Herausforderungen im weltweiten Fokus

September 2015

Kriegerische Konflikte, Armut, Migration oder wirtschaftliche Probleme: Weltweit stehen wir Menschen vor vielfältigen Herausforderungen, die es zu lösen gilt. In den krisengebeutelten Euro-Staaten Spanien, Italien und Frankreich beunruhigen hohe Arbeitslosenzahlen die Bevölkerung. Steigende Preise und sinkende Kaufkraft sind dagegen vor allem dort ein Thema, wo Menschen mit der Inflation zu kämpfen haben, beispielsweise im Iran, in Indonesien oder Russland. In Deutschland haben die Berichte über das Schicksal der vielen Flüchtlinge, die zu uns kommen, deutliche Spuren im Bewusstsein der Befragten hinterlassen. Ein Drittel der Bundesbürger sieht das Thema Zuwanderung als dringendste Aufgabe in diesem Jahr.

Preisstabilität: Wichtigste Aufgabe weltweit

Weltweit betrachtet sehen die Menschen die größte Herausforderung in der Preis- und Kaufkraftentwicklung, die den langjährigen Spitzenreiter Arbeitslosigkeit abgelöst hat. Das Thema führt aktuell mit 32 Prozent die internationale Sorgenliste an und beschäftigt vor allem die Menschen in Indien und im Iran: Mehr als jeder Zweite hält Verbesserungen der Preis- und Kaufkraftentwicklung für eine wichtige aktuelle Aufgabe. Die Beunruhigung ist verständlich, wirft man einen Blick auf die Teuerungsraten in diesen Ländern. Auch Russland und Indonesien haben derzeit mit steigenden Preisen zu kämpfen – entsprechend landet das Thema auch dort auf Rang eins. Dies sind Ergebnisse der langjährigen Studie „Challenges of Nations“, für die der GfK Verein im Februar dieses Jahres mehr als 25.000 Menschen aus 22 Ländern nach den dringendsten Aufgaben gefragt hat, die gegenwärtig zu lösen sind.

Arbeitslosigkeit: größte Besorgnis in Europas Krisenländern

Dass den Menschen in Spanien, Italien und Frankreich die Arbeitslosigkeit am meisten Kopfzerbrechen bereitet, verwundert ebenfalls nicht. Schließlich haben diese Länder nach wie vor damit zu kämpfen, dass ein Großteil vor allem junger Menschen kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat. So nennen 74 Prozent der Spanier, 64 Prozent der Franzosen und 55 Prozent der Italiener die fehlenden Jobperspektiven als wichtige Hürde, die es in diesem Jahr auf dem Weg aus der Krise zu nehmen gilt. Auch Polen (51 Prozent), Österreicher (35 Prozent), Türken (30 Prozent) und Belgier (26 Prozent) sehen es als wichtigste Herausforderung, Arbeitsplätze zu schaffen.

Korruption und Kriminalität: Indien und Südafrika sehen Handlungsbedarf

Den begehrten Bauauftrag ergattern, Auflagen umgehen oder Genehmigungen beschleunigen – wie schnell Posten geschaffen und Projekte realisiert werden, ist nicht immer nur eine Frage der Kompetenz, sondern auch eine des (Schmier-)Geldes. Daran stören sich zahlreiche Befragte weltweit so stark, dass sie Korruption an dritter Stelle nennen: Bestechung ist in den Augen jedes Fünften die dringendste zu lösende Aufgabe. Fast ebenso wichtig wie der Einsatz gegen Korruption ist nach Meinung der Befragten die Bekämpfung der Kriminalität, die mit 18 Prozent international Rang 4 erreicht. In Südafrika zeigen sich die Menschen überdurchschnittlich beunruhigt: Nach der von der Polizei herausgegebenen Kriminalitätsstatistik 2013/2014 wurden in einem Jahr mehr als 17.000 Menschen am Kap ermordet und über 100.000 ausgeraubt. Da verwundert es nicht, dass fast die Hälfte der Südafrikaner dringenden Handlungsbedarf sieht.

Ökonomische Stabilität: Spitzensorge in drei Ländern

Wer alltäglich Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt ist, hat vermutlich kaum Zeit, sich über instabile Wirtschaftssysteme den Kopf zu zerbrechen. In sichereren Ländern dagegen spielt die ökonomische Stabilität – insgesamt auf Rang fünf platziert – eine gewichtigere Rolle; für US-Amerikaner und Japaner ist sie sogar die Hauptsorge. Allerdings drängen hier mit 15 bzw. 13 Prozent der Befragten deutlich weniger Menschen auf eine Lösung als in Südkorea. Hier setzen 42 Prozent die ökonomische Entwicklung an die Spitze der Agenda.

