Konjunkturaussichten: gemischte Gefühle in Europa

Juli 2017

Sommerzeit, Urlaubszeit! Endlich beginnen die Wochen, die wohl für die allermeisten Menschen zu den schönsten des Jahres gehören. In ganz Europa haben die Sommerferien begonnen oder stehen kurz vor der Tür. Doch damit wirkliche Urlaubsfreude aufkommen kann, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Wer reisen oder auch ganz einfach eine Zeitlang nichts tun möchte, der muss sich das leisten können. Ohne das nötige Kleingeld und die Gewissheit, dass die eigene und die wirtschaftliche Lage des Heimatlandes auch in nächster Zeit stabil bleiben, sind große Urlaubssprünge kaum denkbar. Wie werden sich die heimische Konjunktur und damit auch der Arbeitsmarkt entwickeln? Wird das eigene Budget steigen oder zumindest stabil bleiben? Oder drohen gar sinkende Gehälter? In diesen Fragen sind die Europäer gespalten, wie der Blick auf die Verbraucherstimmung in verschiedenen Ländern zeigt: Während bei den einen das Stimmungshoch weiter anhält, blicken andere bang in die Zukunft.

Wie wird sich die allgemeine wirtschaftliche Lage im eigenen Land entwickeln? In dieser Frage wird die Spannbreite zwischen den einzelnen Ländern immer größer.

So sind die Verbraucher in Frankreich und Deutschland heute deutlich optimistischer als noch vor einiger Zeit, und auch die Menschen in Portugal sehen die heimische Wirtschaft auf einem guten Weg. In Spanien hat sich die Lage immerhin stabilisiert, in Polen zeigen sich die Verbraucher ebenfalls zuversichtlich. Ganz anders sieht es dagegen in den südeuropäischen Ländern Italien und Griechenland aus. Dies zeigen Ergebnisse aus der aktuellen Studie ‚Consumer Climate Europe‘, einer Verbraucherbefragung im Auftrag der EU-Kommission, für die regelmäßig mehr als 41.000 Verbraucher aus insgesamt 28 Ländern Europas – unter anderem durch die GfK - befragt werden. Die Kluft zwischen optimistischen Verbrauchern und Skeptikern in Europa besteht dabei übrigens nicht schon seit Beginn der Eurokrise. Vielmehr geht die Schere in puncto Konjunkturerwartung wie zwischenzeitlich schon einmal im Jahr 2014 immer weiter auseinander.

Konjunkturerwartungen: Frankreich und Deutschland liegen vorn

Vor allem die Franzosen sehen die heimische Wirtschaft auf einem guten Weg, was in erster Linie mit der Wahl des neuen Präsidenten zu tun haben dürfte. Dabei hat Emmanuel Macron das politische Parkett erst vor kurzem betreten und auch seine von ihm gegründete Bewegung „La République en marche“ ist erst gut ein Jahr alt. Macron will in seiner neuen Position zahlreiche Reformen anstoßen – und das lässt die Verbraucher offenbar auch auf positive Wirtschaftszahlen hoffen. Die Konjunkturerwartungen machten Mitte 2017 einen deutlichen Sprung nach oben; aktuell liegt der Index bei 49,1 Zählern und damit auf dem höchsten Stand seit mehreren Jahren. Auch im Nachbarland Deutschland ist das Stimmungsbarometer seit 2016 noch einmal deutlich gestiegen, der Wert kletterte im Juni auf 41,3 Punkte. Das ist der höchste gemessene Stand seit Mitte 2014: Damals lag die Konjunkturerwartung der Bundesbürger mit 46,2 Punkten leicht über dem aktuellen Ergebnis. Tatsächlich zog die Wirtschaft in beiden Ländern in den vergangenen Jahren weiter an. 2016 lag die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland nach Angaben von UNECE (The United Nations Economic Commission for Europe) bei 1,9 Prozent; in Frankreich fiel sie mit 1,2 Prozent etwas geringer aus.

Konjunktur im Aufwind: Spanier, Portugiesen und Polen sehen Wirtschaft auf gutem Weg

