Folgen der Krise - Eine Frage der Perspektive

Juli 2009

Mehr als vier Millionen Treffer erzielt, wer bei Google die Frage „Was kommt nach der Krise?“ stellt. Der Blogger aus Bayern diskutiert darüber ebenso wie der Wirtschaftsexperte der „Welt“. Das Spektrum der Szenarien reicht von arbeitslosen Massen bis hin zu einer gerechteren Gesellschaft. Tatsächlich blicken die Deutschen mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Was sie erwarten, hängt vor allem davon ab, in welchem Stadium der Krise sie Deutschland sehen.

Die Zukunft unserer Gesellschaft sieht für die meisten Deutschen so aus: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Insgesamt glauben etwa 95 Prozent von rund 2.000 Befragten, dass die Krise die Gesellschaft weiter spalten wird. Dies ist ein Ergebnis einer aktuellen Studie des GfK Vereins.

Die Untersuchung zeigt auch: So mancher Verbraucher wird blass angesichts der dunkelroten Zahlen in den Staatsbilanzen. Fast 90 Prozent der Bürger werfen derzeit einen bangen Blick auf die Schuldenuhr. Die rattert auch tatsächlich immer schneller. Im Jahr 2010 soll die Neuverschuldung bei etwa 90 Milliarden Euro und damit auf absolutem Rekordwert liegen.

Wo viel Geld in den Staatshaushalt gepumpt wird, kann die Inflation nicht weit sein – das fürchten zumindest fast 70 Prozent der Befragten und setzen das Thema Geldentwertung auf Rang fünf der Liste der Krisenfolgen. Unter Experten wird darüber kontrovers diskutiert. Aktuell zumindest ist von einer Teuerung kaum etwas zu spüren, im Gegenteil: Im Mai lag die Inflationsrate bei null Prozent. Die Ver-braucherpreise stiegen im Juni zwar leicht, bleiben jedoch auf moderatem Niveau. Im Vergleich zum Vorjahr können die Deutschen derzeit vor allem bei Milchprodukten, Gemüse und Unterhaltungselektronik sparen, meldet das Statistische Bundesamt. Trotz fallender Preise bleiben die Verbraucher aber skeptisch. Und so mancher beobachtet zudem beunruhigt die Entwicklung des Euro. Der könnte, so die Befürchtung, gegenüber dem Dollar an Wert verlieren. Im Vergleich zu anderen Zukunftssorgen landet diese jedoch auf den hinteren Rängen.

Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung beschäftigt die Menschen. Auch um die Stimmung im eigenen Land machen sich viele Befragte Gedanken. Mehr Egoismus, weniger Solidarität: Damit rechnen gut 70 Prozent der Befragten. Damit landet das Thema unter den Top 3 der Zukunftsaussichten.

Nicht nur jammern, sondern hoffen

Wer dem Klischee glaubt und die Deutschen für ein Konglomerat der Klagenden hält, der irrt jedoch. Es findet sich durchaus auch Positives auf der Liste. Mehr Kontrolle der Finanzmärkte – das wünschen sich die Menschen nicht nur, eine Mehrheit rechnet auch damit. Und immerhin die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass notwendige Reformen nach der Krise schneller umgesetzt werden. Auf eine steigende Wert-schätzung für Produkte „Made in Germany“ setzen gut 40 Prozent. Und ein weiteres Viertel hat auch das viel kritisierte Finanzsystem noch nicht ganz abgeschrieben. Es könnte durch die Krise fairer werden, sagt mancher Verbraucher. Auch wir Deutschen selbst könnten durch den Crash quasi geläutert werden, glaubt ein Drittel der Befragten und rechnet mit einem Comeback der Mitmenschlichkeit und mehr gegenseitige Unterstützung. Knapp zwei Drittel nehmen zudem an, dass die Krise zu mehr Bescheidenheit beim Konsum führt. Fast ebenso viele meinen, dass sich die Menschen wieder mehr auf traditionelle Werte zurückbesinnen.

Pessimisten: „Das Schlimmste steht uns noch bevor“

Bereits jetzt macht sich die Krise auf dem Konto von nicht wenigen Befragten bemerkbar. Gut 20 Prozent haben – mehr oder weniger stark – Geld- oder Vermögensanlagen verloren. Ähnlich viele müssen seit dem Crash mit einem niedrigeren laufenden Einkommen ihr Leben bestreiten. Wer finanziell stärker betroffen ist, hat auch mehr Angst vor Inflation und Egoismus. Doch weit stärker als die tatsächliche persönliche Situation wirkt sich die aktuelle Stimmung auf die Zukunftsperspektive aus. Die Studie zeigt: Entscheidend, ob und wie stark die Verbraucher positive oder negative Folgen annehmen, ist die Ein-schätzung des Krisenstadiums. Wer wie etwa 6 Prozent der Deutschen glaubt, die Talfahrt sei bereits beendet und Deutschland im Aufschwung, ist insgesamt deutlich optimistischer. Wer sich dagegen den rund 40 Prozent anschließt, die das Schlimmste noch auf uns zukommen sehen, urteilt pessimistischer. Dazwischen liegen gut 30 Prozent der Verbraucher, die den Aufschwung zwar noch nicht sehen, aber immerhin feststellen: „Schlimmer wird’s nimmer.“ Sie sehen die Zukunft in vielen Punkten ebenfalls gelassener.

Besonders der Blick auf die Entwicklung der Teuerungsrate fällt unterschiedlich aus. Inflationssorgen plagen die Gruppe der Pessimisten zu fast 80 Prozent; bei den Optimisten liegt der Wert mit 50 Prozent deutlich darunter. Wer für die Zukunft schwarzsieht, fürchtet auch deutlich stärker um die Stabilität des Euro. Und rechnet stärker damit, dass das gesellschaftliche Klima in der Krise kühler wird: Mehr Egoismus befürchten mehr als drei Viertel der Pessimisten, doch nur knapp 60 Prozent der Optimisten. Auch wer sich um den Arbeitsplatz des Hauptverdieners sorgt, bangt eher darum, dass es in Zukunft verstärkt heißt „Jeder ist sich selbst der Nächste“.

Optimisten: Krise als Chance

Im Umkehrschluss ist die Gruppe der Zuversichtlichen hoffnungsvoller, was positive Folgen der Krise angeht. Sie glauben stärker daran, dass die Krise die Chance auf wichtige Veränderungen bietet: Dass das Finanzsystem künftig besser kontrolliert wird, nehmen fast 80 Prozent an. Notwendige Veränderungen werden schneller umgesetzt, sagen 60 Prozent. Mehr Fairness im globalen Finanz- und Wirtschaftsleben halten knapp 40 Prozent für möglich. Wer dagegen sagt, dass wir die Krise erst in Zukunft richtig zu spüren bekommen, urteilt in all diesen Fragen deutlich negativer.

Weder Optimisten noch Pessimisten können vorhersehen, was die Zukunft wirklich bringt. Aber ihr Tun und Lassen wird mit dazu beitragen, wie sich die Wirtschaft in Zukunft weiter entwickelt. Epikur hat es in seiner „Philosophie der Freude“ einmal so formuliert: „Wir dürfen nie vergessen, dass die Zukunft zwar gewiss nicht in unsere Hand gegeben ist, dass sie aber ebenso gewiss doch auch nicht ganz außerhalb unserer Macht steht“.


Datenquellen: GfK Verein (Omnibusumfrage, Mai/Juni 2009)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org