Gesundheitssysteme: Herausforderung für Briten, Brasilianer und Niederländer

Rang 6 belegt global gesehen die Bildungspolitik, die jeden zehnten Befragten beschäftigt. Allerdings schafft das Thema in keinem Land den Sprung auf den ersten Platz. Anders sieht das mit Blick auf das Gesundheitswesen aus, das weltweit auf dem siebten Platz rangiert, in drei Ländern jedoch Spitzenwerte erreicht: So machen sich 44 Prozent der Brasilianer, 30 Prozent der Briten und immerhin noch 19 Prozent der Niederländer Gedanken über kränkelnde Gesundheitssysteme.

Die Ränge 8 bis 10 entfallen auf die Themen Verkehrspolitik, Politik und Regierung sowie Armut, die ebenfalls in keinem Land auf dem ersten Platz der Agenda liegen Umgekehrt haben in manchen Ländern auch solche Themen oberste Priorität, die nicht  zu den globalen  Top-10 gehören. So legen beispielsweise die Nigerianer ihren Fokus auf die Energiesicherheit. Eine unsichere Versorgung mit Gas, Öl, Wasser und Strom ist für mehr als jeden zweiten Befragten ein aktuelles Problem. In Deutschland, Schweden und der Schweiz dagegen wird die Zuwanderung bzw. Integration von Migranten als das wichtigste Thema wahrgenommen. Während jeder vierte Schwede und 29 Prozent der Schweizer hier Handlungsbedarf sehen, sind es in Deutschland sogar 35 Prozent.

Flüchtlinge in Deutschland: rascher Sorgenanstieg

Man kann sie auch kaum ausblenden, die Bilder von Flüchtlingen, die an den Grenzen warten, in maroden Booten ihr Leben riskieren und irgendwann in Notunterkünften in Europa stranden. Deutschland hat 2014 mehr als 200.000 Asylsuchende verzeichnet –  zwei Jahre zuvor waren es weniger als 80.000. Entsprechend hat sich die Wahrnehmung der Bürger geschärft/ verändert: Sahen im Jahr 2014 nur 13 Prozent Zuwanderung und Integration als zu lösende Aufgabe, hat sich dieser Wert  auf aktuell 35 Prozent fast verdreifacht. Und damit verdrängt das Thema  zum zweiten Mal die Besorgnis um den Arbeitsmarkt von der Spitze des Rankings. Zuletzt war dies 1992 der Fall: Doch damals wurden hierzulande sogar gut 400.000 Asylanträge gestellt – so viele wie nie zuvor oder danach. So betrachteten 1992 auch deutlich mehr Menschen (68 Prozent) als heute Zuwanderung und Integration als Herausforderung. Und noch etwas ist heute anders: Während Anfang der 90-er Jahre 17 Prozent explizit die Ab- oder Ausweisung von Asylbewerbern forderten, tun dies heute 9 Prozent. Dagegen ist der Anteil derer, die eine Bekämpfung der Ausländerfeindlichkeit verlangen, seit 2014 von 3 Prozent deutlich gestiegen und liegt aktuell bei 10 Prozent.

Gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt: Sorge lässt nach

Auf Platz zwei im deutschen Ranking liegt die Arbeitslosigkeit mit 22 Prozent – der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 1991 in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Dieser Sorgenrückgang spiegelt die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wider, der hierzulande zuletzt immer wieder für erfreuliche Nachrichten sorgte. So war die Arbeitslosenquote 2014 auf einem Tiefstand von 5 Prozent, im Januar 2015 lag sie sogar bei 4,7 Prozent. Zum Vergleich: 2005 waren hierzulande laut International Labour Organization (ILO) etwa 11 Prozent der Menschen ohne festen Job. Die Deutschen beweisen also offenbar bei der Frage nach der Beschäftigung ihren Realitätssinn und schätzen den Handlungsbedarf entsprechend der tatsächlichen Zahlen ein.

