Hauptaufgabe Arbeitsmarkt

Juni 2010

Eurokrise, Sparzwänge und dann auch noch ein leerer Stuhl im Bundespräsidialamt. Deutschland und die Politik stehen aktuell vor zahlreichen Aufgaben, die gelöst werden müssen. Doch wo anfangen? Fragt man die Bürger, so ist die Antwort eindeutig: Die größten Herausforderungen, die es anzugehen gilt, liegen im Bereich Wirtschaft und Arbeit.

Die Sorge um einen sicheren Arbeitsplatz steht wie schon in den Vorjahren ganz oben auf der Liste der „Herausforderungen in Deutschland“. Zwei Drittel der Menschen geben diesen Punkt als wichtigste Aufgabe an; das sind 9 Prozent mehr als im Krisenjahr 2009. Dies sind Teilergebnisse der Studie „Challenges of Europe 2010“ (früher “Sorgen der Nation”) des GfK Vereins. Zwar fiel der Anstieg der Arbeitslosenquote dank Kurzarbeit moderater aus als zunächst befürchtet, doch die Zukunft scheint vielen zu ungewiss, um aufzuatmen. 
Die Sorgen der Deutschen lassen sich aktuell in fünf größere und drei kleinere Bereiche unterteilen. Die größte Sorgenwelt umfasst den Bereich Wirtschaft und Arbeit – neben der Stabilisierung des Arbeitsmarkts sollten nach Meinung der Deutschen die Sanierung des Haushalts, eine Reform der Rentenkassen und die Veränderungen im Gesundheitswesen auf der To-Do-Liste der Politiker ganz oben stehen. Die Bürger sorgen sich um ihre finanzielle Absicherung – und um die Zukunft kommender Generationen. So steht das Thema Jugendarbeitslosigkeit heute stärker im Fokus als noch vor einem Jahr. Und auch die Befürchtung, dass Menschen auf die schiefe Bahn geraten, hat deutlich zugelegt. Fehlen wirtschaftliche Perspektiven, so fürchten die Befragten, könnte auf Deutschland ein Problem steigender Kriminalität zukommen.

Der zweite große Bereich, wo es nach Ansicht der Deutschen einiges zu tun gibt, sind Preise und Preispolitik, vor allem im Energiesektor. Obwohl die Wirtschaft sich zuletzt leicht erholt hat, blicken die Menschen offenbar mit Sorge auf die Folgen der Krise. Befürchteten 2009 noch 13 Prozent, künftig mehr Geld für weniger Ware ausgeben zu müssen, sind es 2010 schon 24 Prozent. Eng damit verbunden ist auch ein gewisser Vertrauensverlust in die Politik. Diese müsse mehr für ihre Glaubwürdigkeit tun, finden die Befragten. 
Auch das Thema Sicherheit beschäftigt die Menschen wieder stärker. Straftaten wie die der Münchener S-Bahn-Schläger oder die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind in den Köpfen sehr präsent. Die Bürger verlangen daher stärker als früher von der Politik, mehr für die Bekämpfung der Kriminalität und deren Ursachen zu tun. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl derer, die hier Handlungsbedarf sehen, nahezu verdoppelt. 
Zwei weitere Sorgenwelten umfassen die Themen Armut und soziale Gerechtigkeit. Deutlich mehr Befragte als vor einem Jahr empfinden die Hartz IV-Sätze als zu niedrig, fordern eine Reform des Gesundheitswesens und stören sich an der aktuellen Steuerpolitik. Löhne werden zunehmend als zu niedrig empfunden und die ungleiche Einkommensverteilung wird kritisiert. Abzuwarten bleibt, wie sich die Sparklausur der Regierung hier auf die Stimmung der Bürger auswirken wird. Immerhin wird die Regierung auch bei den Sozialausgaben den Rotstift ansetzen.

Zu den drei kleineren Sorgenwelten der Deutschen gehören die Themen Investitionen und Steuersenkungen, Bildungspolitik und Umweltschutz sowie Friedenspolitik. Hierzu zählen die Deutschen sowohl den Kampf gegen den Terrorismus als auch ein stärkeres politisches Engagement gegen drohende Kriegsgefahren – beides dürfte maßgeblich durch den Einsatz deutscher Soldaten in Krisengebieten beeinflusst sein.

