Sorgen im Licht der Wirklichkeit

August 2011

Die Wirtschafts- und Währungskrise hat Spuren in den Köpfen der Menschen in Europa hinterlassen. Angesichts der Nachrichten von strauchelnden Volkswirtschaften, immer neuen Rettungspaketen und Sparmaßnahmen machen sich die Menschen Sorgen um die Zukunft. Vor allem die Themen Arbeitslosigkeit und zunehmend auch die Inflation geben den Europäern zu denken. Besonders kritisch sind dabei die Deutschen: Trotz einer vergleichsweise guten wirtschaftlichen Entwicklung sehen sie mit bangem Blick auf Arbeitslosenstatistiken und die Kaufkraftentwicklung.

Insgesamt 39 Prozent der Europäer betrachten die Lage auf dem Arbeitsmarkt mit unguten Gefühlen. Damit hat das Thema im Vergleich zum Vorjahr (43 Prozent) zwar ein wenig an Präsenz verloren, doch steht es immer noch auf Platz eins der europäischen Sorgenliste. Das zeigen Ergebnisse der Studie „Challenges of Europe“, für die im Auftrag des GfK Vereins im Februar 2011 erneut mehr als 13.000 Verbraucher aus elf Ländern nach den dringendsten Aufgaben gefragt wurden.

Spanien: Angst um die Arbeitsplätze

Besonders die Spanier blicken mit Sorge auf die Arbeitslosenzahlen. Gut drei Viertel der Bürger verlangen von der Regierung, sich stärker um die Sicherheit der Arbeitsplätze zu kümmern. In Frankreich und Deutschland macht sich mehr als die Hälfte der Menschen Gedanken um dieses Thema, in Italien sind es 50 Prozent. In Polen hoffen 44 Prozent der Bürger auf eine Verbesserung der Jobsituation, in Schweden tut dies etwa ein Drittel. Deutlich weniger wichtig finden die Menschen in Österreich, Großbritannien und Russland das Thema: Hier liegen die Werte jeweils bei rund 20 Prozent. Nur die Belgier mit 12 Prozent und die Niederländer mit 6 Prozent machen sich noch weniger Gedanken um den Arbeitsmarkt.

Russland: Sorge um die Teuerungsraten

Immer mehr Geld für immer weniger Ware hinlegen zu müssen – davor fürchten sich die Europäer in diesem Jahr zunehmend. Das Thema Preis- und Kaufkraftentwicklung hat an Brisanz deutlich zugelegt. Während 2010 nicht einmal 20 Prozent der Befragten Angst vor steigender Inflation hatten, waren es 2011 schon 26 Prozent. Am stärksten beunruhigt die Inflation die Menschen in Russland, hier rangiert die Sorge mit 42 Prozent sogar auf Platz eins. In Deutschland und Polen sorgt sich etwa jeder Dritte um die Preisentwicklung, in Frankreich ist es jeder Vierte. Mit jeweils rund 15 Prozent messen Italiener, Belgier, Österreicher und Briten dem Thema etwas weniger Bedeutung bei. In Spanien und den Niederlanden stehen offenbar andere Herausforderungen im Vordergrund – hier machen sich jeweils 5 Prozent der Menschen Gedanken. Noch weniger sind es in Schweden: Hier befürchtet nur ein Prozent der Bürger Gefahren durch steigende Inflationsraten.

Deutschland: Sorgennation Nummer eins

Doch wie realistisch schätzen die Europäer die Gefahren für den Arbeitsmarkt oder die Kaufkraft tatsächlich ein? Sind ihre Sorgen angemessen und entspricht ihr Gefühl der Wirklichkeit im jeweiligen Land? Blickt man auf die Zahlen zum Arbeitsmarkt und die Inflationsraten, so zeigt sich: So manche Nation schätzt die Lage schlechter ein, als sie sich aktuell darstellt. Besonders sensibel sind hier die Deutschen: Obwohl das Land als „Konjunkturlokomotive“ in Europa gilt und sich über ein stabiles Wirtschaftswachstum und sinkende Arbeitslosenzahlen freuen kann, betrachtet noch immer mehr als die Hälfte der Menschen das Thema Arbeitslosigkeit als besonders dringend. Allerdings ist der Wert im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozentpunkte gesunken – ein wenig Entspannung ist also auch bei den so kritischen Bundesbürgern zu spüren.

Grund zur Sorge haben vor allem die Spanier: Mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent im Februar zählt das Land zu den Sorgenkindern Europas. Kein Wunder also, dass mehr als drei Viertel der Menschen das Thema Arbeitsplätze als wichtigste Aufgabe der Politik sehen. Sichtbar wurde die Angst zuletzt auf den Straßen von Madrid, wo im April tausende Jugendliche gegen soziale, politische und wirtschaftliche Missstände protestierten.