Positive Nachrichten vermeldet auch Spanien, das wie viele südeuropäische Länder von der Eurokrise besonders betroffen war. 2016 lag die BIP-Wachstumsrate bei 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auf die Verbraucherstimmung hat dieses Plus bereits einen moderaten Einfluss. Die Konjunkturerwartungen stabilisieren sich allmählich und erreichten zuletzt einen Index von 24,9 Punkten. Im Nachbarland Portugal zeigen sich die Menschen noch sehr viel hoffnungsvoller. Sie rechnen mit einem deutlicheren Aufschwung der Wirtschaft und schätzen die Konjunkturaussichten zunehmend besser ein. Mitte 2017 stieg der Indikator auf fast 40 Punkte. Offenbar haben die Reformen im Land gegriffen, was sich auch beim Bruttoinlandsprodukt bemerkbar macht: Im Vergleich zu 2015 legte der Wert vergangenes Jahr um 1,4 Prozent zu. Und auch die Tatsache, dass Portugal seinen Platz unter dem Rettungsschirm unlängst verlassen und sogar Finanzhilfen vorzeitig zurückzahlen konnte, dürfte sich positiv ausgewirkt haben. Auf eine ähnliche Geldspritze war die polnische Wirtschaft zwar im Zuge der Krise nie angewiesen, doch auch das osteuropäische Land hat die Folgen zu spüren bekommen. Seit 2012 hat sich aber auch hier die Stimmung stetig verbessert. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent erneut gestiegen ist, haben sich auch die Konjunkturerwartungen der Verbraucher weiter erholt. Der Wert liegt aktuell bei stabilen 18,9 Punkten.

UK, Griechenland und Italien: trübe Aussichten

Nicht überall in Europa schätzen die Verbraucher die Lage so positiv ein – und nicht immer hat das auch mit einer tatsächlichen schwachen Wirtschaftsleistung zu tun, wie das Beispiel UK zeigt. Dort wuchs das Bruttoinlandsprodukt 2016 laut UNECE immerhin um 1,8 Prozent, doch die Verbraucherstimmung ist weiter frostig. So sank die ohnehin mittelmäßige Konjunkturerwartung seit 2016 nach einer kurzen Phase der Erholung erneut und erreichte zuletzt einen Wert von -20,7 Punkten. Vor allem der beschlossene „Brexit“ und seine unwägbaren Folgen für die Menschen und die Wirtschaft dürften hier eine Rolle spielen. In Italien und Griechenland dagegen ist eine schwächelnde Ökonomie bereits Realität. Beide Länder haben sich von der Krise noch nicht erholt: So konnte Griechenland 2016 kein BIP-Wachstum verzeichnen; in Italien sieht es mit einem Plus von 0,9 Prozent zumindest etwas besser aus. Dass die Trendwende zum Positiven in absehbarer Zeit kommen könnte, glauben aber weder die Italiener noch die Griechen: So befindet sich die Konjunkturerwartung in Italien weiter im Sturzflug und liegt aktuell bei -55,5 Zählern. Kaum besser sieht die Lage in Griechenland aus, wo der Wert auf -43,2 Punkte sank.

Einkommenserwartungen: Top-Werte in Deutschland

„Je größer der Markt, desto größer der Wohlstand für alle“, hat der schottische Nationalökonom und Philosoph Adam Smith einmal gesagt. Das mag stimmen – doch in den Köpfen der Verbraucher sorgt das Gefühl wirtschaftlicher Erholung nicht zwingend und sofort für mehr Geld im Portemonnaie. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man die Einkommenserwartungen der Europäer mit ihren Konjunkturprognosen vergleicht. Beide Parameter decken sich nicht in jedem Fall. So rechnen die Franzosen deutlich stärker als noch vor einem Jahr damit, dass sich die Wirtschaft im Land gut entwickeln wird, doch der Anstieg der Einkommenserwartung fällt für den gleichen Zeitraum sichtlich weniger steil aus. Allerdings wurde mit 2,7 Zählern im Juni 2017 dennoch der bislang beste Wert seit fünf Jahren erreicht und auch im Vergleich mit den anderen betrachteten europäischen Ländern schneidet Frankreich gut ab. Auch in Deutschland ist der Indikator seit 2012 auf einen Höchststand geklettert, landete aber mit 60,2 Punkten auf einem sehr viel höheren Niveau als im Nachbarland Frankreich. Passend zu den guten Konjunkturaussichten gehen die Verbraucher hierzulande offenbar auch stärker als früher davon aus, dass ihnen künftig auch persönlich mehr Geld zur Verfügung stehen wird. Im Vereinigten Königreich haben sich Konjunktur- und Einkommenserwartung der Menschen in den vergangenen vier Jahren ebenfalls relativ parallel entwickelt, und vor dem Hintergrund des „Brexit“ sind beide Indikatoren gesunken. Die Einkommenserwartung fiel im Juni auf -2 Punkte. Allerdings gab es in der Vergangenheit auch ohne „Brexit“ durchaus noch schlechtere Werte. Gleiches gilt für Italien, wo der Indikator derzeit bei -17,9 Zählern rangiert. 2012 wurde dieser Wert jedoch ebenfalls noch spürbar unterschritten – vermutlich, weil sich die Wirtschaftskrise damals noch deutlicher bemerkbar machte.