Trotz guter Konjunktur: ökonomische Stabilität und Armutsbekämpfung auf der Agenda

Ebenfalls weniger besorgt als noch im Vorjahr äußern sich die Menschen in Deutschland mit Blick auf Renten und Altersversorgung sowie auf die Preis- und Kaufkraftentwicklung (beide: 16 Prozent), die Rang drei und vier im Ranking belegen. Auch wenn Mütterrente und Rente mit 63 die Gemüter mancher Diskussionsrunde erhitzten, hat die finanzielle Sicherheit im Alter offenbar an Brisanz verloren. Und sicher haben die niedrigen Inflationsraten dazu beigetragen, die eine oder andere Sorgenfalte beim Blick auf die Kaufkraft zu glätten. Immerhin, denn ein anderes Thema sorgt weiter für Bauchschmerzen bei den Deutschen: Die Griechenland-Krise ist nicht überstanden, der viel diskutierte Grexit und seine möglichen Folgen lässt die Deutschen nach wie vor nicht kalt. So ist es zu erklären, dass trotz guter Konjunktur hierzulande die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität verglichen mit dem Vorjahr um 5 Prozentpunkte gewachsen und damit von Platz 12 auf Platz 5 geklettert ist. Weniger sprunghaft, sondern langsam und kontinuierlich steigt die Besorgnis um drohende Armut im Land. Aktuell sehen 15 Prozent der Bundesbürger in der Armutsbekämpfung eine wichtige Aufgabe. Vor zehn Jahren lag der Wert gerade einmal bei 2 Prozent.

Bildung und Friedenssicherung: Mehr Einsatz gefordert

Lieber gemütlich in neun Jahren zum Abitur oder mit Vollgas in acht Jahren zur Hochschulreife? Das Hin und Her bei der Gymnasialzeit, aber auch Themen wie Früherziehung und -förderung in Kitas und Krippen beschäftigt die Deutschen. 15 Prozent finden, dass in Sachen Bildungspolitik noch nicht alle Hausaufgaben erledigt wurden. Das sind drei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Deutlich spürbarer fällt der Sorgenzuwachs aber bei der Friedenssicherung aus. Mit 11 Prozent erreicht das Thema erstmals seit 15 Jahren wieder die Top 10 und liegt momentan auf Rang 8. Entscheidend für diesen Anstieg dürfte unter anderem die Ukraine-Krise und die Politik Russlands sein, die die Region weiter destabilisiert. Kaum Bewegung gibt es dagegen bei den Sorgen der Ränge 9 und 10, Kriminalität und soziale Sicherung, die mit 10 bzw. 9 Prozent ähnlich ausfallen wie im Vorjahr. Und auch um das Gesundheitswesen (Rang 11 mit 9 Prozent) sowie die hiesige Politik und Regierung (Rang 15 mit 6 Prozent) machen sich die Deutschen ähnlich viele Gedanken wie 2014. Umweltprobleme geben den Menschen dagegen weniger zu denken als noch vor einem Jahr. Sah hier 2014 noch jeder zehnte Handlungsbedarf, tun dies heute nur noch 6 Prozent und setzen das Thema damit auf Platz 13 der Agenda.

Terrorismus und Weltpolitik: Wachsende Beunruhigung

Einen spürbaren Anstieg gab es jedoch beim Blick auf die Weltpolitik und den Terrorismus: Erstere nennen 7 Prozent als wichtige Aufgabe; das sind 3 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Die Angst vor terroristischen Aktivitäten kletterte sogar um fünf Prozentpunkte auf aktuell 6 Prozent – vermutlich geschürt durch Berichte über Attentate, wie z.B. das der islamistischen Terroristen auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ oder die darauffolgenden Anschlagswarnungen, die bei den Geheimdiensten vor allem für Berlin und Dresden eingegangen sind. Noch rangieren diese Themen jedoch jenseits der Top-10 auf den hinteren Rängen 12 und 14.

Welche Aufgaben werden wohl im kommenden Jahr auf der weltweiten Agenda stehen? Fest steht, dass wir in einer globalisierten Welt mit Herausforderungen konfrontiert werden, die vielleicht tausende Kilometer entfernt ihren Ursprung haben. Die Flüchtlingsproblematik ist ein Beispiel dafür – sie dürfte die Menschen hierzulande in den nächsten Monaten weiter beschäftigen, denn eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Wir werden bei dieser und anderen Herausforderungen wohl einen langen Atem brauchen. Vielleicht hilft dabei ja ein Satz, den Konfuzius gesagt haben soll: „Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.“


Datenquelle: GfK Verein, Studie „Challenges of Nations 2015“ (Juli 2015)

Rückfragen bitte an Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org). Für allgemeine Fragen zu GfK Compact wenden Sie sich bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org).


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