Europas Köche

Juli 2015

Alaska Seelachs „Avignon“ auf Ratatouille-Gemüse, Currywurst mit Westernpommes oder Lasagne – die Deutschen greifen in ihrer Mittagspause nicht nur gerne zu klassischen deutschen Gerichten, sondern mögen es bunt gemischt. Zumindest, wenn man sich die Top Ten der Menücharts des Großverpflegers „apetito“ ansieht. Ob es in den privaten Küchen ebenso abwechslungsreich zugeht, wissen wir nicht – aber immerhin halten sich 26 Prozent der Deutschen für sehr versierte und ebenso viele auch für leidenschaftliche Köche. Noch sehr viel mehr Begeisterung legen allerdings die italienischen Privatköche an den Tag.

Mehr als jeder vierte Bundesbürger sagt von sich selbst, dass er leidenschaftlich gerne kocht. Ebenso viele meinen, sehr viel Wissen und Erfahrung mitzubringen, wenn es um die schmackhafte Zubereitung von Lebensmitteln geht. Dies zeigen die Ergebnisse einer internationalen GfK Studie über die Einstellungen der Menschen zum Kochen, aus der für dieses Fokusthema fünf europäische Länder herausgegriffen wurden. Die Ergebnisse aus der Verbraucherbefragung zeigen auch, dass die Begeisterung fürs Kochen nicht zwingend zu ausufernden Küchen-Orgien führt. Am heimischen Herd wird aller Leidenschaft zum Trotz nicht überdurchschnittlich lange gefackelt. Insgesamt 5,4 Stunden pro Woche widmen sich deutsche Pflicht- und Hobbyköche ihren Braten, Grill-Gemüsevariationen oder Aufläufen. Damit investieren sie weniger Zeit als ihre „Kollegen“ in Frankreich, Polen oder UK, gehen aber selbstbewusster mit ihren Kochkünsten um und halten sich häufiger als diese für erfahren.

Italiener: selbstbewusst und kochfreudig

Mit den Italienern können die deutschen Privatköche allerdings nicht mithalten. Sie legen die größte Leidenschaft beim Kochen an den Tag. 43 Prozent derer, die zuhause selbst kochen, tun dies mit Begeisterung. Etwas weniger, 35 Prozent, bewerten auch ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in puncto Kochen sehr gut. Ihr Talent stellen die Köche im Heimatland von Pizza und Pasta entsprechend ausdauernd unter Beweis: Gut sieben Stunden hantiert der italienische Privatkoch wöchentlich mit Töpfen und Pfannen, Parmesanreibe und Nudelmaschine. Das ist mehr als in allen anderen untersuchten europäischen Ländern. Zwar stehen die Hausfrauen und -männer in Polen mit einer durchschnittlichen Kochzeit von 6,1 Stunden ebenfalls lange am Herd. Doch der vergleichsweise hohe Zeiteinsatz ist keiner besonderen Begeisterung fürs Schnippeln, Schälen und Brutzeln geschuldet. Im Gegenteil: In Polen sagen nur 21 Prozent der Befragten, dass sie leidenschaftlich gern am Herd stehen. Und ebenso viele bzw. wenige halten sich für sehr erfahren.

Franzosen kochen zügig, Briten lassen sich Zeit

In Frankreich, das als Land der Gourmets gilt, zeigt sich im Vergleich zu Italien ein unerwartet geringes Niveau bei Können und Enthusiasmus: Nur jeder fünfte hält sich für einen Küchen-Profi, immerhin fast jeder Vierte kocht zumindest leidenschaftlich gern. Dabei lassen sich die Franzosen aber auch nicht überdurchschnittlich viel Zeit. Mit 5,5 Stunden wöchentlicher Kochzeit stehen unsere Nachbarn nur unwesentlich länger am Herd als wir selbst. Im Mittelfeld der kulinarischen Selbstbewertung rangieren die britischen Privatköche. 26 Prozent – so viele wie in Deutschland – greifen mit großer Begeisterung zu Schälmesser, Teigschaber oder vielleicht auch dem Flavour Shaker, einer Erfindung des britischen Fernsehkochs Jamie Oliver. Fast ebenso viele denken, dass sie beim Kochen mit großer Erfahrung und viel Können ans Werk gehen. Insgesamt sind die Briten jede Woche im Durchschnitt fast sechs Stunden in ihrer Küche beschäftigt.

