Euro mit Zukunft

Dezember 2011

„Leichtfertiges Geschwätz“ – so bezeichnete Helmut Schmidt kürzlich auf dem SPD-Parteitag das mediale und politische „Gerede über eine angebliche Krise des Euro“. Mit deutlichen Worten forderte der Altkanzler die Deutschen dazu auf, an der Idee eines geeinten Europas festzuhalten und das Ende des Euros nicht heraufzubeschwören. Wovon Schmidt überzeugt ist, daran glauben auch viele Deutsche. Die Mehrheit ist sich recht sicher, dass der Euro die Währung der Zukunft bleibt. Fast zwei Drittel denken, dass wir auch in zehn Jahren unsere Rechnungen noch in Euro bezahlen werden. Doch dies wird offenbar nicht wegen, sondern trotz der aktuellen Finanzpolitik so gesehen. Der Bundesregierung stellen ebenfalls fast zwei Drittel der Befragten ein schlechtes Zeugnis bei der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise aus.

Gerade einmal 8 Prozent der Deutschen finden, die Regierung schlage sich in der Eurokrise gut oder sogar sehr gut. Eine deutliche Mehrheit dagegen sieht das anders und bewertet das Vorgehen als schlecht oder sehr schlecht. Dies sind aktuelle Ergebnisse einer Zusatzstudie des GfK-Investmentbarometers, für die der GfK Verein in Zusammenarbeit mit dem Wall Street Journal Europe “ mehr als 8.900 private Finanzentscheider in 10 europäischen Ländern (inklusive Deutschland mehr als 1.600 deutsche) und mehr als 850 US-amerikanische und mehr als 850 US-amerikanische private Finanzentscheider befragen ließ. Ganz bewusst wurde diesmal nicht auf die Bevölkerung abgestellt, sondern auf Anleger, die durch ihr Verhalten auf den Finanzmärkten letztlich über den Erfolg einer Währung entscheiden.

Comeback der D-Mark ist nicht in Sicht

Soll es Eurobonds geben oder setzt man doch auf die Haushaltsdisziplin der einzelnen Staaten? Wie gut haben die bisherigen Rettungsmaßnahmen funktioniert und schaffen sie in den Finanzmärkten das nötige Vertrauen? Diese und ähnliche Fragen sorgen offenbar für Verunsicherung bei den Verbrauchern und lassen sie an der Handlungsfähigkeit der Politik zweifeln. Doch bei aller Kritik an der Regierung ist die Mehrheit von einer Zukunft des Euro überzeugt – nur ein Drittel der Befragten glaubt, dass die Währung binnen zehn Jahren abgelöst werden könnte. Hinzu kommt: Die Deutschen wollen mehrheitlich kein Comeback der D-Mark: Mehr als die Hälfte der privaten Finanzentscheider ist der Ansicht, dass der Euro auch in Zukunft über die Ladentheken rollen sollte.

Wie optimistisch man in die Zukunft der Eurozone blickt, hängt auch vom eigenen finanziellen Spielraum ab. Vermögende Privatanleger mit einem frei verfügbaren Anlagevermögen von mehr als 50.000 Euro bzw. einem Haushaltsnettoeinkommen von über 2.500 Euro sehen die Zukunft des Euro positiver als Anleger, die über weniger Kapital verfügen. 71 Prozent der Wohlhabenderen sind der Ansicht, dass die aktuelle Währung auch in zehn Jahren noch existiert. Und fast zwei Drittel wünschen sich das auch. Zum Vergleich: Unter den finanziell schlechter gestellten Anlegern glauben nur 63 Prozent an das Überleben des Euro – und nur gut die Hälfte hofft auch darauf. Vermögende Privatanleger sind auch eher bereit, der Politik ein besseres Zeugnis auszustellen als finanziell schlechter gestellte Anleger. So finden zehn Prozent, die Regierung schlage sich eher gut oder sehr gut in der aktuellen Krise. Bei den Finanzentscheidern mit weniger Kapital unterschreiben das nur 6 Prozent.

