Nachhaltig bekannt

Oktober 2014

Gibt es umweltfreundliche Smartphones? Wie wird eine Kommune zum Bioenergie-Dorf? Und was unter- scheidet ein „Grünes Festival“ von den üblichen Musik-Events, die der eine oder andere Leser in diesem Sommer vielleicht besucht hat? Diese und ähnliche Fragen beantwortet das Online-Lexikon der Nachhaltigkeit, das von der Aachener Stiftung Kathy Beys betrieben wird und Aufklärungsarbeit in puncto „nachhaltiges Handeln“ leisten will. Initiativen wie diese gibt es immer mehr – und offenbar haben die vielen Informationen unser Bewusstsein für das Prinzip Nachhaltigkeit weiter geschärft. In Deutschland zumindest wissen immer mehr Menschen etwas mit dem Begriff anzufangen.

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Egal, ob in der Politik, der Wirtschaft, im Tourismus oder der Mode – nachhaltige Prinzipien sind in aller Munde. Die Deutschen haben diesbezüglich in den letzten Jahren einiges dazugelernt. So ist der Anteil derjenigen, die noch nie etwas von „Nachhaltigkeit“ gehört oder gelesen haben, innerhalb von zwei Jahren sichtlich geschrumpft. Während 2012 fast ein Viertel noch nie mit dem Terminus in Berührung gekommen ist, sagen das heute nur noch 14 Prozent von sich. Dies sind Ergebnisse einer Umfrage, für die die GfK Marktforschung im Auftrag des GfK-Vereins im September zum vierten Mal in Folge rund 1.000 Personen befragt hat. Insgesamt 86 Prozent der Befragten ist der Begriff Nachhaltigkeit mittlerweile bekannt; knapp die Hälfte davon ist sich dabei ganz sicher, den Terminus zu kennen.

Altersklassen: Höchster Kenntnisstand in der Mitte des Lebens

Dabei fällt der Wissensstand nicht in allen Altersgruppen gleichermaßen hoch aus. Der Bekanntheitsgrad von Nachhaltigkeit steigt zunächst mit dem Alter, sinkt bei den ältesten Jahrgängen aber wieder. Am weitesten ist der Begriff unter den „Kindern“ der Umweltbewegung verbreitet, also den heute 50- bis 64-Jährigen, die in Zeiten von Anti-Atomkraft-Protesten und Demos für mehr Naturschutz groß geworden sind. 92 Prozent dieser Generation wissen etwas mit Nachhaltigkeit anzufangen, fast jeder Zweite kennt den Begriff sogar ganz sicher

Mit 88 Prozent findet sich die zweitgrößte Kennergruppe bei den 35- bis 49-Jährigen, gefolgt von den über 65-Jährigen, von denen aktuell 84 Prozent den Terminus sicher oder vage kennen. Damit hat die ältere Generation in Sachen Bekanntheit erstmals die 80-Prozent-Marke geknackt und kann sich außer- dem über den deutlichsten Wissenszuwachs innerhalb der letzten beiden Jahre freuen: ein Plus von 11 Prozentpunkten. Bei den jüngsten Befragten dagegen hat sich der Aufwärtstrend aus den Vorjahren nicht fortgesetzt. Hier ist die Zahl der Kenner sogar leicht gesunken und rangiert nun bei 80 Prozent. Ganz sicher bekannt ist der Begriff nur jedem Dritten dieser Altersgruppe. Und jeder fünfte junge Erwachsene gibt an, damit noch nie in Berührung gekommen zu sein.

Ost und West: Bekanntheitsgrad fast gleich

In Thüringen berät das landesweite Nachhaltigkeitszentrum Kommunen seit drei Jahren in puncto ressourcenschonendes Wachstum, in Hessen beging man kürzlich mit vielen regionalen Aktionen den dritten „Tag der Nachhaltigkeit“, und das bayerische Augsburg wurde 2013 zur nachhaltigsten Großstadt Deutschlands gekürt. Dies sind nur drei Beispiele für all die Aktionen und Projekte, die in der gesamten Republik rund um das Thema ins Leben gerufen wurden. Die flächendeckenden Informationen haben offenbar Wirkung gezeigt: Wie schon in den Vorjahren gibt es kein Wissensgefälle zwischen den einzelnen Regionen. So sind in Ostdeutschland 88, in Westdeutschland 86 Prozent der Menschen mehr oder weniger vertraut mit dem Terminus Nachhaltigkeit – im vergangenen Jahr lag der Westen noch minimal vorn.

Mann und Frau: Er gibt sich sicherer

Der Geschlechtervergleich bringt dagegen Unterschiede ans Licht: Zwar stieg die Bekanntheit seit 2012 sowohl bei Männern als auch Frauen stetig an, sodass heute nur noch je 14 Prozent angeben, mit Nach- haltigkeit gar nichts anfangen zu können. Doch differenziert man die Kennergruppe etwas genauer, ergibt sich ein anderes Bild: So sind sich 42 Prozent der Männer, aber nur 35 Prozent der Frauen ganz sicher, dem Terminus schon begegnet zu sein. Nur vage bekannt kommt er dagegen mehr als jeder zweiten Frau, aber nur 44 Prozent der Männer vor.

