Bröckelnde Klischees: Konsumlust und Einkommen in Ost und West

Februar 2010

Vor fast 20 Jahren feierten die Deutschen die Einheit ihres Landes. In diesen 20 Jahren sollten Ost und West zusammenwachsen. Was die Konsumlust betrifft, so scheint das auf den ersten Blick gelungen – die Verbraucher zeigen sich hier inzwischen recht einig. Beim Einkommen hingegen bleiben bis heute Unterschiede bestehen – allerdings nicht nur zwischen Ost und West.

Der Fall der Mauer jährte sich im Herbst 2009 zum 20. Mal. Nach einer in der Geschichte beispiellosen Transformation kam es in der Folge innerhalb eines Jahres zur Währungs-, Wirtschafts-, und Sozialunion. Deutschland sollte eins werden – eine Generation nach dem historischen Wendepunkt in der deutsch-deutschen Geschichte scheint das zumindest beim Konsumklima gelungen. Dies zeigt eine Studie des GfK-Vereins in Zusammenarbeit mit der GfK Marktforschung.

Volle Regale statt Warteschlangen

Mit dem Mauerfall endete im Osten auch die Konsumgüterknappheit. Die einst oft leeren Regale waren gefüllt, und die Konsumstimmung stieg. In den Anfangsjahren des geeinten Deutschlands entwickelte sich das Konsumklima im Osten sogar besser als im Westen. Der Aufschwung des Indikators 1998 und 1999 stand ganz im Zeichen der Annäherung von Ost und West, bevor zur Jahrtausendwende der Osten gegenüber dem Westen deutlich an Boden verlor. Ein Blick auf die Arbeitsmarktstatistik zeigt, was diesen Einbruch ausgelöst hat. Im Jahr 2000 waren gut 18 Prozent der ostdeutschen Erwerbspersonen ohne Arbeit – eine ernüchternde Bilanz zum zehnjährigen Jubiläum der deutschen Einheit. Im Westen waren es nicht einmal halb so viele. Zudem waren hier die Arbeitslosenquoten seit Ende der 90er Jahre stärker gesunken, als dies im Osten Deutschlands der Fall war. Mit sinkenden Arbeitslosenzahlen konnten die neuen Bundesländer allerdings in den Jahren 2006 und 2007 wieder stark aufholen – seitdem entwickelt sich das Konsumklima in Ost und West relativ ähnlich – zuletzt jedoch mit sinkender Tendenz auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Doch wie sieht es mit den tatsächlichen Konsumausgaben in Deutschland aus? Die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung waren geprägt von einem Aufholprozess des Ostens: Die Zuwachsraten für die privaten Konsumausgaben fielen zum Teil deutlich höher aus als im Westen. Dieser kräftige Schub bei der Binnennachfrage wurde neben der Einführung der D-Mark auch durch umfangreiche Transferzahlungen von West nach Ost angekurbelt. Doch die Entwicklung in Richtung „blühender Landschaften“, die Helmut Kohl einst im Blick hatte, kam 1997 ins Stocken. Erstmals fielen die Zuwächse beim privaten Konsum im Osten deutlich schlechter aus als im Westen. Zwar folgten 1998 und 1999 noch einmal überdurchschnittlich gute Jahre, doch ab 2000 verlief die Entwicklung in den neuen Ländern ungünstiger.

Die Unterschiede scheinen bis heute Bestand zu haben: So zeigen die Ergebnisse der letzten Kaufkraftstudie der GfK Geomarketing für 2010 immer noch ein deutliches Ost-West-Gefälle, was das verfügbare Einkommen der Menschen betrifft. Unter den 25 Kreisen mit der geringsten erwarteten Kaufkraft sind mit einer Ausnahme nach wie vor nur ostdeutsche Kreise vertreten. Doch die Studie zeigt auch: In manchen Regionen holt auch der kaufkraftschwächere Osten im Vergleich zum Westen auf. Zwar liegen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im Bundesland-Vergleich weiter auf den hinteren Plätzen, doch die Kaufkraft nimmt dort – ebenso wie in Brandenburg und Thüringen – relativ gesehen zu. In manchen Regionen des Westens ist das umgekehrt: So sinkt der Kaufkraftindex in den meisten westlichen Bundesländern eher ab, am stärksten in Bremen oder in Teilen Niedersachsens. Aber letztendlich bleibt die Kaufkraft in Bremen mit 17.322 Euro pro Kopf weiterhin auf einem ungleich höheren Niveau als in Mecklenburg-Vorpommern mit 15.672 Euro pro Kopf.

Einkommenserwartung: Saarland hinter Thüringen

Auch was die Einkommenserwartung der Menschen betrifft, so ist die ehemalige innerdeutsche Grenze nicht mehr die alleingültige Richtschnur, die das Land in arm und reich teilt. Ein Blick auf die Einkommenserwartung zwischen 2004 und 2009 zeigt: Bundesweit rechnen die Menschen mit ganz unterschiedlichen finanziellen Spielräumen für die Zukunft. Die Bandbreite liegt hier zwischen Indexwerten von 52 (Region Bayern Südost) und 171 Punkten (Region München) – nebenbei bemerkt zwei Regionen, die direkt aneinander grenzen. Selbst innerhalb der Bundesländer gibt es teilweise also gewaltige Unterschiede.

Die Aussichten auf steigende Einkommen waren in den letzten Jahren im Südosten Bayerns, im Saarland sowie im westlichen Teil von Rheinland-Pfalz alles andere als gut. Der Index liegt hier bei weniger als 70 von möglichen 100 Punkten und damit mehr als 30 Prozent unter dem bundesdeutschen Gesamtwert. Die Befragten aus diesen Regionen waren damit sogar pessimistischer als die Bevölkerung im Osten der Republik, wo der Index zwischen 70 und 82 Punkten (südlicher Teil Ostdeutschlands) beziehungsweise 82 und 94 Punkten (nördlicher Teil Ostdeutschlands) erreicht.

Bei aller Annäherung jedoch ist eines nicht zu vergessen: Menschen, die mit stark steigenden Einkünften rechnen, finden sich im Osten der Republik bis heute seltener. Es sind die Verbraucher in den Großräumen München, Hamburg, Köln/Düsseldorf und Rhein-Neckar, die am optimistischsten in die Zukunft blicken. Vermutlich eröffnet das Angebot an qualifizierten und damit gut bezahlten Arbeitsplätzen gerade hier die Möglichkeit, auf der Einkommensleiter nach oben zu klettern. Der Weg in eine sichere finanzielle Zukunft führt in diese Ballungsräume – und damit weiter in den Westen.


Informationen zu dieser Studie des GfK Vereins sowie zusätzliche Untersuchungsergebnisse erhalten Sie von Ronald Frank, GfK Verein, Tel: +49 911 395-3004, E-Mail: ronald.frank@gfk-verein.org oder von Rolf Bürkl, GfK Marktforschung, Tel: +49 911 395-3129, E-Mail: rolf.buerkl@gfk.com

Weitere Informationen zur Kaufkraftstudie 2010 erhalten Sie von Cornelia Lichtner, GfK Geomarketing, Tel: +49 7251 9295-270, E-Mail: cornelia.lichtner@gfk.com

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung, Tel: +49 911 395-2624, E-Mail: claudia.gaspar@gfk-verein.org