Lebenswerte Arbeit

September 2011

„Werde Chef deines Lebens“ – mit diesem Slogan wirbt eine große deutsche Telefongesellschaft derzeit um Arbeitskräfte. Im Wettbewerb um talentierte Arbeitnehmer will das Unternehmen zeigen, was es zu bieten hat: Flexible Arbeitszeitmodelle, Auszeiten oder Aktionen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf verspricht der Telefon-Riese. Die Kampagne zeigt zweierlei: Unternehmen müssen sich angesichts des demographischen Wandels offenbar aktiv mehr um motivierte Mitarbeiter bemühen – und diesen für ihre Arbeit nicht nur Lohn, sondern auch ein Plus an Lebensqualität bieten. Zwar fühlt sich die Mehrheit der Deutschen insgesamt recht zufrieden im Job – doch ein nicht zu vernachlässigender Teil äußert sich auch kritischer: Zu viel Stress, zu viele Überstunden und ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit sorgen mitunter für Frust in den Betrieben. Vor allem jüngere Arbeitnehmer und solche, die noch nicht zu den alten Hasen im Betrieb gehören, vermissen eine ausgewogene Work-Life-Balance.

Ohne ausreichendes und motiviertes Personal lässt sich bekanntlich nicht gut wirtschaften. In Zeiten, in denen der Fachkräftemangel erste Branchen längst empfindlich trifft, verspüren diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, zunehmende Unzufriedenheit. Mehr als 40 Prozent der Deutschen fühlen sich durch hohen Arbeitsdruck gestresst vom Job, ein weiteres Drittel ist unzufrieden mit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und mehr als ein Viertel beklagt häufige Überstunden. Dies sind Ergebnisse einer internationalen Studie der GfK, für die allein in Deutschland mehr als 3.000 Arbeitnehmer nach verschiedenen Kriterien für ihr Wohlbefinden am Arbeitsplatz befragt wurden. Besonders jüngere Beschäftigte scheinen mit den Umständen im Berufsleben nicht immer glücklich zu sein. In punkto mangelnde Work-Life-Balance zumindest liegen sie vorn: Fast 40 Prozent der 18- bis 29-jährigen Berufstätigen geben an, hiermit regelmäßig oder sogar fast immer unzufrieden zu sein. Auch unter den Beschäftigten zwischen 30 und 39 Jahre findet noch mehr als jeder Dritte, dass das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben nicht ausreichend ist.

Betriebsgröße: In der Mitte wächst die Unzufriedenheit

Verstärkt wird dieser Effekt noch durch die Unternehmensgröße. Bei Mittelständlern über 50 Beschäftigte zeigt sich die Unzufriedenheit mit der Work-Life-Balance häufiger als in kleineren oder größeren Unternehmen. Woran das liegt, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht geht es in sehr kleinen Betrieben mitunter etwas familiärer zu; in sehr großen Unternehmen dagegen geben womöglich feste Strukturen den Beschäftigten Halt – beides Aspekte, die die Zufriedenheit steigern können, die aber im „Mittelfeld“ der deutschen Betriebslandschaft schwächer bemerkbar sein könnten. Womöglich befinden sich Mittelständler zwischen 50 und 1.000 Beschäftigten häufig auch in einer Wachstumsphase: Wo bis vor kurzem noch familiäre Strukturen vorherrschten, folgt nun eine Änderung der Unternehmenskultur hin zu Strukturen großer Konzerne, die aber noch nicht abgeschlossen ist. Die Betriebe sind zudem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht mehr ganz so flexibel wie kleinere Unternehmen, haben aber auch noch nicht die Größenordnung, um eine stabile Struktur vorweisen zu können. All dies könnte die Stimmung bei den Arbeitnehmern beeinflussen.

Der Blick auf das Stress-Empfinden der Beschäftigten bestätigt das. Hier stöhnen ebenfalls vor allem Angehörige von Unternehmen zwischen 50 und 1.000 Mitarbeitern. 46 Prozent sind regelmäßig oder fast immer unzufrieden mit der Hektik, der sie im Betrieb ausgesetzt sind. Angestellte sehr kleiner oder sehr großer Unternehmen dagegen zeigen sich in diesem Punkt zufriedener.

