Einheit mit Unterschieden

August 2009

Ziemlich genau 20 Jahre sind vergangen, seit die Mauer, die Deutschland in Ost und West teilte, gefallen ist. 2009 ist das Jahr, in dem dieses Jubiläum gefeiert wird. Es ist aber auch das Jahr der Krise, von der Menschen in ganz Deutschland betroffen sind. Und dabei zeigt sich, dass es auch heute noch zum Teil bemerkenswerte Unterschiede gibt.

Dort, wo einst Helmut Kohl blühende Landschaften heraufbeschwor, ist die Stimmung derzeit besonders trübe. Die Angst, den Job zu verlieren, plagt die Menschen im Osten Deutschlands deutlich stärker als im Westen. Dabei ist die Arbeitslosigkeit dort ohnehin schon deutlich höher. Nach Meldungen der Bundesagentur für Arbeit war die Arbeitslosenquote im Juli fast doppelt so hoch wie im Westen (siehe Download). Da überrascht es nicht, dass im Schnitt etwa ein Drittel der Ostdeutschen zwischen 14 und 64 Jahre den Arbeitsplatz des Hauptverdieners im Haushalt bedroht sieht. In den alten Bundesländern sind es immerhin rund 15 Prozentpunkte weniger. Das sind die Ergebnisse einer Umfrage des GfK Vereins.

Angesichts dieser Situation geraten gängige Stereotype ins Wanken. Wühlte man früher in der Klischeekiste, fand sich in der Schublade „Ost“ traditionell mehr Mitmenschlichkeit, als bei den auf Individualismus getrimmten Menschen im Westen. Doch nun befürchten insbesondere Ostdeutsche im erwerbsfähigen Alter, dass das soziale Klima in Deutschland künftig kälter und die Ellbogen-Mentalität stärker wird. Mehr als 80 Prozent rechnen mit mehr Egoismus durch die Krise – gut 10 Prozent mehr als im Westen.

Zugleich herrscht in den neuen Bundesländern mehr Skepsis, was eine bessere Kontrolle der Finanz-märkte, mehr Fairness in Finanz- und Wirtschaftswelt oder schnelle Reformen betrifft. Insbesondere ältere Ostdeutsche zweifeln stark daran, dass das Wirtschaftssystem fairer wird und glauben kaum, dass notwendige Veränderungen in Politik und Wirtschaft durch die Krise schneller passieren. Ist gerade diese Generation im Osten besonders desillusioniert durch die (Nach-)Wende Erfahrungen in punkto Reformen? Sicher ist: Ost und West haben die Zeit nach dem Mauerfall sehr unterschiedlich erlebt.

Rentner: im Osten kleiner Luxus, im Westen mehr Wertbeständiges

Auch in ihrem persönlichen Verhalten unterscheiden sich die Rentner im Osten von ihren Altersgenossen im Westen. Trotz oder gerade in der Krise möchte man zwischen Rügen und dem Vogtland nicht so einfach auf ein bisschen materielles Glück verzichten. 42 Prozent der Ost-Ruheständler haben vor, sich in Zukunft öfter einen kleinen Luxus zu gönnen; im Westen sind es 32 Prozent. Dafür setzen ältere Menschen im Westen stärker auf wertbeständige Produkte – wenn sie in Krisenzeiten zum Kauf losziehen. Sind diese Unterschiede mehr eine Frage des finanziellen Spielraums oder eher der Einstellung?

Junge Verbraucher: eigene vier Wände versus eigene Region

Ähnlich wie bei den Älteren hängt auch bei den jüngeren Verbrauchern bis 39 Jahre die Vorliebe für wertbeständige Produkte stark von der Herkunft ab. Offenbar hält, wer jünger ist und im Osten lebt, sein Geld jetzt stärker zusammen. Während im Westen der Republik zumindest ein Drittel der unter 40-Jährigen plant, mehr für die Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden auszugeben, bleiben im Osten viele Wohnungen der jungen Generation so wie sie sind. Nur 17 Prozent werden in nächster Zeit in neue Dekoartikel, Möbel oder Tapeten investieren. Wenn auch nicht die eigenen vier Wände, so spielt doch die nähere Umgebung bei den jungen Ostdeutschen eine bedeutende Rolle. Regionale Produkte stehen sogar deutlich häufiger auf dem Einkaufszettel als im Westen – eine Maßnahme, die nicht nur Heimat-verbundenheit ausdrückt und ethischen Vorstellungen entspricht, sondern oft sogar noch sparen hilft.

Nicht alles ist anders

Allerdings herrscht bei den Verbrauchern der älteren Jahrgänge in Deutschland in diesem Punkt mehr Einigkeit als bei den Jungen. Offenbar steigt die Affinität für regionale Produkte bundesweit mit zunehmendem Alter – ebenso wie die Bereitschaft, mehr für Projekte der näheren Umgebung zu spenden.

Auch das Thema Ausgehen ist augenscheinlich mehr eine Alters- als eine Herkunftsfrage. Hier ist es vor allen Dingen die mittlere Generation zwischen 40 und 64 Jahre, die ihre Freizeitgewohnheiten umstellt und häufiger auf den Abend außer Haus verzichten will.

Vollends vereint zeigen sich Ost und West, Ältere und Jüngere, beim Thema Preise. Die Krise –und sicher auch die plakativen Preisschlachten der Anbieter – sorgen dafür, dass die große Mehrheit der Befragten in Ost und West künftig noch genauer hinschauen und vergleichen will, bevor sie ins Regal greift. Das immerhin hat die Krise bislang zur deutschen Einigkeit beigetragen.


Datenquellen: GfK Verein (Omnibusumfrage, Mai/Juni 2009)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org