Leistung? Aber sicher!

August 2010

Die deutsche Wirtschaft scheint die Krise endgültig abgehakt zu haben. Der ifo-Geschäftsklimaindex machte im Juli den größten Sprung seit 20 Jahren, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag korrigierte seine Prognose ebenso nach oben wie Bundesregierung und Bundesbank. Immer mehr Ökonomen sehen Deutschland angesichts positiver Zahlen im Aufschwung, und bei den Verbrauchern sorgen die guten Nachrichten für ein aufgehelltes Konsumklima. Die Entspannung nach dem Auf und Ab der Krisenzeit zeigt zudem erste Auswirkungen auf die Wertvorstellungen der Deutschen. Nach dem Motto „Jetzt packen wir es an“ sehen deutlich mehr Menschen als noch im Januar leistungsbezogene Werte hoch im Kurs. Das Bedürfnis nach Sicherheit rangiert jedoch weiterhin an erster Stelle.

Bereits im Januar dieses Jahres (siehe FokusThema 2. Werte im Wandel) war die überragende Mehrheit der Deutschen der Meinung, dass das Bedürfnis nach Sicherheit deutlich an Bedeutung gewinnt. Daran hat sich auch heute – rund 6 Monate später – nichts geändert. Über fast alle Alters-, Geschlechts- und Vermögensgrenzen hinweg setzen die Deutschen diesen Wert auf Platz eins. Allen guten Nachrichten zum Trotz: Die Verunsicherung, die die Wirtschaftskrise ausgelöst hat, ist noch nicht aus den Köpfen verschwunden. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen Befragung des GfK Vereins zum Thema „Bedeutungswandel von Werten“, für die im August nun zum zweiten Mal mehr als 1.000 Menschen nach ihren Einschätzungen befragt wurden.

Offensichtlich wollen sich die Deutschen aber mit neuem Schwung ans Werk machen. Denn insbesondere leistungsbezogene Werte haben seit der letzten Befragung zugelegt. So denken heute 65 Prozent der Menschen, dass es derzeit noch stärker auf Engagement und Einsatz ankommt. Das sind 7 Prozent mehr als noch im Januar.

Doch von nichts kommt bekanntlich nichts: Dass nach der Krise von selbst alles weitergeht wie gehabt, können sich nur wenige Menschen vorstellen. Und so zeigen die Begriffe Wettbewerb und Innovation im Vergleich zur vorherigen Befragung einen ordentlichen Schub nach oben. In der Folge geht fast die Hälfte der Deutschen davon aus, dass es stärker als bisher darauf ankommt, konkurrenzfähig zu sein und sich mit seiner Arbeit, den eigenen Fähigkeiten oder der wirtschaftlichen Leistung gegen andere durchzusetzen. Der Wert hat damit im Vergleich zum Januar um 10 Prozent zugelegt.

Neue Ideen braucht das Land

Immerhin 44 Prozent sind zudem sicher, dass es mehr und mehr gilt, bei Entwicklungen vorne mit dabei zu sein. Neuerungen als Weg aus der Krise und zurück an die wirtschaftliche Spitze stehen damit um 8 Prozent höher im Kurs als bei der vorigen Befragung. „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“, hat der Unternehmer Philip Rosenthal einmal gesagt. Offenbar sehen viele Deutsche das ähnlich.

Im Gegenzug verliert das Thema Solidarität augenscheinlich an Brisanz für die Menschen. Waren im Januar noch knapp die Hälfte der Befragten der Ansicht, dass die Wichtigkeit von Gemeinschaftsgeist in der Gesellschaft steigt, sehen das heute nur noch 41 Prozent so. Und während umgekehrt damals nur 7 Prozent glaubten, dass es auf Solidarität nicht mehr ganz so stark ankommt, empfinden das heute doppelt so viele Menschen so. Angesichts einer wiedererstarkenden Wirtschaft gehen wohl mehr Menschen davon aus, dass gesteigerter Wettbewerb dominiert und das Zusammengehörigkeitsgefühl damit weniger im Fokus steht. Statt dessen wird dem Begriff der Macht heute eine höhere Relevanz beigemessen. Zwar liegt der Wert auf dem viertletzten Platz und damit eher am unteren Ende der Skala, doch immerhin 32 Prozent der Menschen meinen, dass das Thema an Bedeutung gewinnt. Das sind 7 Prozent mehr als noch im Januar.

Bedeutet das Ende der Krise also auch das Ende des Mitgefühls und der Menschlichkeit? Mitnichten! Doch der Weg dorthin führt über Verantwortung und Vertrauen. Diese Werte liegen auf den Plätzen 3 und 4 und damit nach wie vor mit an der Spitze der ‚Aufsteiger‘ in der Wertehierarchie der Gesellschaft. Mehr als die Hälfte der Deutschen nimmt demnach weiterhin an, dass es aktuell wichtiger wird, sich seinen Pflichten – auch gegenüber anderen Menschen – zu stellen. Und auch das Thema Vertrauen hat im Vergleich zum Januar nichts an Aktualität verloren.

‚Homing‘ nicht mehr ganz so wichtig

Anders ist es um die Bedeutung des eigenen Zuhauses bestellt: Mit dem Abklingen der Krise schwächt sich auch der Trend zum sogenannten ‚Homing‘ etwas ab. Lag die Bewertung des eigenen Heims bei der letzten Erhebung noch auf Rang zwei, fiel der Wert nun auf Rang fünf zurück. Zwar ist gut die Hälfte der Befragten immer noch der Ansicht, dass das Zuhause als Wert an Bedeutung gewinnt, doch die Zahl derer, die das so sehen, ist um 6 Prozentpunkte gesunken. Kein Wunder: Leistung zeigen, Innovationen vorantreiben, verantwortlich handeln – all das ist natürlich schwer allein im stillen Kämmerlein zu bewältigen.

Weniger Verzicht, aber auch kein Luxus

Doch auch wenn die Deutschen mit neuem Elan in die Zukunft blicken, steht ihnen nach all dem Krisen-Chaos der Sinn noch lange nicht nach Abenteuer und Luxus. Zwar legten beide Werte in den vergangenen Monaten etwas zu, doch reicht dieser Zuwachs nicht, um sie im Ranking nach vorne zu holen. Ein teures Auto, der eigene Pool oder ausgefallene Reisen in entlegene Ecken der Erde spielen nach Ansicht von jeweils rund 40 Prozent der Befragten eine untergeordnete Rolle. Dennoch gibt es positive Signale für den Konsum: Im Vergleich zum Januar sind sichtlich mehr Menschen der Ansicht, dass Verzicht in nächster Zeit weniger im Fokus steht. Die Anzahl derer, die denken, dass weniger Zurückhaltung gefragt ist, stieg um die Hälfte von 14 auf 21 Prozent. Ein kleiner Lichtblick, aber immerhin. Schließlich hat schon Goethe einst gesagt: Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun.


Datenquelle: GfK Verein (Omnibusumfrage August 2010)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org