Savoir-vivre in Europa – Lebenseinstellungen im Vergleich

September 2016

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Und für die meisten von uns sind die „schönsten Wochen des Jahres“ auch dringend nötig, um leere Batterien wieder aufzutanken. Doch frei verfügbare – und damit selbstbestimmte – Lebenszeit ist auch außerhalb der Feriensaison ein wichtiges Thema für die Menschen. So strebt manch einer nach Job-Auszeiten in Form eines Sabbatjahrs oder einer Teilzeitstelle. Und so mancher reifere Arbeitnehmer entscheiden sich für das Modell Altersteilzeit – auch wenn damit Einkommenseinbußen verbunden sind. Für mehr Freizeit also auf Geld verzichten? In dieser Frage sind sich viele Europäer offenbar einig: Ein Großteil schätzt den Wert der Freizeit höher ein als zusätzliche Einkünfte.

Dies ist eines der Ergebnisse aus der  ‚Consumer Study‘ des GfK Vereins, für die im Winter 2015/2016 die Bevölkerung im Alter ab 14 Jahren in mehreren Ländern unter anderem zu grundsätzlichen Lebenseinstellungen interviewt hat. Dafür wurden die Befragten gebeten, sich jeweils zwischen zwei Aussagen zu entscheiden – so zum Beispiel zwischen den Statements  „Freizeit ist mir wichtiger als mehr Einkommen“ oder  „Für mehr Geld würde ich meine Freizeit opfern“. Auf einer Skala von 1 bis 4 konnten sie ankreuzen, ob sie stark oder immerhin tendenziell der einen oder anderen Position zustimmen.

Zeit ist Geld. Oder doch nicht?

Albert Einstein hätte vermutlich eher der Aussage „Freizeit ist mir wichtiger als mehr Einkommen“ zugestimmt, schließlich soll er einmal geäußert haben: „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.“ Die Mehrheit der befragten Bürger in den ausgewählten EU-Ländern ist offenbar dieser Meinung. In sechs der sieben Nationen gibt mehr als die Hälfte der Befragten der Freizeit Vorrang vor einem dickeren Bankkonto. An der Spitze liegen dabei mit 72 Prozent die Niederländer und das, obwohl man dort im Durchschnitt mit 30 Stunden pro Woche bereits am wenigsten Zeit am Arbeitsplatz verbringt. Wer eine angenehme Work-Life-Balance kennen gelernt hat, kann sich wohl nur schwer vorstellen, diese wieder aufzugeben.

Auf Platz zwei bis fünf folgen dicht aufeinander Franzosen und Briten mit jeweils 63 Prozent sowie Deutsche und Spanier mit je 62 Prozent. Die Italiener erreichen dagegen vergleichsweise geringe 54 Prozent Zustimmung. Und bei den polnischen Befragten stimmen sogar nur 48 Prozent für die Freizeit; eine knappe Mehrheit von 52 Prozent schließt sich hier der gegenteiligen Aussage „Für mehr Geld würde ich meine Freizeit opfern“ an. Dabei ist Freizeit in Polen ohnehin ein vergleichsweise knappes Gut: Polnische Arbeitnehmer arbeiten im Durchschnitt 41 Stunden pro Woche und liegen damit im Vergleich der untersuchten Länder an der Spitze. Dies dürfte  der schwächeren wirtschaftlichen Situation im Land geschuldet sein. So weist Polen zugleich das mit Abstand niedrigste BIP pro Kopf auf. „kombinować“ – man schlägt sich durch – lautet eine gängige Formulierung, die nach Ansicht der Online-Zeitung Polen.pl die Lebenssituation der Menschen im Land gut beschreibt. Und wer sich gerade eben so durchschlägt, kann sich Klagen über mangelnde Muße schlicht nicht leisten.

„Wer nicht an die Zukunft denkt, wird bald Sorgen haben.“ Diesen Spruch schreibt eine Internetseite Konfuzius zu (Seite 8). Ein Unbekannter kommentiert: „Und wer nur an die Zukunft denkt, hat immer Sorgen.“ Diese Zitate zeigen, wie unterschiedlich Menschen die Frage beantworten, ob man eher „im Hier und Jetzt leben“ oder besser „an morgen denken“ sollte. Auch die befragten EU-Bürger zeigen sich bei diesem Thema gespalten. Die Ergebnisse der Niederlande sprechen erneut dafür, dass dort besonders viele Lebenskünstler zuhause sind. 67 Prozent  stimmen für das „Hier und Jetzt“ und setzen ihr Land damit an die Spitze im Ranking. Auch die Befragten aus dem Vereinigten Königreich entscheiden sich zu 66 Prozent für ein gegenwartszentriertes Leben und folgen damit ganz knapp auf Platz zwei. Die polnischen Bürger landen mit 47 Prozent Zustimmung dagegen erneut am Ende der Skala. Viele von ihnen machen sich vermutlich angesichts eines niedrigen Einkommensniveaus und der damit verbundenen schlechten Aussichten mehr  Gedanken über Möglichkeiten der Zukunftsvorsorge als über das Leben im Augenblick.  In Deutschland liegt das Verhältnis zwischen Gegenwarts- und eher Zukunftsorientierten bei 57 zu 43 Prozent. Noch etwas stärker fällt die gegenwartsbezogene Haltung allerdings bei Franzosen und Spaniern (je 61 Prozent) ins Gewicht.

