Leben und Arbeiten - Alles im Lot?

Dezember 2012

Man nehme: Einen zeitaufwändigen Job, ein oder zwei Hobbies, Familie und Freunde sowie ab und zu den Wunsch nach ein bisschen Ruhe. Dann versuche man, all diesen Aspekten innerhalb eines 24-Stunden-Tages gerecht zu werden – fertig ist das Rezept für die Überforderung. Doch wie gelingt einem der Ausgleich zwischen Beruflichem und Privatem? Wie sieht die Vorstellung der Deutschen von einer gelungenen Work-Life-Balance aus? Und wie nahe reicht ihre Lebens- und Arbeitsrealität an dieses Ideal heran? Viele Beschäftigte in Deutschland haben Probleme, den Spagat zwischen Arbeit und Familie zu meistern. Wie stark die Belastung ausfällt, hängt dabei aber nicht nur von den äußeren Zwängen, sondern offenbar auch von der eigenen Einstellung ab. Je nach „Typ“ setzen die Menschen unterschiedliche Prioritäten und fühlen sich auch mehr oder weniger zufrieden mit ihrer Situation.

Insgesamt sind die meisten Deutschen bereit, der Arbeit zuliebe bei Freizeit und Familie Abstriche zu machen. So geben gut zwei Drittel an, Vieles in Kauf zu nehmen, solange die Bezahlung stimmt. Etwa knapp die Hälfte konzentriert sich zudem ganz auf den Beruf und richtet die Freizeit dementsprechend darauf aus. Und fast ebenso viele ordnen andere Bereiche des Lebens der Arbeit unter, wenn sie dadurch auf der Karriereleiter nach oben klettern können. Konkret heißt das, dass fast ein Drittel für den Job auf Hobbies und immerhin 18 Prozent auf (weitere) Kinder verzichten würden. Ebenso viele sind bereit, Freunde zu vernachlässigen und weitere 10 Prozent riskieren sogar die Gesundheit, wenn die Arbeit ruft. Dies zeigen Ergebnisse einer großangelegten Studie, in der der GfK Verein in Zusammenarbeit mit der FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND erstmals umfassend erfasst hat, welche Prioritäten die berufstätigen Menschen in Deutschland im Spannungsfeld von Familie, Freizeit und Beruf setzen, wie sie mit auftretenden Konflikten umgehen und welche gesundheitlichen Belastungen sie empfinden. Die Studie „Leben und Arbeiten in Deutschland“ zeigt auch, welche Möglichkeiten die mehr als 2.600 Befragten zur Vereinbarung von Familie und Beruf nutzen und wo aus ihrer Sicht noch Verbesserungsbedarf besteht.

Berufsorientierte: Verzichten für den Job

In ihren Einstellungen zu Beruf und Freizeit sind sich die Deutschen dabei keineswegs einig. Je nachdem, welchem Typ man angehört, variiert die Bereitschaft, mehr oder weniger in die Karriere zu investieren. Für die Gruppe der Berufsorientierten nimmt – wie der Name schon sagt – die Arbeit den mit Abstand größten Stellenwert ein. Sie ordnen alle anderen Lebensbereiche ihrer Karriere unter: So können sich zwei Drittel dieser Gruppe vorstellen, für die Arbeit auf Hobbies zu verzichten. Mehr als die Hälfte würde den Freundeskreis für den Job hintanstellen und 44 Prozent würden auf (weitere) Kinder verzichten. Ganz anders sieht das bei den Familienorientierten aus. Nur 9 Prozent können sich ein Leben ohne Kinder vorstellen, und auch Zeit mit Freunden oder Hobbies hat einen höheren Stellenwert als bei den Berufsorientierten – verzichten würden hier nur 11 bzw. 26 Prozent. Die Vereinbarer, also diejenigen, die möglichst alle Aspekte ihres Lebens befriedigend unter einen Hut bringen wollen, sehen das ähnlich. Weniger Sozialkontakte, egal ob in der eigenen Familie oder im Freundeskreis, kommen für die wenigsten in Frage. Bei den Unabhängigen, die neben der Arbeit großen Wert auf Hobbies und ein erfülltes Sozialleben legen, steht der eigene Kinderwunsch noch am ehesten hinten an. 19 Prozent würden für die Arbeit auf Nachwuchs verzichten.

Familienorientierte: Kinder an erster Stelle

Wenn sie zwischen Karriere und Kindern wählen müssen, entscheiden sich die Familienorientierten am häufigsten für den Nachwuchs. 86 Prozent würden den Arbeitsplatz wechseln oder den beruflichen Aufstieg sausen lassen, wenn die Betreuung der Kleinen das erfordert. Fast drei Viertel würden ihren Beruf sogar ganz aufgeben – ein Wert, der sich in keiner anderen Gruppe in dieser Höhe wiederfindet. Am weitesten weisen die Unabhängigen diese Möglichkeit von sich: Gerade einmal ein Prozent kann sich mit der Vorstellung anfreunden, das Büro endgültig gegen die Babybetreuung einzutauschen. Dagegen liegen die Werte der Vereinbarer und auch der Berufsorientierten im Mittelfeld, wobei erstere noch etwas häufiger die Karriere für die Kinder zurückstellen würden.

Nach der Bedeutung von Partnerschaft gefragt, ergibt sich ein ähnliches Bild. Auch hier sind die Familienorientierten zu den größten, die Unabhängigen zu den geringsten Abstrichen bereit. Berufsorientierte und Vereinbarer liegen wiederum im Mittelfeld. Rund ein Drittel aus beiden Gruppen würde den beruflichen Aufstieg zurückstellen oder Einkommensverluste akzeptieren, wenn die Partnerschaft davon profitiert. Die Bereitschaft, den Arbeitsplatz zu wechseln, liegt sogar noch etwas höher.

