Sharing im Trend?

November 2015

Was benötigen Sie, um einen Baum in ihren Garten zu setzen? Spaten, Hacke und Schaufel? Nein – was Sie tatsächlich brauchen, ist ein Loch im Boden. Ob das mit der selbst gekauften oder einer geliehenen Schaufel gegraben wird, spielt für den Erfolg der Aktion keine Rolle. Wer Gegenstände nur leiht anstatt sie zu kaufen, nutzt die Prinzipien der „Sharing Economy“: Privatleute und Interessengruppen überlassen anderen vorübergehend ihr Eigentum. Sie stellen Räume, Flächen oder Dienstleistungen bereit oder bewirtschaften gemeinsam mit anderen Menschen Gärten und Äcker. Vor allem soziale Medien machen das Teilen und Tauschen leicht wie nie. Insbesondere jüngere Online-Nutzer interessieren sich für solche Sharing-Plattformen.

Egal, ob man auf der Suche nach einem vergriffenen Klassiker der Weltliteratur ist, ein paar gut erhaltene Kinder-Klamotten oder ein Auto für die Fahrt ins Grüne braucht – so mancher nutzt Dinge nur vorübergehend, ohne sie zu erwerben. Oder bietet seinen Besitz im Internet zur „Miete“ an. Manchmal aus idealistischen Gründen, manchmal aus Sparsamkeit, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten oder um mit dem „Verleih-Service“ Geld zu verdienen. Der moderne Überbegriff dieser Online-Tausch und Mietdienste, „Sharing Economy“, ist zwar relativ unbekannt (Chart im Download). Nur 15 Prozent der Gesamtbevölkerung wissen ohne weitere Erklärung, was sich hinter diesem Terminus verbirgt. Mit immerhin 28 Prozent kennt sich die Onlinebevölkerung in Deutschland schon besser aus. Auch konkrete „Sharing“-Angebote sind hierzulande bei 28 Prozent der privaten Internetnutzer bekannt. 9 Prozent sind sogar selbst aktive Nutzer. Dies zeigt eine aktuelle Studie des GfK Vereins, für die im September 2015 mehr als 2.000 private Onliner befragt wurden.

Neben diesen aktiven Nutzern interessieren sich weitere 14 Prozent der Onlinebevölkerung für Angebote wie „Kleiderkreisel“, „Airbnb“ und Co.; 5 Prozent kennen solche Dienste zwar, können sich eine Nutzung jedoch nicht vorstellen. Jeder Zweite hat außerdem schon einmal davon gehört, ohne aber genaueres darüber zu wissen. Und etwa jedem fünften Internetnutzer sind Sharing-Angebote vollkommen unbekannt.

Junge Onliner: am aktivsten und am stärksten interessiert

Die Idee des kollektiven Konsums ist nicht neu, sondern wurde schon in den Kommunen der 70er Jahre zelebriert. Zwar haben die heutigen Sharing-Geschäftsmodelle mit dem Öko-Aktivismus der Hippie-Zeit, in der sich die Kommunarden einst einen klapprigen VW Käfer teilten oder Gemüse auf dem Gemeinschaftsbalkon anbauten, nicht mehr viel gemeinsam, doch wie damals sind es auch heute wieder vor allem junge Menschen wie die „digital natives“, also die jungen Onliner, die die vielfältigen Varianten der Sharing Economy kennen und gestalten. Vielleicht, weil sie über soziale Medien wie Facebook und Co. leichter auf entsprechende Aktionen aufmerksam werden und sich mit einem Klick beteiligen können. Oder weil sie Bilder, Musik oder kreative Ideen schon seit Jahren online austauschen und das Teilen nun auf andere Lebensbereiche ausweiten.

Zusammenfassend gilt: Je jünger die Befragten, desto verbreiteter die Nutzung von Sharing Economy-Angeboten. 17 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 30 Jahre haben schon Erfahrung mit Sharing-Plattformen gemacht, aber nur 2 Prozent der über 60-Jährigen. Auch die Zahl der potenziellen Nutzer fällt bei den Jungen am größten aus: Etwa jeder Fünfte kann sich mit Blick auf die Zukunft vorstellen, auf Sharing-Modelle zurückzugreifen. Bei den über 40-Jährigen sinkt dieser Wert auf 13 Prozent; bei den über 60-Jährigen kommen Sharing-Dienste nur noch für jeden Zehnten in Frage.

Nutzerstruktur: Frauen haben mehr Praxiserfahrung

Auch der Blick auf das Geschlecht zeigt ganz deutliche Unterschiede. Zwar geben männliche Internetnutzer nach einer kurzen Erklärung des Begriffs häufiger an, diesen zu kennen als weibliche Onliner. Doch sie haben sehr viel weniger praktische Erfahrung damit: So sind 10 Prozent der Frauen auf Sharing-Plattformen unterwegs, aber nur 7 Prozent der Männer. Und die Zahl derer, die die Nutzung kategorisch ausschließen, fällt bei den Frauen mit 4 Prozent ebenfalls kleiner aus (Männer: 6 Prozent). In einem Punkt jedoch liegen die Männer vorn: Sie ziehen mit 16 Prozent eine erste Testnutzung in nächster Zeit häufiger in Betracht  als Frauen (12 Prozent).