Begeisterung, Zeitaufwand und Wissen sind also länderabhängig. Doch eines haben alle untersuchten Nationen gemeinsam: Es sind vor allem die leidenschaftlichen Köchinnen und Köche, die auch Know-how zum Thema mitbringen.

Europavergleich: Kochbegeisterung wandelt sich mit dem Alter

In allen untersuchten Ländern hängt die Kochleidenschaft zudem stark von Geschlecht und Alter ab – allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Die jüngste Verbrauchergruppe ist dabei tendenziell am wenigsten am Kochen interessiert – vermutlich stehen andere Themen in diesem Alter deutlich stärker im Vordergrund. So liegen die 15- bis 19-Jährigen in puncto Koch-Leidenschaft in Frankreich (10 Prozent), Polen (19 Prozent) und Italien (34 Prozent) im Vergleich zu den älteren Altersgruppen auf dem letzten Rang. Italienische Jugendliche zeigen sich jedoch im Europavergleich deutlich passionierter als der Durchschnitt: Jeder Dritte sagt von sich, sehr gerne zum Kochlöffel zu greifen. In UK landen – ähnlich wie in Deutschland – die 40- bis 49-Jährigen auf dem letzten Platz im Leidenschafts-Ranking. Spitzenwerte erreichen dagegen die 20- bis 29-jährigen Briten, von denen fast jeder Dritte mit großer Begeisterung kocht. In Italien und Frankreich liegen die Befragten zwischen 30 und 49 Jahren vorn. Und in Polen sind es vor allem Kocherfahrene über 60, die sich an frischen Zutaten und neuen Rezepten erfreuen.

Frauen: mit mehr Begeisterung dabei

Kochen galt lange Zeit als Frauensache – in vielen Ländern der Welt stehen Frauen bis heute selbstverständlich am Herd. In Europa liegen die Köchinnen zumindest mit Blick auf die Koch-Leidenschaft weiterhin vor den Männern. So greifen in Deutschland, Frankreich, Italien und Polen Frauen nach eigenen Angaben mit mehr Begeisterung zum Kochlöffel. Die größte Differenz zwischen den Geschlechtern findet sich in Italien: Während sich etwa jede zweite Frau sich für die Zubereitung des Essens begeistert, tun dies nur 36 Prozent der Männer. Dass es auch ganz anders geht, zeigt das Beispiel Großbritanniens, wo die Leidenschaft gleichberechtigt verteilt ist. Männer (26 Prozent) legen hier sogar eine Prise mehr Koch-Leidenschaft an den Tag als Frauen (25 Prozent).

Zeitaufwand: Italiener und Polen liegen vorn

Vergleichsweise gleichberechtigt geht es in Großbritannien auch in puncto Zeitaufwand fürs Kochen zu: Frauen stehen mit 6,3 Stunden pro Woche zwar etwas länger am Herd als Männer mit 5,4 Stunden, doch in UK fällt die Differenz noch am kleinsten aus. Am größten ist sie in Italien: Privat-Köchinnen verbringen wöchentlich 3,5 Stunden mehr Zeit mit Kochen als ihre männlichen „Kollegen“. Die Frauen tragen demnach einen Großteil dazu bei, dass ihr Land mit Blick auf den Zeitaufwand ganz vorn liegt. Kein Wunder, wenn man auf die Essensgewohnheiten auf dem Apennin blickt: So stehen bei einem italienischen Abendessen nicht selten Vorspeisen (Antipasti), zwei Hauptgänge und eine Nachspeise auf dem Tisch – dafür braucht wohl selbst die versierteste Köchin mehrere Stunden. In Polen, dem Land mit der zweitgrößten Zeitaufwand (6,1 Stunden / Woche), fällt das Abendessen traditionell zwar deutlich einfacher aus als in Italien, doch dafür investieren die polnischen Privatköche wohl mehr Zeit ins Backen: Kuchen und andere süße Leckereien stehen in vielen polnischen Familien täglich auf dem Speiseplan.