Nicht nur die eigene finanzielle Situation, sondern auch das Alter und der Bildungsgrad spielen eine Rolle bei der Beurteilung der Euro-Krise. So halten jüngere Anleger etwas häufiger an der Euro-Idee fest. 62 Prozent wollen die aktuelle Währung behalten und nicht zur D-Mark zurück. Fast 70 Prozent sind zudem auch sicher oder zumindest relativ sicher, dass es in den nächsten zehn Jahren keinen Währungswechsel geben wird. Ältere Befragte sind zwar tendenziell der gleichen Ansicht, äußern sich jedoch etwas verhaltener.

Beim Thema Bildung treten deutlichere Unterschiede zutage. Am optimistischsten äußern sich hier Anleger mit einem Hochschulabschluss. Zwar vergibt auch hier mehr als die Hälfte (57 Prozent) keine guten Noten an die Regierung, doch eine große Mehrheit bekennt sich klar zur aktuellen Währung. Drei Viertel der Befragten aus dieser Gruppe spricht sich für ein Beibehalten des Euro aus, nur ein Viertel hätte künftig lieber wieder die alte D-Mark im Portemonnaie. Noch sicherer sind sich die Anleger mit Hochschulabschluss bei der Frage, ob der Euro in zehn Jahren noch existieren wird. Gut 80 Prozent sehen das so, ein Viertel ist sich sogar absolut sicher.

Optimismus steigt mit dem Bildungsgrad

Anleger mit einem geringeren Bildungsabschluss dagegen sind sehr viel skeptischer. Bei den Verbrauchern mit einfachem Schulabschluss findet sich keine Mehrheit, die den Euro behalten möchte. So sprechen sich 53 Prozent dafür aus, die aktuelle Währung abzuschaffen und die D-Mark wieder einzuführen. Dass dies so kommen könnte, halten fast 40 Prozent für möglich oder sogar sicher – bei den Anlegern mit Hochschulabschluss ziehen nur knapp 20 Prozent einen Währungswechsel in Betracht.

Europäer kritisieren Krisenmanagement

Dass der Bildungsgrad einen Einfluss darauf hat, wie die Zukunft des Euro beurteilt wird, zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. In vielen Ländern der EU haben die Euro-Befürworter einen höheren Bildungsabschluss als die Skeptiker. Insgesamt betrachtet ist der Wunsch, die gemeinsame Währung beizubehalten, europaweit aber größer als die Sehnsucht nach Peseten, Kronen oder Francs. Hinzu kommt: Wie auch in Deutschland sind die Verbraucher der EU tendenziell davon überzeugt, dass es den Euro auch in zehn Jahren noch geben wird. Lediglich in den Krisenländern Portugal und Griechenland bröckelt diese Zuversicht. So gehen 44 Prozent der Griechen und 42 Prozent der Portugiesen davon aus, dass der Euro die nächsten Jahre in ihrem Land wohl nicht überstehen wird.

Über den Umgang mit der Krise lässt sich – das zeigten die zahlreichen Gipfeltreffen der letzten Monate – trefflich streiten. Einigkeit herrscht dagegen bei den Europäern in der Frage, wie gut die eigene Regierung die Krise managt. Das Ergebnis fällt recht eindeutig aus: In den Euro-Ländern wünschen sich die Menschen bei aller Zuversicht von ihrer Regierung ein besseres Krisenhandling. Dies gilt besonders für die Krisenländer. Spitzenreiter unter den Kritikern sind die Griechen: Fast 80 Prozent finden das Vorgehen der Politik unzureichend – das zeigt sich auch in zahlreichen Demonstrationen, die das Land seit Wochen erschüttern. Auch Spanier und Italiener sparen nicht Kritik. Jeweils rund drei Viertel der Anleger wünschen sich einen anderen Umgang mit der Krise. Positivere Nachrichten gibt es dagegen aus den stabilen Niederlanden. Immerhin 22 Prozent der Befragten geben ihrer Regierung gute Noten.