Über Sharing Economy wird in den Medien durchaus auch kritisch diskutiert. Schließlich muss man Zugang zur virtuellen Welt haben und außerdem erst einmal etwas besitzen, das man auch teilen kann – damit stehen die Dienste nicht jedem Menschen offen. Vor allem aber wird kritisiert, dass die Angebote immer stärker kommerzialisiert und in diesem neuen Wirtschaftszweig Arbeitsmarktregelungen unterlaufen würden, wie unter anderem Tilman Baumgärtel im Juni 2014 in der „Zeit online“ schrieb. Die Befragten, die selbst schon Erfahrungen mit Sharing Economy gemacht haben, glauben aller Kritik zum Trotz am häufigsten an die Zukunft dieser Konsumform. Auch unter den Kennern, die nicht unbedingt schon etwas getauscht oder verliehen haben, hält eine Mehrheit das Prinzip für eine Entwicklung, die sich auch künftig immer stärker durchsetzen wird. Fast 70 Prozent derer, die nach der Erklärung mit Sharing Economy etwas anfangen können, glauben daran. 18 Prozent halten die Angebote aber eher für eine Nische, die zwar länger bestehen, jedoch immer nur für einen kleinen Konsumentenkreis relevant sein wird. Allerdings meint nicht einmal jeder zehnte Kenner, dass die entsprechenden Angebote bald wieder verschwinden werden – wie so viele Modeerscheinungen zuvor.

Weiblich, online, jung: überzeugt von den Zukunftschancen des Teilens

Vor allem jüngere und weibliche Onliner sind besonders überzeugt von der Zukunft der Sharing-Ideen: Drei Viertel der unter 30-Jährigen Kenner messen Sharing-Projekten eine immer größere Bedeutung bei. Von den Frauen, die den Begriff der Beschreibung nach kennen, sprechen sich 71 Prozent dafür aus (Männer: 66 Prozent). In der ältesten befragten Generation äußert man sich deutlich verhaltener: Hier glauben 57 Prozent der Kenner an eine Zukunft des Sharing-Gedankens, 29 Prozent halten ihn nur für ein Nischenthema und 6 Prozent für eine Modeerscheinung. Auch bei den mittleren Jahrgängen sind leichte Unterschiede sichtbar: Bei den 30 bis 39 Jahre alten Kennern liegt die Zahl der „Zukunftsgläubigen“ bei 64 Prozent. In dieser Altersgruppe finden sich zudem die meisten Menschen, die all die Teil- und Tausch-Projekte nur für einen vorübergehenden Trend halten (13 Prozent). Zwischen 40 und 59 Jahren sind die Kenner dagegen etwas weniger skeptisch. 67 Prozent glauben an eine Entwicklung mit Zukunft. Und nur 8 Prozent halten Sharing Economy für einen kurzlebigen Trend.

Eines der Hauptargumente fürs Teilen und Tauschen ist der ökologische Nutzen: Wer Bohrmaschine, Rasenmäher oder das Auto mit anderen Menschen teilt, erspart diesen eigene Anschaffungen. Die Fans der Sharing Economy sind sicher: So werden Ressourcen geschont. Insgesamt sind die deutschen Internetnutzer recht angetan von diesem Öko-Gedanken. 81 Prozent der Kenner von Sharing-Geschäftsmodellen glauben, dass durch Tauschbörsen oder Verleih-Plattformen Produkte besser genutzt werden und insgesamt weniger hergestellt werden muss. Wer selbst Sharing-Angebote für sich in Anspruch nimmt, ist davon noch häufiger überzeugt (91 Prozent). Manch einer jedoch bleibt skeptisch: 7 Prozent der Kenner meinen, dass die Umwelt nicht profitiert. Schließlich würden von dem gesparten Geld vermutlich andere Dinge zusätzlich gekauft. Wer also beim Heimwerken spart, dann aber mit dem Billigflieger nach Ibiza reist, tut der Umwelt vermutlich keinen Gefallen.

Tauschen und Teilen für die Umwelt?

Auch in der Umweltfrage sind es erneut die jüngsten Jahrgänge, die sich besonders optimistisch zeigen. 85 Prozent der Kenner zwischen 14 und 29 Jahren glauben an den positiven ökologischen Effekt des Teilens. Mit zunehmendem Alter sinkt dieser Wert leicht und liegt bei den über 60 Jährigen bei 78 Prozent. Die älteren Kenner befürchten am häufigsten (8 Prozent), dass Sharing-Ersparnisse eher weitere Konsumanreize schaffen. Männer und Frauen, die Sharing-Geschäftsmodelle kennen, sind in der Frage nach dem ökologischen Fußabdruck der Sharing-Community recht einig: 80 Prozent der Männer und 82 Prozent der Frauen glauben an positive Effekte; nur 8 bzw. 6 Prozent geben sich skeptisch.

Der Flensburger Student Jakob Strehlow hatte seine ganz eigene Motivation, die ihn vor einigen Jahren dazu brachte, eine Internetseite für sein persönliches Sharing-Projekt „Tausch-Wunder“ ins Leben zu rufen: Er bot damals im Internet einen grünen Luftballon zum Tausch an. Nach mehreren Tauschaktionen hatte er sich nach nur einem Jahr einen Kleinwagen ertauscht. Sein Antrieb war weder ökologischer noch finanzieller Natur, sondern der „gute Zweck“ – in diesem Fall ein Bus für die Jugendarbeit in seinem Heimatort. Ganz hat er dieses Ziel noch nicht erreicht, die Aktion pausierte in der Zeit, in der der junge Mann Abitur und ein freiwilliges soziales Jahr machte. Doch vielleicht gelingt es ihm ja nun, sein letztes Tauschgeschäft erfolgreich abzuschließen – angesichts der Bekanntheit, die die neue Form des Teilens, Tauschens und Verleihens hierzulande erreicht hat.


Datenquelle: GfK Verein, Studie "Sharing Economy" (September 2015)

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Castaldi (claudia.castaldi@gfk-verein.org).


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