Familienstrukturen der Deutschen aus geografischer Sicht

April 2012

„Wir könnten wieder mehr Kinder in Deutschland haben.“ Das sagte Familienministerin Kristina Schröder kürzlich anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demografie in Berlin. Dafür müsse man den Menschen die Chance geben, ihre persönlichen Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen und Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Zwischen der Realität und dem Wunsch der Ministerin liegen Welten. Zwar stieg im vergangenen Jahr die Geburtenrate leicht, doch Haushalte mit Kindern sind nach wie vor in der Minderheit. Allerdings nicht in allen Regionen der Republik: In einigen südlichen und ländlichen Gegenden haben Familien mit Nachwuchs sogar die Nase vorn. Singles dagegen werden stark von Großstädten angezogen.

Seit Jahren blicken Familienpolitiker mit bangem Blick auf die Geburtenzahlen in Deutschland. Lange lag der Wert stabil bei statistischen 1,4 Kindern pro Frau und damit am Ende der europäischen Skala. Zwar korrigierte das Max-Planck-Institut im September 2011 die Zahl auf 1,6 Geburten nach oben. Doch ob dies der Beginn der erhofften demografischen Trendwende sein kann, ist fraglich. Derzeit sind Familien mit Kindern hierzulande jedenfalls in der Minderheit. Nur in knapp 30 Prozent der insgesamt 39,7 Millionen deutschen Haushalte sorgen Kinder für Leben und Trubel. Leicht darüber liegt die Zahl der Mehrpersonen-Haushalte ohne Nachwuchs (31 Prozent). Spitzenreiter sind nicht die klassischen Familien, sondern Menschen, die alleine in ihrem Haushalt leben. Sie machen heute mit 40 Prozent das größte Stück vom demografischen Kuchen aus. Vor 50 Jahren sah das noch ganz anders aus: Laut amtlicher Statistik lag die Zahl der Single-Haushalte im Jahr 1961 (Quelle: Statistisches Bundesamt) bei gut 20 Prozent. Folglich ist sie bis heute rasant auf etwa das Doppelte gestiegen, wenngleich auch nicht gleichmäßig in allen Regionen. Dies zeigen die GfK Bevölkerungsstrukturdaten 2011 von GfK GeoMarketing, die die räumliche Verteilung der Bevölkerung in Deutschland mit Blick auf Struktur und Alter beschreiben.

Doch Deutschland ist nicht überall kinderarm. Der Blick auf die Landkarte der Demografie zeigt große regionale Unterschiede. Wer viele Familien mit Kindern um sich haben möchte, der sollte sich eher im Süden des Landes umsehen. So leben in Baden-Württemberg, dem Saarland, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen verglichen mit dem Bundesdurchschnitt überdurchschnittlich viele Familien mit Nachwuchs. Und auch Nordrhein-Westfalen schafft mit einem Index von 102 noch knapp den Sprung über das bundesweite Mittel. Brandenburg, Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein erreichen immerhin noch Indexwerte über 95, gefolgt von Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Schlusslichter sind die Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin, in denen Familien mit Kindern deutlich unterrepräsentiert sind.

Familien ziehen lieber aufs Land

Doch warum ist das so? Sind es nicht gerade die Städte, die ein breiteres Angebot an Kinderbetreuung, Jobmöglichkeiten und damit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten? Immerhin machen sich Stadtplaner jede Menge Gedanken, wie sie jüngeren Generationen beste Entwicklungsmöglichkeiten bieten. So hat das Deutsche Kinderhilfswerk ein eigenes Programm zur kinderfreundlichen Stadtgestaltung aufgelegt. Dennoch siedeln sich Familien offenbar derzeit noch lieber im ländlichen Raum an. Weniger Verkehr, mehr Platz und Spielmöglichkeiten, frische Luft und weniger Hektik könnten hier ebenso eine Rolle spielen wie die auf dem Land noch stärker verwurzelte traditionelle Lebensweise im Familienverbund. Besonders wohl fühlen sich Familien dabei in Bayern: So gehören Landshut, Kelheim und Straubing-Bogen mit jeweils etwa 42 Prozent zu den kinderreichsten Landkreisen in Deutschland. Und auch die übrigen Ränge der Top-10 belegen bayerische Regionen – mit einer Ausnahme: Der niedersächsische Landkreis Cloppenburg erreicht mit 40 Prozent Platz vier im Ranking.

Alleinlebende schätzen das Stadtleben

Alleinlebende bevorzugen stattdessen die vielfältigen Angebote und die vorzügliche Infrastruktur in städtisch geprägten Regionen. Auf Bundeslandebene schneiden Berlin, Hamburg und Bremen mit besonders hohen Single-Quoten überdurchschnittlich ab, gefolgt von Sachsen auf Rang vier. Am wenigsten Ein-Personen-Haushalte sind in Rheinland-Pfalz zu finden. Doch auch Brandenburg, Baden-Württemberg, das Saarland und Thüringen weisen vergleichsweise geringe Single-Zahlen auf.