Gesundheitsrisiko Zeitdruck

„Gehe in deiner Arbeit auf, nicht unter“ – das hat der französische Schauspieler und Regisseur Jacques Tati einmal gesagt. Die Deutschen können diesen Ratschlag nur teilweise befolgen. Die Mehrheit der Berufstätigen (57 Prozent) klagt über eine zu hohe Belastung im Beruf, hervorgerufen vor allem durch Zeit- und Effizienzdruck oder durch Überstunden. Vor allem für die Berufsorientierten gehören diese Aspekte zum täglichen Brot. Doch obwohl sie der Arbeit einen so hohen Stellenwert einräumen, können sie den belastenden Faktoren mehrheitlich wenig abgewinnen. Der Zeitdruck beispielsweise spornt die Mehrheit der Berufsorientierten keineswegs zu Höchstleistungen an – im Gegenteil: Drei Viertel derer, die von Termin zu Termin hetzen, empfinden diesen Umstand als belastend. Auch Überstunden und Effizienzdruck, denen Berufsorientierte besonders häufig ausgesetzt sind (je rund 60 Prozent erleben dies regelmäßig), werden von der Mehrheit nicht geschätzt.

Zu viel Anspannung hat offenbar Auswirkungen auf die Gesundheit der Befragten. Insgesamt haben unter den Berufstätigen 58 Prozent mit Beschwerden zu tun – auch hier liegen die Berufsorientierten wieder an der Spitze und mit 63 Prozent über dem Durchschnitt. Doch sie sind nicht allein mit ihren Belastungen. Denn auch die Familienorientierten erreichen einen ebenso hohen Wert. Seltener haben es dagegen die Unabhängigen und Vereinbarer mit gesundheitlichen Belastungen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen zu tun – vielleicht, weil beide Gruppen mehr Ausgleich in ihrer Freizeit finden als die übrigen Befragten.

Wunsch und Wirklichkeit im Arbeitsleben

Die öffentliche Diskussion über den Fachkräftemangel, aber auch über Themen wie Burn-out und andere Gesundheitsrisiken geht auch an den Unternehmen nicht spurlos vorüber. Immer mehr Firmen suchen nach Möglichkeiten, ihre Arbeitnehmer in Sachen Work-Life-Balance zu unterstützen. Am stärksten haben sich dabei Arbeitszeitkonten und Gleitzeit-Modelle durchgesetzt. 36 bzw. 30 Prozent der Berufstätigen nutzen diese Angebote und sind überwiegend auch zufrieden damit.

Teilzeit wird am ehesten von den Familienorientierten (37 Prozent) in Anspruch genommen – was sich durch den hohen Frauenanteil erklären lässt. In allen anderen Gruppen ist eine reduzierte Arbeitszeit dagegen deutlich seltener verbreitet. Andere Entlastungsmodelle wie Homeoffice, Job-Sharing oder die politisch lange umkämpfte Elternzeit werden bislang noch wenig genutzt. Und eine mehrmonatige Auszeit können die allerwenigsten Berufstätigen in Anspruch nehmen: Das Sabbatical landet mit einem Prozent auf dem letzten Rang – aus Sicht der Arbeitnehmer und Selbstständigen ist das bedauerlich. Denn wenn sie selbst entscheiden könnten, würden sich 15 Prozent über ein solches Sabbatjahr freuen. Ähnlich hoch ist der Wunsch nach Teilzeitarbeit, Homeoffice oder Elternzeit. Am beliebtesten sind Arbeitszeitkonten und Gleitzeitmodelle (19 bzw. 21 Prozent). Das Thema Job-Sharing landet auf der Wunschliste der Berufstätigen dagegen ganz hinten.

Abgesehen von verschiedenen Zeitmodellen können Arbeitgeber aber noch mehr tun, um ihre Belegschaft wieder in Balance zu bringen. Aus Sicht der Berufstätigen ist vor allem der Service für Familien verbesserungsfähig. 22 Prozent wünschen sich beispielsweise die Vermittlung von Betreuungsplätzen oder eine entsprechende Beratung. Fast ebenso viele plädieren für eine gezieltere Förderung von Mitarbeiterinnen. Und 18 Prozent wünschen sich, dass auch Führungskräfte Teilzeit arbeiten können. Vor allem die Familien- und Berufsorientierten sehen bei vielen abgefragten Aspekten den größten Handlungsbedarf.

Mit gutem Beispiel voran

Es gibt also noch viel zu tun, bis der Wunsch nach einem ausgeglichenen Familien- und Berufsleben für alle Realität wird. Ein Ansatz wären die Vorgesetzten selbst, die ihre Mitarbeiter stärker als bisher unterstützen könnten, Familie und Beruf zu vereinbaren. Immerhin sieht hier mehr als die Hälfte der Befragten noch Defizite in der Firmenkultur. Dabei hilft es ihnen nicht, wenn der Chef selbst auch länger im Büro sitzt, als es seiner Familie womöglich gefällt – ein Umstand, den aktuell 52 Prozent der Berufstätigen beobachten. Sie würden stattdessen von Vorgesetzten profitieren, die mit gutem Beispiel vorangehen. Vielleicht würde das mehr helfen, als alle Gesetze und Regelungen zur Work-Life-Balance. Denn wie besagt ein altes Sprichwort eines unbekannten Autors: „Worte sind Zwerge – Beispiele Riesen.“.


Datenquelle: GfK Verein (Studie: Leben & Arbeiten in Deutschland 2012).

Für Rückfragen zu diesem Artikel steht Ihnen Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org) zur Verfügung.

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: Tel. +49 911 395-2624, E-Mail: claudia.gaspar@gfk-verein.org.

Dezember 2012