Viel Zeit fürs „breakfast“: Briten auf Platz drei

Auch in UK wird vergleichsweise viel Zeit mit Kochen verbracht. 5,9 Stunden stehen die Briten wöchentlich am Herd, gefolgt von den Franzosen mit 5,5 und den Deutschen mit 5,4 Stunden. Dass die Briten länger am Herd stehen als die Köche aus Frankreich, dem Land der haute cuisine, könnte auch am „Full English Breakfast“ liegen, das in vielen Familien des Königreichs regelmäßig gereicht wird: Eier, Würstchen, Bohnen, Champignons, Blutwurst, Schellfisch, Speck und Toast – die Zubereitung dürfte deutlich länger dauern als das Servieren eines Croissants mit Café au lait.

Altersgruppen: Mittlere Generationen kochen am längsten

Wie viel Zeit sich die Menschen für die Zubereitung von Piroggen, Jägerschnitzel, Bouillabaisse und Co. nehmen, hängt auch vom Alter der Befragten ab. Die jüngste Gruppe der 15- bis 19-Jährigen schneidet hier in allen Ländern am schlechtesten ab. Am wenigsten Zeit mit Kochen verbringen die französischen Jugendlichen mit 3,3 Stunden. In Italien scheint man dagegen nach dem Prinzip „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“ zu handeln: Jugendliche kochen hier 4,7 Stunden pro Woche. Insgesamt betrachtet nimmt der Zeitaufwand mit steigendem Alter zu – und zwar über alle untersuchten Länder hinweg. Vermutlich, weil sich die Essgewohnheiten mit der Familiengründung ändern und man für ein vollwertiges Vier-Personen-Gericht länger am Herd steht als für einen Single-Snack. In der ältesten Generation, in der mehr Menschen alleine leben, sinkt der Zeitaufwand dann wieder leicht ab. Den Spitzenplatz im Ranking belegen insgesamt betrachtet die Polen zwischen 50 und 59 Jahre: Sie nehmen sich jede Woche 9,3 Stunden Zeit, um ihre Mahlzeiten zuzubereiten.

Europäische Klassiker für jedes Zeitbudget

Haben Sie bei der Lektüre vielleicht Lust bekommen, mal wieder selbst zum Kochlöffel zu greifen? Vielleicht steht ja ein Küchen-Klassiker aus einem der untersuchten Länder auf Ihrem Rezept. Je nachdem, für welche Nation sie sich entscheiden, müssen Sie mit ganz unterschiedlichen Kochzeiten rechnen. Wer sich Zeit nehmen möchte, kann es einmal mit britischen Roastbeef und Yorkshire Pudding probieren, das den Koch gut eineinhalb Stunden beschäftigt. Ähnlich lange kann die Zubereitung einer klassischen Bouillabaisse dauern, wie sie die Franzosen lieben. Wer weniger Zeit hat, könnte polnische Piroggen zubereiten, die sind in etwa einer Stunde gemacht. Und ganz Hungrige haben die Wahl: Ein einfaches Risotto steht ebenso schnell auf dem Tisch wie ein klassisches Schnitzel mit Salat – nämlich in 30 Minuten. Wir wünschen guten Appetit!


Datenquelle: GfK SE, Global GfK Survey „Cooking“, März 2015

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Castaldi (claudia.castaldi@gfk-verein.org).


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