Bio? Logisch!

Oktober 2010

Zurück zur Natur – das wünschen sich die Deutschen mitunter, wenn es um ihr tägliches Brot geht. Angesichts der regelmäßig wiederkehrenden Skandale rund ums Essen bleibt Bio ein Trend – wenngleich einer, der sich auf niedrigem Niveau entwickelt. Immerhin: Auch im ersten Halbjahr 2010 setzt sich der Trend aus den Vorjahren fort und der Anteil der Bio-Lebensmittel an den Ausgaben für Nahrungsmittel insgesamt stabilisiert sich. Und nicht nur für ein besseres Bauchgefühl greifen die Deutschen gern zum ökologisch angebauten Obst und Gemüse. Der Wunsch nach naturbelassenen Produkten wird auch im Kosmetikbereich spürbar.

Krebserregende Färbemittel in Gewürzen, Schlachtabfälle, getarnt als Rinderbraten, oder Schadstoffe im Olivenöl – das sind nur drei Beispiele von Lebensmittelskandalen aus den letzten Jahren. Surft man durch die vielen Internetseiten zum Thema Ekel-Nahrung, so wundert man sich, warum wir Deutschen nicht noch viel häufiger Bio-Lebensmittel kaufen. Ihr Ausgabenanteil lag im ersten Halbjahr des Jahres stabil bei rund 3 Prozent. Verglichen mit den Vorjahren hat sich der Anstieg zwar etwas verlangsamt, die Bio-Quote fällt heute aber immerhin doppelt so hoch aus wie noch 2004. Das zeigen Langzeituntersuchungen zum Kauf von Bio-Produkten von GfK Panel Services.

In den Bilanzen der Bio-Läden macht sich der Erfolg des naturbewussten Genusses nicht ganz so stark bemerkbar. Denn obwohl die Einkaufskörbe voller werden, klingeln die Kassen nicht sehr viel lauter. Der Grund: Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum ist zwar der Absatz an Bio-Lebensmitteln in den ersten vier Monaten des Jahres um 4 Prozent gestiegen, der Wert der gekauften Waren legte jedoch nur um 0,2 Prozent zu. Die Preise für Bio-Lebensmittel sind also rückläufig, unter anderem, weil „Bio“ keineswegs nur mehr im ausgesuchten Fachhandel zu haben ist. Egal ob Aldi, Lidl oder Norma – nicht nur zahlreiche Lebensmittel-Händler, sondern auch die Discounter sowie Drogeriemärkte haben das Bedürfnis der Deutschen nach ausgewogener und gesunder Ernährung erkannt und Naturkost ins Sortiment aufgenommen. Damit machen sie den traditionellen Anbietern von Bio-Nahrung Konkurrenz.

Wer heute in einen unbehandelten Apfel beißen, die Kartoffeln ohne Pestizid-Einsatz genießen oder Gebäck ohne Zusatzstoffe zum Kaffee anbieten möchte, der macht sich häufig auf den Weg in den nächsten Lebensmittelladen. Fast zwei Drittel der Produkte aus ökologischem Anbau werden heute im Lebensmittelhandel und in Drogeriemärkten erworben – Tendenz steigend. Doch auch Naturkostläden, die Keimzellen der Bio-Bewegung, konnten zulegen. Verglichen mit den ersten vier Monaten des Jahres 2009 stieg der Anteil der Bio-Läden weiter auf rund 20 Prozent. Weniger gut kommen die Reformhäuser, das Lebensmittel-Handwerk oder Anbieter auf dem Wochenmarkt weg, die im gleichen Zeitraum Kundschaft verloren haben.