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Betrachtet man die Verteilung der Singles auf der Ebene der Stadt- und Landkreise, zeigt sich ein weiteres Detail: nur in Städten sind auffallend häufig Alleinlebende zu finden – und das recht unabhängig davon, in welchem Bundesland die Stadt liegt. So verzeichnet Regensburg mit 57 Prozent Single-Haushalten die höchste Quote, obwohl der Freistaat insgesamt im Ranking nur im unteren Mittelfeld landet. Single-Hochburg Nummer zwei ist die Stadt Berlin mit etwa 54 Prozent Ein-Personen-Haushalten, gefolgt von Würzburg mit 53 Prozent. Unter den Top-10 mit den meisten Singles finden sich zudem die Städte Braunschweig, München, Osnabrück, Hamburg, Leipzig, Rostock, und Kiel. Wie kommt es, dass gerade in einer relativ kleinen Stadt wie Regensburg mit etwa 135.000 Einwohnern eine so hohe „Single-Quote“ zu finden ist? Ein näherer Blick auf die Strukturen vor Ort zeigt, dass in erster Linie die dort angesiedelten Hochschulen mit mehr als 20.000 Studenten (Quelle: Wikipedia) und dem entsprechenden wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Personal für den hohen Anteil der Single-Haushalte von mehr als der Hälfte verantwortlich sein dürfte.

Junge Haushalte: Greifswald liegt vorn

Tatsächlich zeigt der Blick auf die Altersgruppen, dass sich drei der Top-10-Städte aus dem Single-Ranking auch auf der Liste der „jungen“ Haushalte und damit der Studentengeneration finden. So leben in den Universitätsstädten Leipzig, Würzburg und Kiel sowohl besonders viele Singles als auch überdurchschnittlich viele junge Menschen. Wer studiert oder am Anfang seines Berufs- und Erwachsenenlebens steht, hat häufig noch keine Ehe geschlossen oder eine Familie gegründet und findet in Städten ein besonders breites Ausbildungsangebot sowie Möglichkeiten für den Berufsstart. Doch auch Regionen, die nicht auffällig viele Singles beherbergen, zeigen sich mitunter von ihrer jugendlichen Seite. Platz eins unter den „jüngsten“ Stadt- und Landkreisen belegt Greifswald, wo gut 20 Prozent der Haushaltsvorstände unter 30 Jahre alt sind, gefolgt von Leipzig und Dresden. Im Städte-Ranking der jungen Haushalte finden sich – mit Ausnahme von Flensburg – in erster Linie Städte mit großen Universitäten mit mehr als 20.000 Studenten bzw. solche, deren Studentenanteil mehr als 15 Prozent der Bevölkerung ausmacht (Quelle: Wikipedia). Das zeigt, dass ein bestimmtes Bildungsangebot offenbar entsprechend viele junge Menschen anzieht.

Insgesamt jedoch befindet sich Deutschland im stetigen Alterungsprozess. Bereits 35% der Haushalte in Deutschland haben einen Haushaltsvorstand, der 60 Jahre oder älter ist (vergleiche Chart oben). Die nächstgrößten Gruppen sind 40- bis 49-Jährige mit 21% und 50- bis 59-Jährige mit 17%. Der Anteil der jungen Haushalte (unter 30 Jahre) ist dagegen mit 12 Prozent bundesweit am geringsten. Besonders hoch fällt die Quote der älteren Haushalte in einigen ostdeutschen Bundesländern und im Saarland aus – Sachsen, Sachsen-Anhalt und das Saarland belegen die ersten drei Plätze im Ranking. Offenbar schlägt hier der Trend zur Binnenabwanderung jüngerer Menschen in wirtschaftlich attraktivere Regionen besonders stark zu Buche. Am Ende der Skala liegen Hamburg und Berlin – hier finden sich vergleichsweise wenige Senioren-Haushalte. In den übrigen Bundesländern liegt der Anteil der älteren Haushalte mit Indexwerten zwischen 95 und 104 etwa im deutschen Durchschnitt. Bei den Top 10 finden sich vor allem Kreise in den neuen Bundesländern oder nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Vom Kurort Baden-Baden auf Rang 2 fühlen sich offenbar besonders Altersgruppen ab 60 Jahre angezogen.

Alleine oder mit Partner, mit Kindern auf dem Land oder lieber ohne in der Stadt: Die Lebensmodelle der Deutschen sind vielfältig. Junge alleinstehende Menschen sind häufig in Großstädten zu finden, während Familien mit Kindern lieber auf dem Land leben. Doch diese Tendenzen sind nicht in Stein gemeißelt. Der demographische Wandel wird zu immer mehr Single-Haushalten und mehr älteren Menschen führen. Gleichzeitig lassen sich gesellschaftliche Veränderungen beobachten, wie beispielsweise immer mehr berufstätige Frauen, kinderbetreuende Väter oder neue Formen des Zusammenlebens älterer Generationen. Deshalb dürfte sich die demographische Landkarte Deutschlands weiter wandeln. Und so wird sich uns auch in Zukunft die Frage immer wieder stellen: Wo leben wir Deutschen?


Datenquelle: GfK GeoMarketing (GfK Bevölkerungsstrukturdaten 2011, Januar 2012)
Rückfragen bitte an Cornelia Lichtner, Tel +49 (0)7251 9295-270,
c.lichtner@gfk-geomarketing.com

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung:claudia.gaspar@gfk-verein.org

April 2012

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