Griechenland: Verbraucher rechnen nicht mit einem Plus auf dem Konto

In Portugal rechnen die Menschen seit gut einem Jahr ebenfalls zunehmend mit steigenden Einkommen – der Indikator stieg auf 29,5 Zähler und damit auf den höchsten Wert seit Jahren. Dabei fällt der Anstieg aber nicht ganz so steil aus wie bei der Konjunkturerwartung. Offenbar gehen die Menschen davon aus, dass sich die Wirtschaft schneller von der Krise erholt als ihr eigenes Bankkonto. Die Spanier bleiben wie schon bei der Einschätzung der Konjunktur auch in puncto Einkommensprognose hinter den Portugiesen zurück: Der Indikator stabilisierte sich Mitte des Jahres bei 14,1 Prozent. Und in Polen haben sich die Verbrauchereinschätzungen zum eigenen Einkommen trotz guter Konjunkturaussichten etwas eingetrübt. Aktuell erreicht der Indikator 25 Punkte. Davon können die Verbraucher in Griechenland nur träumen. Mit kleinen Ausreißern nach oben sinkt die Einkommenserwartung seit 2015 spürbar und liegt nun bei -42,9 Punkten. Ein ähnlicher Stand wurde zuletzt im Jahr 2013 gemessen.

Arbeitsmarkt bringt deutsche Verbraucher in Stimmung

Doch wie realistisch schätzen die Verbraucher die eigene wirtschaftliche Zukunft ein? Auf welcher Basis wächst oder schrumpft ihre Hoffnung auf eine finanzielle Entspannung? Sicherlich spielt die Situation auf dem Arbeitsmarkt hier eine Rolle. Wenn die meisten Menschen in Lohn und Brot stehen, sollte das schließlich auch die Verbraucherstimmung heben – und umgekehrt. Für Deutschland trifft dies zu: Die Bundesbürger, die sowohl in puncto Konjunktur- als auch Einkommenserwartungen europaweit einen Spitzenplatz einnehmen, können sich über eine in der jüngeren Geschichte historisch niedrige Arbeitslosenquote von gerade einmal 4,1 Prozent (Definition Eurostat/Chart im Download) im Jahr 2016 freuen. Auch die Griechen schätzen ihre Situation entsprechend der Lage auf dem Arbeitsmarkt ein. Das Schlusslicht in puncto Verbraucherstimmung musste 2016 eine Arbeitslosenrate von fast 25 Prozent hinnehmen. In Italien könnte sich die Lage angesichts des leichten BIP-Wachstums langsam entspannen. Im Vergleich zu Griechenland ist am Apennin zudem der Anteil der Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, etwa halb so groß. Dennoch bleibt die Stimmung der Verbraucher – wohl auch angesichts der Flüchtlingskrise – weiter verhalten.

Frankreich und UK: politische Situation beeinflusst die Verbraucherlaune

Die spanische Bevölkerung dagegen hat sich von der Flaute der vergangenen Jahre offenbar etwas besser erholt – obwohl die Beschäftigungszahlen eigentlich noch keinen Grund zum Jubeln bieten. Fast jeder fünfte Spanier ist arbeitslos. Dennoch haben sich die Verbraucherprognosen insgesamt stabilisiert. Die Spanier scheinen damit zu rechnen, dass sich die positiven BIP-Wachstumszahlen in absehbarer Zeit auch in ihrem Einkommen niederschlagen. Davon gehen nicht nur die Verbraucher, sondern auch die spanische Regierung und die EU aus. Noch zuversichtlicher blicken die Portugiesen in die Zukunft, die sowohl bei der Einkommens- als auch bei der Konjunkturerwartung unter den Top 3 landen – und das, obwohl noch mehr als jeder Zehnte Erwerbstätige ohne Job dasteht. In Frankreich scheint der Macron-Effekt über moderate Arbeitsmarktentwicklungen hinwegzuhelfen: Trotz einer noch angespannten Jobsituation sehen die Franzosen optimistisch in die Zukunft. Die polnischen Verbraucher sind zwar nicht ganz so euphorisch, doch die Stimmung stabilisiert sich angesichts einer recht niedrigen Arbeitslosenquote von gut 6 Prozent. Dagegen sitzt der „Brexit“-Schock bei den Briten anscheinend tief: Die gute Beschäftigungslage (Arbeitslosenquote 4,8 Prozent) kann den Bürgern die Sorgen vor der Zukunft nicht nehmen.

Offenbar braucht es also neben einer guten konjunkturellen Entwicklung und einem Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt noch etwas mehr, um das Stimmungsbarometer der Verbraucher nachhaltig in die Höhe zu treiben. Vor allem das Vertrauen in die Zukunft – die eigene und die des Landes, in dem man lebt – dürfte ein Faktor sein, auf den es neben den nackten Zahlen ankommt. Das wusste schon der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard, der einmal gesagt haben soll: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“


Datenquelle: Consumer Climate Europe / Verbraucherbefragungen im Auftrag der EU-Kommission

Rückfragen bitte an Rolf Bürkl (rolf.buerkl@gfk.com) oder Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org).


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