Müsli: Ganz oben auf dem Bio-Speiseplan

Wer hat’s erfunden? Bezogen auf das Müsli ist die Antwort klar: Die Schweizer, genauer der Arzt und Ernährungsreformer Maximilian Oskar Bircher-Benner, hat die Mischung aus Getreide und Äpfeln schon Anfang des letzten Jahrhunderts salonfähig gemacht. In den 1960-er Jahren entdeckte die Hippie-Bewegung das Müsli dann als elementaren Teil einer ganzheitlichen Ernährung und trug zu seiner Verbreitung über die Schweizer Grenzen hinweg bei. Zwar gibt es inzwischen Bio-Lebensmittel in allen möglichen Variationen, doch das Müsli hat sich bis heute ganz oben auf der Karte gehalten – auch wenn man neudeutsch eher von Cerealien spricht. Diese haben den höchsten Bio-Anteil im Lebensmitteleinzelhandel und landen mit etwa 10 Prozent an der Spitze, gefolgt von Brotaufstrichen sowie Obst, Gemüse und Kartoffeln mit jeweils etwa 7 Prozent. Etwas weniger hoch ist der Anteil im Bio-Segment bei Backwaren und Molkereiprodukten. Und auch beim Thema Getränke hält sich die Nachfrage nach der ökologischen Variante eher in Grenzen: Alkoholfreie Getränke haben einen Bio-Anteil von knapp 2 Prozent; Bier und Wein liegen etwas darüber. Schlusslicht sind Wurst, Fleisch, Fisch und Geflügel, die die 2-Prozent-Marke nicht knacken können.

Bio-Kosmetik: Natürlich gut aussehen

Wem das Öko-Siegel auf dem Teller nicht reicht, der hat heute viele Möglichkeiten: Bio-Kleidung, nachhaltige Reisen oder ökologisch sauberes Wohnen sind im Angebot. Und natürlich gilt „Bio“ längst nicht mehr als Etikett für ungeschminkte Naturfans. So legte der Anteil der Bio-Kosmetik am Gesamtmarkt in den letzten vier Jahren von rund 3 Prozent auf 4 Prozent zu – immerhin ein Wachstum, wenn auch – wie bei den Bio-Lebensmitteln – auf relativ niedrigem Niveau.

Vor allem für Gesicht und Körper nutzen die Deutschen heute gerne die Natur: Der Anteil von Bioprodukten an entsprechenden Pflegemitteln ist mit 9 beziehungsweise 8 Prozent am höchsten. Seltener greifen die Deutschen dagegen zu entsprechend gelabelten Dusch- und Badeprodukten sowie zu Natur-Seife und –Deo. Diese Produkte machen derzeit etwa 3 Prozent des Gesamtmarktes aus, gefolgt von Sonnenschutzmitteln, Make-up und anderer dekorativer Kosmetik sowie Haarpflege. Dass Frauen vermutlich häufiger zu Naturkosmetika greifen, zeigt auch der Bio-Anteil eines typisch männlichen Körperpflegemittels: Rasiermittel- und Rasierwasser auf Naturbasis landen mit unter 2 Prozent auf dem letzten Platz.

Mehr Käufer, weniger Ausgaben

Gewiss helfen immer mehr Menschen hin und wieder ihrer Schönheit mit Bio-Produkten auf die Sprünge, in den Kassen der Hersteller macht sich auch dieser Trend kaum bemerkbar. Zwar ist die Käufer-Reichweite zwischen 2006 und 2010 von rund 14 auf über 20 Prozent gestiegen, doch die Ausgaben im Naturkosmetik-Segment konnten hier kaum mithalten. Der Grund: Immer mehr Händler bieten neben teureren Marken-Naturkosmetika günstigere Handelsmarken an. Letztere kommen etwa ein Drittel günstiger daher: Während der Durchschnittspreis für Marken-Kosmetik mit Öko-Siegel bei knapp 7 Euro liegt, zahlen Verbraucher für die Handelsmarke gerade einmal gut 2 Euro. 
Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis Bioprodukte ganz vorne im Bad und ganz oben auf der Speisekarte stehen. Doch sie rücken langsam – aber stetig – immer stärker ins Bewusstsein der Verbraucher. Zuversicht können all jene, die auf nachhaltige Produkte setzen, auch beim Blick zurück schöpfen. Denn schließlich ist der Bio-Trend zwar noch ein zartes Pflänzchen, aber eines, das selbst die letzte Wirtschaftskrise erstaunlich stabil überstanden hat.


Datenquelle: GfK Panel Services (Consumer Scan, Juni 2010)
Rückfragen bitte an Wolfgang Adlwarth, Tel: +49 911 395-3664, E-Mail: wolfgang.adlwarth@gfk.com oder Helmut Hübsch, Tel: +49 911 395-3704, E-Mail: helmut.huebsch@gfk.com

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: claudia.gaspar@gfk-verein.org