Mehr Verantwortung bringt mehr Belastung

In der Frage nach der Stressbelastung spielt das Alter wieder eine Rolle. Die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen schneidet hier am schlechtesten ab. 46 Prozent der Mitarbeiter fühlen sich so unter Druck, dass dies Einfluss auf ihre Zufriedenheit hat. Vielleicht, weil in diesem Alter zunehmend Verantwortung übernommen wird und die ersten Sprünge auf der Karriereleiter nach oben getan sind. Zumindest eines ist sicher: Wer einmal oben angekommen ist, der wünscht sich oftmals weniger Hektik. Menschen mit Führungsverantwortung fühlen sich überdurchschnittlich oft unzufrieden angesichts des Stress-Levels, dem sie ausgesetzt sind.

Vermutlich, weil sie es sind, die ihre Aufgaben oft auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten erledigen müssen. Zumindest klagen Beschäftigte auf Management-Ebene häufiger als andere, dass sie mit der Zahl der Überstunden nicht glücklich sind. Je höher die Verantwortung, desto später die Abende im Büro. Dieser Freizeitmangel führt dazu, dass sich Menschen mit mehr Verantwortung mitunter mehr Ausgewogenheit von Beruf und Freizeit wünschen. Der Grad der Unzufriedenheit mit der Work-Life-Balance zumindest steigt mit jedem Schritt auf der Karriereleiter. Je höher die Position und damit die Verantwortung, desto missgestimmter sind die Befragten. Natürlich, so könnte man sagen, müssen Führungskräfte mehr Verantwortung übernehmen, und das kostet nun einmal Zeit. Doch langfristig können es sich Unternehmen kaum leisten, ihre Führungsriege zu überlasten. Schon heute wünschen sich 41 Prozent der Deutschen, die Führungsverantwortung auch für leitende Angestellte übernehmen, fast immer oder regelmäßig mehr Freizeit neben dem Beruf. Wer ein Team aus Mitarbeitern ohne eigene Managementverantwortung führt, sieht das noch in 37 Prozent der Fälle so. Unter den Angestellten ohne Führungsverantwortung dagegen beklagt sich nur noch knapp jeder Dritte. 

Das bedeutet aber nicht, dass nur Arbeitnehmer mit Verantwortung, die in der Regel etwas älter sein dürften, sich vom Beruf zu sehr in Beschlag genommen fühlen. Um die 30 Prozent der Beschäftigten zwischen 18 und 49 Jahre schieben ihrem Empfinden nach zu viele Überstunden – und sind dadurch häufig oder fast immer unzufrieden.

Motivation sinkt nach dem Berufseinstieg

Wer neu in einem Betrieb anfängt, akzeptiert häufig lange Abende, stressige Tage und weniger Freizeit – das aber offenbar nur für eine gewisse Dauer. Während Arbeitnehmer, die ganz frisch ins Unternehmen eingetreten sind, sich zunächst weniger beklagen, schlagen Stress, zu wenig Ausgleich und lange Bürotage nach etwa einem Jahr zunehmend aufs Gemüt. Arbeitnehmer, die das erste Jahr im Betrieb hinter sich haben, empfinden die mangelnde Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben als Belastung – und liegen auch in punkto Unzufriedenheit mit Stress und Überstunden über dem Durchschnitt. Es sind also gerade die Kräfte, die eingearbeitet und zugleich noch voller neuer Ideen sind, die sich hier kritischer als der Durchschnitt äußern.

Mit Blick auf den demographischen Wandel ist das bedenklich. Wenn immer weniger junge tatkräftige Menschen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, wird es umso wichtiger, diejenigen zu halten, die sich für ein Unternehmen entschieden haben. Und neue Mitarbeiter zu gewinnen, die künftig stärker als heute die Qual der Wahl haben werden. Das Plus an Lebensqualität könnte zum Zünglein an der Waage werden, wenn es um die Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber geht. Die Erkenntnis, dass gut gelaunte Menschen besser im Job sind, hatte übrigens schon Aristoteles, der sagte: Freude an der Arbeit lässt das Werk trefflich geraten.


Datenquelle: GfK (GfK International Employee Engagement Studie, 2011).

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Dr. Ingrid Feinstein von der GfK Trustmark: ingrid.feinstein@gfk.com.

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: claudia.gaspar@gfk-verein.org.