Herausforderungen im Wandel

Welche Herausforderung in den Augen der Bürger gerade Hochkonjunktur hat, hängt stark von der politischen und gesellschaftlichen Situation ab. Beispiel Arbeitslosigkeit: Die Sorge um den Arbeitsplatz lag in den vergangenen Jahren stets auf Platz eins der Deutschen, allerdings fiel die Dringlichkeit unterschiedlich aus. Im Jahr 1998 sorgten sich mit 86 Prozent deutlich mehr Menschen als heute um die Arbeitssituation im Land. Kein Wunder: Ein Jahr vorher hatte die Arbeitslosenquote die 12-Prozent-Marke erreicht und damit die psychologisch wichtige Barriere von 4 Millionen erstmals überschritten. Auch 2006 nannte mit 80 Prozent der überwiegende Teil der Befragten die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als dringlichste Herausforderung. Damals waren mehr als 4,4 Millionen Deutsche ohne Arbeit.

Veränderungen in der Gemütslage zeigen sich auch beim Thema Preis- und Kaufkraftentwicklung. In den 90er Jahren war das nur für wenige Deutsche ein Thema. Heute dürften vor allem die Meldungen vom schwächelnden Euro ihren Beitrag dazu leisten, dass das Vertrauen der Bürger in berechenbare Preise sinkt und das Thema auf Rang drei im Ranking landet. Doch schon einmal, im Jahr 2002, hatten 14 Prozent der Befragten das Gefühl, viel Geld für wenig Ware ausgeben zu müssen. Auch damals könnte dies am Euro gelegen haben. Die neue Währung lag damals erstmals in den Kassen und Geldbörsen und wurde zumindest anfangs von vielen als „Teuro“ kritisch beäugt. 
Die wenigsten Probleme insgesamt sahen die Menschen in Deutschland zur Jahrtausendwende: Damals wurden nur 1,8 Herausforderungen genannt. Zehn Jahre später stehen im Durchschnitt bereits drei Probleme auf der Agenda.

Gesundheitssystem: Sorgen nehmen zu

Wie reformbedürftig ist unser Gesundheitssystem? Diese Frage stellten sich die Menschen in den 90ern deutlich seltener als heute. Im Wendejahr schaffte es das Thema gar nicht erst ins Sorgen-Ranking, in den Folgejahren sahen jeweils nur zwischen 4 und 6 Prozent Handlungsbedarf. Das änderte sich 2006, als die Diskussion um die Zukunft des Gesundheitswesens hochkochte: Kopfpauschale oder Bürgerversicherung lautete eine der Fragen angesichts steigender Ausgaben und einer immer älter werdenden Gesellschaft. Die Deutschen reagierten beunruhigt und setzten das Thema mit 15 Prozent auf Platz drei im Ranking. Die Diskussion damals mündete in eine Gesundheitsreform, die heute erneut auf dem Prüfstand steht. Geschichte wiederholt sich – das gilt in diesem Fall sowohl für das diskutierte Thema als auch für die Stimmung der Verbraucher. 21 Prozent äußern sich aktuell besorgt über den Zustand unseres Gesundheitswesens.

Sorge um die Rente

Eine alternde Gesellschaft, ein überlastetes Sozialsystem und überbordende Kosten brachten die EU-Kommission kürzlich auf die Idee, das Renteneintrittsalter schrittweise auf 70 Jahre anzuheben. Ein Vorschlag, der nicht auf allzu viel Begeisterung in der Bevölkerung stoßen dürfte. Ab Mitte der 90er Jahre rückte die Altersversorgung aufgrund zahlreicher Reformen und Leistungskürzungen zunehmend in den Fokus der Bürger. Als das Kabinett der Großen Koalition Anfang 2006 dann die „Rente mit 67“ beschloss, stieg auch die Sorge der Bevölkerung um die Altersversorgung: 18 Prozent der Bürger und damit doppelt so viele wie Mitte der 90er Jahre forderten die Politik zum Handeln auf. Verstärkt wurden die Befürchtungen durch die dritte Nullrunde in Folge, die die Rentner 2006 hinnehmen mussten.