Angemessen (stark) besorgt reagieren Frankreich und Polen: In beiden Ländern waren zuletzt mehr als 9 Prozent ohne Job – entsprechend setzten beide Nationen das Thema auf Platz eins im Ranking. Allerdings zeigen die Polen mit 44 Prozent Nennungen etwas mehr Gelassenheit als die Franzosen, von denen sich fast 60 Prozent um den Arbeitsmarkt sorgen.

Auch Italien legt die Stirn beim Thema Arbeitsmarkt sichtbar in Sorgenfalten: Obwohl die Arbeitslosenquote unter dem gesamteuropäischen Durchschnitt von 9 Prozent liegt, sieht die Hälfte der Menschen dringenden Handlungsbedarf. Die Nachwehen der Wirtschaftskrise waren zum Zeitpunkt der Befragung offenbar noch deutlich zu spüren: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich noch nicht wieder entspannt und dürfte sich durch die aktuelle Schuldenkrise eher weiter verschärfen.

Österreich, Schweden, Belgien und Russland konnten sich zuletzt über sinkende Arbeitslosenzahlen freuen – entsprechend ging in diesen Ländern auch die Jobangst zurück. Lediglich in Großbritannien machen sich aktuell mehr Menschen als im Vorjahr Gedanken um das Thema – allerdings bewegt sich das Land mit 21 Prozent der Nennungen immer noch in angemessenem Rahmen. Am entspanntesten gehen die Niederländer mit dem Thema Arbeitsmarkt um – kein Wunder, schließlich können sie sich über eine vergleichsweise positive Entwicklung freuen.

Preisangst: Deutschland beunruhigt

Auch beim Thema Inflation zeigt sich, dass die Deutschen besonders empfindlich sind. Jeder Dritte Bundesbürger fürchtet sich vor steigenden Preisen, lediglich in Russland ist das Thema mit 42 Prozent noch brisanter. Allerdings muss das Land in diesem Jahr voraussichtlich mit einer Inflationsrate von mehr als zehn Prozent fertig werden. Vor allem für Grundnahrungsmittel müssen die Menschen deutlich tiefer in die Taschen greifen als noch vor einigen Jahren. Diese Probleme hat Deutschland nicht. Die Inflationsrate lag mit gut zwei Prozent zuletzt deutlich unter dem gesamteuropäischen Durchschnitt. Auch Frankreich und Polen zeigen sich übertrieben stark besorgt, was die Preissteigerungen betrifft. Während die Sorge um die Kaufkraft die Franzosen traditionell stark umtreibt, mussten die Polen Anfang des Jahres tatsächliche Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln hinnehmen.

Großbritannien, Belgien, Österreich und Italien liegen mit etwa 15 Prozent im Mittelfeld, was die Sorgen um die Inflationsrate betrifft – allerdings jeweils mit steigender Tendenz. Vor allem die Entwicklung der Energiepreise beunruhigt die Menschen hier zunehmend. In Spanien machen sich aktuell zwar unter zehn Prozent der Befragten Gedanken um die Kaufkraft, doch auch hier liegt der Wert höher als noch im Vorjahr. Angesichts steigender Preise bei gleichbleibenden oder sinkenden Einkommen verwundert dies jedoch kaum. Am sorglosesten gehen die Schweden mit der Preis- und Kaufkraftentwicklung um. Nur ein Prozent der Menschen hält ein Handeln der Politik hier für notwendig. In den Niederlanden dagegen, wo die Inflationsrate sogar unter schwedischem Niveau liegt, machen sich immerhin fünf Prozent der Menschen Gedanken um dieses Thema.

Die Verbraucher in Europa schätzen die aktuelle Lage also insgesamt recht realistisch ein. In vielen Ländern ist den Befragten bewusst, dass sie es derzeit vergleichsweise gut getroffen haben, was Inflation und Arbeitslosenzahlen betrifft. Deutschland bildet hier eine der Ausnahmen: Mit besonderer Sensibilität sorgt man sich hierzulande um die Kaufkraft und den Arbeitsplatz, was teilweise sicher mit der durch die Geschichte geprägten Mentalität zu erklären ist.


Datenquelle: GfK Verein (Challenges of Europe 2011, Februar 2011, Challenges of Europe 2010)
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Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung:claudia.gaspar@gfk-verein.org.

Hier geht es zur Pressemitteilung Challenges of Europe 2011 [Link]