Doch was ist eigentlich mit den Ländern, die den Euro noch gar nicht haben? Die Stimmen der Regierungskritiker werden hier leiser; offenbar fühlen sich Großbritannien, Polen oder Schweden weniger von der Krise betroffen. An den Fortbestand der Gemeinschaftswährung glaubt die Mehrheit der Menschen aus diesen Ländern. Doch im Portemonnaie wollen die wenigsten den Euro haben. Briten, Polen und Schweden zeigen sich in der aktuellen Krise mit ihren Landeswährungen durchaus zufrieden.

Amerikaner halten am Euro fest

Die Eurokrise ist längst nicht mehr nur Thema in Europa – auch jenseits des großen Teichs blickt man mit Sorge auf die Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Erst im September hatte US-Präsident Barack Obama Europas Krisenmanagement scharf kritisiert; bei einem Gipfeltreffen in Washington vor einigen Tagen forderte er die Regierungen in Europa erneut auf, die Krise schnell zu beheben. Den amerikanischen Sparern reichen diese Appelle jedoch offenbar nicht. Ähnlich wie in Deutschland beurteilt eine Mehrheit der Verbraucher das Handeln der eigenen Regierung als unzureichend. 55 Prozent kritisieren den Umgang Obamas mit der Schuldenkrise in Europa; nur 13 Prozent finden lobende Worte. Damit sind die amerikanischen Anleger insgesamt aber etwas positiver gestimmt als die Deutschen.

Fast alle Anleger wollen den Euro behalten

Dass der Euro bald zu Grabe getragen werden könnte, vermutet man auch in den USA nicht. Gut zwei Drittel der Befragten halten es für wahrscheinlich oder sicher, dass Europa auch in Zukunft nicht wieder mit Lire, D-Mark oder Francs zahlen wird. Und eine überwältigende Mehrheit mag sich das auch gar nicht vorstellen. 96 Prozent der Amerikaner, deren Wirtschaft auch von der Stabilität der Euro-Zone abhängt, wollen den Euro auch weiterhin als Währung im Finanzsystem sehen.

In ihrer Hoffnung auf einen Fortbestand des Euro sind sich die Amerikaner unabhängig von ihrem verfügbaren Anlagevermögen einig. Anders sieht das beim Blick auf die Maßnahmen der Regierung und die Einschätzung zur Zukunft der Währung aus. Hier sind vermögendere Sparer etwas kritischer. So geben – anders als in Deutschland – finanziell besser gestellte Befragte der Regierung seltener gute Noten als finanziell schlechter gestellte Anleger. Zudem fürchten die Vermögenden etwas häufiger, dass der Euro die nächsten zehn Jahre nicht überstehen könnte.

Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre besser – diesem Motto scheinen die Anleger Europa und den USA momentan zu folgen. Dass der Euro bleiben wird, glauben und hoffen viele der privaten Finanzentscheider. Doch sie wünschen sich auch ein besseres Krisenmanagement der Regierung, das die Turbulenzen schnell unter Kontrolle bringt. Auf dem EU-Gipfel in Brüssel in der vergangenen Woche konnten sich zumindest die 17 Euroländer und sechs weitere EU-Staaten auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Bald schon soll es mithilfe bindender Schuldenbremsen mehr Kontrolle geben. Ob eine strikte Haushaltsdisziplin allein ausreicht, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, werden die kommenden Monate zeigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst zeigte sich nach dem Gipfel optimistisch: Sie sei überzeugt davon, dass die Brüsseler Beschlüsse die Glaubwürdigkeit der Eurozone stärken können.


Datenquelle: GfK Verein (GfK-Investmentbarometer, Oktober-November 2011)

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Dezember 2011