Der Fall Mehmet und seine Folgen

Mehr als 1,8 Millionen Diebstähle verzeichneten die Kriminalstatistiker im Jahr 1998, einem Jahr, in dem das Thema Kriminalität mit 19 Prozent auf Platz zwei lag und einen historischen Höchstwert erreichte. Dafür dürften aber weniger die Diebstahl-Delikte verantwortlich gewesen sein als vielmehr die spektakuläre Darstellung von Jugendkriminalität in den Medien. Angeregt wurden die Ängste damals unter anderem durch den „Fall Mehmet“, der als jugendlicher Intensivtäter Schlagzeilen machte. Nachdem in den Folgejahren die Angst vor Kriminalität wieder sank, ist aktuell ein Anstieg zu verzeichnen. 15 Prozent der Menschen sehen angesichts der Schlagzeilen von U-Bahn-Schlägern und Steuersündern Handlungsbedarf.

Wer soll das bezahlen?

Auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen es heute regelmäßig auch die Staatsschulden, die Politikern in ganz Europa Kopfzerbrechen bereiten. Finanzgipfel und Sparklausuren bleiben auch den deutschen Bürgern nicht verborgen und sorgen für Verunsicherung; 12 Prozent der Deutschen bangen aktuell um die Staatskasse. Ähnlich hoch lag der Wert schon einmal: 1998 gaben 10 Prozent der Befragten an, die Politik müsse sich stärker um den Haushalt kümmern. Unter anderem bedingt durch die Wiedervereinigung war in den Jahren zuvor die Staatsverschuldung jährlich gestiegen, 1996 lag sie bei über 60 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Dies könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass die Finanzpolitik stärker ins Bewusstsein der Deutschen trat.

Umweltschutz: Erinnerung an Tschernobyl

In dem Ausmaß, in dem man sich heute um die Wirtschaft sorgt, bangten die Menschen früher um die Zukunft des Planeten. Knapp 30 Prozent der Befragten sahen beim Thema Umweltschutz im Jahr 1990 dringenden Handlungsbedarf – nur 7 Prozent sorgten sich dagegen um die ökonomische Sicherheit. Vier Jahre hatten offenbar nicht ausgereicht, um die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl vergessen zu machen. Und die Ölpest nach dem Tankerunglück „Exxon Valdez“ vor Alaska im Wendejahr 1989 schürte zusätzliche Ängste. Aktuell legt die Sorge um die Natur ebenfalls wieder leicht zu, ist aber mit 10 Prozent weit vom damaligen Wert entfernt. Abzuwarten bleibt, wie stark die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko die Sorge um die Umwelt verändern wird.

Zuwanderung beunruhigt kaum noch

Zu Beginn der 90er Jahre, als die Asylbewerberzahlen sprunghaft in die Höhe schossen (1992 wurden 438.000 Asylanträge gestellt), nahm die Besorgnis der Bevölkerung ebenfalls rapide zu: Mehr als zwei Drittel der Deutschen nannten damals die Zuwanderung als Herausforderung. In den letzten Jahren, als die Zahl der Asylbewerber nur noch bei durchschnittlich 20.000 lag, ging auch die Besorgnis darüber stark zurück und schwankt gegenwärtig nur noch um die 8 Prozent.

Hoffnungsschimmer auf dem Arbeitsmarkt

Handlungsfelder für Politik und Wirtschaft gibt es also mehr als genug in diesem Jahr, allen voran die Aufgabe, mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Zumindest hier scheint sich die Lage zu entspannen. Im Frühjahr hat sich der Arbeitsmarkt in Deutschland erholt, die Zahl der Arbeitslosen ging im Mai auf gut 3,2 Millionen, zurück. Und auch der Platz im Bundespräsidialamt muss bis Ende Juni wieder besetzt werden. Angesichts der Fülle der gegenwärtigen Herausforderungen, wie der Verringerung der Staatsverschuldung und der Stabilisierung des schwächelnden Euro, wird der Blick auf das Sorgenranking der Deutschen auch zukünftig spannend bleiben.


Datenquellen: GfK Verein (Challenges of Europe 2010, Juni 2010)
Rückfragen bitte an Ronald Frank, Tel: +49 911 395-3004, E-Mail: ronald.frank@gfk-verein.org

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: claudia.gaspar@gfk-verein.org

Hier geht es zur Pressemitteilung Challenges of Europe 2010