Assoziationen der Kenner: Umweltaspekte liegen weiter vorn

Fragt man die Kenner des Begriffs, welche Inhalte sie spontan mit Nachhaltigkeit verbinden, zeigt sich, dass auch in diesem Jahr Umweltaspekte dominieren und am stärksten damit assoziiert werden: Explizit nennt jeder Vierte umweltbewusstes Handeln und Wirtschaften. Damit liegt diese Assoziation wie schon im Vorjahr ganz vorne im Ranking – und hat den früheren Spitzenreiter „Dauerhaftigkeit / lange Lebensdauer“ (19 Prozent) offenbar endgültig abgelöst. Auf den folgenden Plätzen finden sich weitere Umweltthemen: So heben knapp 19 Prozent die Verwendung nachwachsender Rohstoffe hervor, weitere 15 Prozent nennen das Sparen von Ressourcen. Wiederverwertbarkeit und Recycling von Rohstoffen assoziiert jeder Zehnte mit dem Begriff – hier ist der Wert seit der letzten Befragung um vier Prozentpunkte gestiegen. Eine andere Umwelt-Assoziation dagegen scheint aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden: Energie sparen bzw. regenerative Energien einzusetzen verbinden nur noch 4 Prozent der Kenner spontan mit Nachhaltigkeit. 2012 und 13 lag der Wert bei 7 Prozent.

Soziale Aspekte: Erneut am Ende des Rankings

Für fast jeden zehnten Kenner heißt Nachhaltigkeit ganz generell und bezogen auf vielerlei Lebens- bereiche, in die Zukunft zu investieren und an die Folgen des eigenen Handelns zu denken. Den Blick konkret auf die folgenden Generationen zu richten, verbinden dagegen gerade einmal 5 Prozent der Befragten damit (Vorjahr: 6 Prozent). Und die Zahl derer, die den Begriff zwar kennen, sich aber nichts Genaueres darunter vorstellen können, ist stabil geblieben: Wie schon 2013 wissen 11 Prozent nicht, was sie konkret mit Nachhaltigkeit verbinden könnten. Ansonsten sind sich die Kenner des Begriffs in ihren Interpretationen insgesamt recht einig, wie der Blick auf die soziodemografischen Daten zeigt. Umweltaspekte dominieren bei allen Kennern das Ranking, unabhängig von Alter, Geschlecht und Her- kunft. Mit einer Ausnahme: Die Kenner im Rentenalter setzen Dauerhaftigkeit auf Rang eins – ein Thema, das bei den anderen Generationen eine deutlich geringere Rolle spielt. Auch bei anderen Aspekten zeigen sich kleinere Unterschiede: Ressourcen zu sparen und Rohstoffe wiederzuverwerten verbinden ost- deutsche Kenner spontan häufiger mit Nachhaltigkeit als Westdeutsche. Für diese fällt dafür der Blick auf die Folgen des eigenen Handelns stärker ins Gewicht.

Echte Kenner: Auf der Suche nach nachhaltigen Produkten

Doch hat es auch spürbare Auswirkungen auf unser Verhalten, wenn der Begriff Nachhaltigkeit zu- nehmend Einzug in unseren Wortschatz und unser Denken hält? Die Antworten der „echten Kenner“, also jener Menschen, die mit dem bekannten Begriff auch Inhalte verbinden können, ergeben ein geteiltes Bild. Etwa einem Drittel von ihnen ist es sehr wichtig, dass Produkte und Dienstleistungen nachhaltig er- stellt bzw. angeboten werden. 61 Prozent dagegen sind nicht ganz so entschieden. Sie finden es eher (41 Prozent) oder teilweise (20 Prozent) wichtig, dass angebotene Güter und Dienstleistungen das Etikett „nachhaltig“ verdienen. Immerhin finden lediglich 4 Prozent der Begriffskenner das Thema eher oder komplett unwichtig. Weibliche und ältere „echte Kenner“ geben sich dabei nachhaltigkeitsorientierter als der Durchschnitt. So meinen 38 Prozent der Frauen aber nur 33 Prozent der Männer, dass eine nach- haltige Produktion von Gütern sehr wichtig ist. Und auch mit zunehmendem Alter steigt die Zahl derer, die auf die Frage nach nachhaltigen Produktionsmethoden mit „sehr wichtig“ antworten – von 32 Prozent bei den 35- bis 49-Jährigen auf 40 Prozent bei den Kennern im Rentenalter.

Schon heute an morgen denken

Vor fast zehn Jahren startete die UNESCO die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Das Ziel: Das Prinzip Nachhaltigkeit global in der Bildung und damit den Köpfen der Menschen zu verankern. In diesem Jahr geht die Dekade zu Ende – die Verantwortlichen für Deutschland zogen kürzlich auf einer Konferenz in Bonn eine insgesamt positive Bilanz. In Deutschland haben Bemühungen wie diese ihre Spuren hinterlassen. Nachhaltigkeit ist vielen Menschen ein Begriff – den sie mehr und mehr mit Inhalten verbinden. Damit wird der Grundstein für bewussteres Handeln gelegt, was unter anderem heißt: Produkte und Dienstleistungen dürfen nicht zu Lasten der Zukunft angeboten werden. Ganz im Sinne des Schriftstellers Mark Twain, der sagte: „Natürlich interessiert mich die Zukunft. Ich will schließlich den Rest meines Lebens darin verbringen.“


Datenquelle: GfK Verein

Rückfragen zu diesem Artikel bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org), Claudia Castaldi (claudia.castaldi@gfk-verein.org) oder Claudia Stürmer (claudia.stuermer@gfk-verein.org).

Oktober 2014