Mehr Bescheidenheit für Europa

Ob das einzelne Einkommen nun hoch oder niedrig ist, ob die Arbeitnehmer gezwungenermaßen oder freiwillig auf Einkommen verzichten – den Europäern steht für ihr Geld eine nie gekannte Warenfülle zur Wahl. Bis zu 160.000 Produkte passen in die Regale eines warenhausähnlichen Einkaufsmarktes. Bei gut sortierten Supermärkten sind es bis zu 27.000 Produkte. Und selbst ein Discounter wie Aldi bietet noch knapp 1000 unterschiedliche Produkte in jeder Filiale an. (Quelle: Fokus Money Online vom 25.09.2014). Schier unendliche Auswahl gibt es nicht nur bei Gütern des täglichen Bedarfs, sondern auch bei Bekleidung, Unterhaltungselektronik, Urlaubsreisen und vielem mehr. So mancher EU-Bürger scheint angesichts dieser Fülle ins Nachdenken zu geraten und einen allzu konsumorientierten Lebensstil in Frage zu stellen. Vielleicht spielen persönliche Überzeugungen hier eine Rolle, vielleicht auch die Informationen über schwindende Ressourcen und Ausbeutung von Drittländern, die den Wohlstand der westlichen Welt erst möglich machen.

Sicher ist: Sowohl in wirtschaftlich stabileren als auch in krisengeschüttelten Staaten sprechen sich  die Menschen für mehr Zurückhaltung statt noch mehr Konsumgenuss aus. Das bedeutet, dass in fast allen Ländern mehr Menschen dem Statement „etwas mehr Bescheidenheit täte uns allen gut“ zustimmen als der gegenteiligen Aussage „man soll sich ruhig etwas leisten“. Allen voran plädieren die italienischen Befragten für mehr Genügsamkeit (74 Prozent). Aber auch 62 Prozent der Franzosen und 61 Prozent der Spanier vertreten diese Position. Die Briten mit 58 und die Polen mit 56 Prozent Zustimmung liegen etwas dahinter. Schlusslichter sind Deutschland und die Niederlande: Hier spricht sich etwa die Hälfte der Bevölkerung (52 bzw. 49 Prozent) für mehr Bescheidenheit aus.

Einkaufen macht den meisten Spaß

Einkaufserlebnisse gestalten sich – abhängig von den Umständen – sehr unterschiedlich. Die Bandbreite reicht vom gehetzten Dauerlauf durch die Regalreihen zwischen Arbeitsende und Ladenschluss bis zum gemütlichen Wochenend-Shopping-Bummel. Wer denkt, dass nur Europäer mit ausgeprägter Esskultur wie etwa Italiener oder Franzosen entspannt über bunte Märkte schlendern und den Eventcharakter beim Einkaufen genießen, während alle Übrigen gestresst durch die Geschäfte eilen, der irrt. Fast in allen hier untersuchten Ländern wertet mehr als die Hälfte der Befragten das Einkaufen als Spaß.

An der Spitze stehen diesbezüglich dennoch die für ihre Esskultur bekannten Italiener (63 Prozent). Für sie hat das Einkaufen auch eine wichtige soziale Bedeutung. In vielen Gegenden prägen auch noch immer kleinere, im Ortskern angesiedelte Geschäfte und Wochenmärkte das Bild. Hier hat man Zeit, sich persönlich beraten zu lassen, zu verhandeln, über das Wetter und „la famiglia“ zu plaudern und Neuigkeiten auszutauschen – es ist leicht vorstellbar, dass das mehr Spaß macht als einfach nur zügig seine Einkaufsliste abzuarbeiten. (Siehe dazu www.mailand.com oder ‚transfer 2007‘).  Den Italienern dicht auf den Fersen sind die Niederländer mit 62 Prozent Zustimmung. Diesen folgen die Polen mit 57 und die Deutschen mit 56 Prozent. Und auch Franzosen (54 Prozent) und Briten (53 Prozent) können ihren Einkaufstouren mehrheitlich etwas Positives abgewinnen. Einzige Ausnahme: die Spanier, die Einkaufen zu 53 Prozent als lästig einstufen. Hier spielen vermutlich verschiedene Faktoren zusammen: Die extrem hohe Arbeitslosigkeit, eine vergleichsweise niedrige Kaufkraft und auch die Mentalität bzw. Lebensart.

Mehr Bescheidenheit oder Spaß beim Einkaufen, im Hier und Jetzt leben und die Freizeit genießen, oder aber  mehr an die Zukunft denken – die Europäer vertreten teilweise recht unterschiedliche Lebenseinstellungen.  Doch wie lebt es sich nun am besten?  Das persönliche Rezept dafür muss fern aller Statistiken wohl jeder selbst für sich finden und dann auch gegenüber anderen vertreten. Ganz wie es Dante Alighieri, Dichter und Philosoph aus dem Land des „La dolce vita“ einst gesagt hat: „Geh deinen Weg und lass die Leute reden.“  

 


Datenquelle: GfK Verein, Consumer Study 2016

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org)


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