Weigerung des Finanzministers, die Kosten für einen vorgezogenen Atomausstieg mitzutragen. Die deutschen Verbraucher dagegen geben sich weniger sparsam: Der Aussage „Ich bin für Strom aus Kernkraft, weil er günstig ist“ stimmen nur etwa 13 Prozent zu – fast 60 Prozent dagegen unterschreiben das nicht. Im Gegenteil: Die Menschen scheinen davon auszugehen, dass es die Energiewende nicht zum Nulltarif gibt – und die Akzeptanz, dafür Geld auszugeben, steigt. Während im Februar etwa ein Drittel der Befragten höhere Strompreise für den Ausbau der Erneuerbaren in Kauf genommen hätte, war es im April schon knapp die Hälfte der Deutschen.

Doch würden den Worten auch konkrete Taten folgen? Die Verbraucher geben sich engagiert: Gefragt, wie viel sie jeden Monat mehr an Stromkosten zahlen würden, zeigt sich: Etwa 20 Prozent geben an, sich Mehrkosten zwischen 6 und 10 Euro vorstellen zu können, weitere 18 Prozent würden immerhin bis zu fünf Euro drauflegen. Und immer noch 15 Prozent wären sogar einverstanden, wenn ihre Stromrechnung um zwischen 11 und 20 Euro stiege. Demgegenüber würden etwa 37 Prozent der Deutschen keinerlei Mehrausgaben akzeptieren. Ostdeutsche liegen hier über dem Durchschnitt: Fast die Hälfte der Menschen aus den neuen Bundesländern kann sich nicht vorstellen, für den schnellen Ausstieg tiefer in die Tasche zu greifen.

Westdeutsche zeigen sich „grüner“

Überhaupt scheint die Haltung in Energiefragen von der Region abzuhängen. Westdeutsche können sich den sofortigen Atomausstieg ebenso besser vorstellen oder leisten wie den Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter oder die Abschaltung auch jüngerer Meiler. Ostdeutsche glauben dagegen eher daran, dass das Land aus ökonomischen Gründen weiter auf Atomkraft angewiesen ist; sie setzen stärker darauf, dass die Technologie sicher und beherrschbar ist und sehen finanzielle und ökologische Vorteile in ihrer Nutzung. Insgesamt beschäftigen sie sich auch weniger als ihre westdeutschen Nachbarn mit der aktuellen Diskussion.

Steht die Katastrophe von Fukushima für einen Paradigmenwechsel in der Energieerzeugung? Oder nur für einen kurzen Schock, von dem man sich schnell erholt? Wie auch immer die politischen Entscheidungen in den nächsten Monaten aussehen werden – die Deutschen sind durch die Ereignisse in Fukushima derzeit ganz offensichtlich deutlich von der Kernkraft abgerückt.

Auch die von der Bundesregierung eingesetzte Ethikkommission zur Atomenergie kommt aktuell zu der Einschätzung, dass ein Ausstieg aus Atomenergie bis 2021 möglich ist, ohne die Sicherheit der Energieversorgung zu gefährden. Die bereits abgeschalteten sieben ältesten deutschen Reaktoren und das Kraftwerk Krümmel könnten ohne Gefährdung der Versorgungssicherheit vom Stromnetz getrennt bleiben, so die Kommission.


Datenquellen: GfK Marktforschung, Energie und Umwelt / GfK Verein (GfK Classic Bus, Februar und April 2011).

Bei Rückfragen zu diesem Artikel wenden Sie sich bitte an Marion Krämer-Bongartz, E-Mail: marion.kraemer-bongartz@gfk.com bzw. Patrick Niemeyer, Email: patrick.niemeyer@gfk.com.

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung:claudia.gaspar@gfk-verein.org.