Sorgenbarometer Europas

September 2013

Euro-Rettung, Schuldenabbau, Sanierung der Staatsfinanzen: Haben all die Programme zur Stabilisierung der Euro-Zone Wirkung gezeigt? Oder wirft die Wirtschafts- und Währungskrise weiterhin ihre Schatten? In den Köpfen vieler Menschen wirkt das Crash-Jahr 2008 samt seiner Folgen bis heute nach. So sorgen sich Europäer um die wirtschaftliche Stabilität und fürchten steigende Preise. Das wichtigste Handlungsfeld für die Politik ist in ihren Augen jedoch nach wie vor der Arbeitsmarkt. Das gilt auch für die Bundesbürger – obwohl Deutschland diesbezüglich derzeit gut aufgestellt ist.

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Die Sorge um den Arbeitsmarkt bleibt – wie seit Beginn der Krise – dominierend in den Köpfen der Europäer. Zwar hat das Thema seit 2010 ein wenig an Brisanz verloren, doch in neun von elf untersuchten Ländern landet es weiterhin auf Platz 1 im Ranking. Insgesamt sorgt sich aktuell mehr als jeder dritte Europäer um den Arbeitsplatz. Das zeigen Ergebnisse der Studie „Challenges of Europe 2013“, für die im Auftrag des GfK Vereins im Februar dieses Jahres zum vierten Mal in Folge mehr als 13.000 Verbraucher aus elf Ländern nach den Aufgaben gefragt wurden, die die Politik ihrer Ansicht nach am dringendsten anpacken sollte.

Arbeitsmarkt in Europa: höchste Priorität

Nur die Menschen in Russland und den Niederlanden sehen andere Probleme noch dringlicher als die Lage auf dem Arbeitsmarkt. In beiden Ländern landet das Thema Arbeitslosigkeit zwar auch unter den Top 5, jedoch nicht auf der Spitzenposition. In Russland werden Preissteigerungen als Hauptproblem gesehen, gefolgt von bezahlbarem Wohnraum und einer ausreichenden Altersversorgung. In den Niederlanden sorgt man sich am meisten um die wirtschaftliche Stabilität.

Kaufkraft und eine stabile Wirtschaft haben auch die Menschen in den anderen untersuchten Ländern auf ihrer To-Do-Liste. Bildet man den Durchschnitt über alle 11 Länder, so liegt die Furcht vor einem Kaufkraftverlust mit 20 Prozent auf dem zweiten Platz im Sorgenranking, gefolgt vom Thema wirtschaftliche Stabilität, bei dem 15 Prozent der Europäer Handlungsbedarf sehen. Angesichts strikter Sparmaßnahmen und schwächelnder Wirtschaftszahlen – vor allem in südlichen Ländern – richten die Menschen ihr Augenmerk außerdem auf das Gesundheitswesen und den Immobilienmarkt: Sie fragen sich, wie trotz angespannter Kassenlage die medizinische Versorgung und bezahlbare Mieten gesichert werden können und setzen diese Themen mit 11 und 10 Prozent der Nennungen auf die Plätze 4 und 5.

Sorgen im Realitäts-Check

Erinnern Sie sich noch an das Wort des Jahres 2012? Die Jury entschied sich damals für „Rettungsroutine“ – ein Begriff, der treffend die zahlreichen Gipfel und Hilfsmaßnahmen der Politik beschreibt. Bei all der Krisenrhetorik der letzten Jahre könnte man vermuten, dass das richtige Gefühl für die Folgen der Krise verloren gegangen ist. Doch der Blick auf die statistischen Kennzahlen in den einzelnen Ländern offenbart, dass die Europäer mit ihren Sorgen oftmals ganz richtig liegen.

Stellt man also das Sorgen-Ausmaß um den Arbeitsmarkt der tatsächlichen Arbeitslosenquote gegenüber, so zeigt sich, dass die stark beunruhigten Länder auch überdurchschnittlich viele Arbeitslose zu beklagen haben. Die größte Sorge herrscht mit 72 Prozent derzeit in Spanien – hier ist auch fast ein Viertel der Menschen ohne festen Job. Frankreich ist allerdings trotz einer Arbeitslosenquote von „lediglich“ etwa 11 Prozent fast ebenso besorgt wie Spanien. Polen und Italien zeigen sich bei ähnlichen Arbeitslosenzahlen nicht ganz so beunruhigt. Länder mit vergleichsweise hohen Beschäftigungsquoten wie beispielsweise Russland oder die Niederlande äußern tatsächlich deutlich weniger Besorgnis. Österreich und Deutschland reagieren bei ebenfalls unterdurchschnittlich hoher Arbeitslosenquote ein wenig besorgter.

Wesentlich sensibler ist Deutschland allerdings in puncto Inflationsangst. Trotz einer moderaten Inflationsrate im Jahr 2012 machen sich die Deutschen fast genauso häufig Sorgen um steigende Preise wie die Russen, die tatsächlich seit Jahren deutliche Kaufkraftverluste hinnehmen müssen.

Deutschland: Bildung und soziale Gerechtigkeit auf der Agenda

Die Sorgenwelt der Deutschen lässt sich aktuell in vier größere und mehrere kleinere Bereiche unterteilen. Die beiden größten Sorgenwelten umfassen zum einen Arbeitsmarkt und Wirtschaft, zum anderen Themen rund um Einkommen und Kosten. Zwar liegt die Arbeitslosigkeit im deutschen Sorgenranking nach wie vor an der Spitze, doch die Besorgnis der Bundesbürger sinkt nach einem ersten starken Rückgang im Vorjahr nochmals ein wenig. Auch die Euro-Krise und -Rettung beunruhigt zwar die Gemüter nach wie vor, doch nicht mehr so stark wie noch 2012. Dafür beschäftigen sich die Menschen in diesem Zusammenhang weiter mit der Staatsverschuldung, dem wirtschaftlichen Aufschwung oder den Renten.

Im Kontext mit dem Thema Einkommen machen sich die Deutschen zunehmend Gedanken um die soziale Gerechtigkeit im Land: Die Sorge hierüber hat im Vergleich zum Vorjahr um 3 Prozentpunkte zugelegt. Die Befragten zählen hierzu auch eine gerechtere Einkommensverteilung oder ein festes Grundeinkommen. Und auch steigende Lebenshaltungskosten geben den Menschen zu denken: Sie sagen häufiger als noch vor einem Jahr, dass etwas gegen explodierende Mieten, hohe Energiekosten und steigende Benzinpreise unternommen werden muss.

Wachsende Beunruhigung zeigt sich auch beim Blick auf die Bildungs- und Familienpolitik: Hier ist die Besorgnis der Menschen um 4 Prozentpunkte gestiegen – vermutlich mit verursacht durch Diskussionen um die Studiengebühren und den Bildungsbericht 2012, demzufolge Deutschland seine Hausaufgaben in Sachen Bildungspolitik noch nicht zufriedenstellend gemacht hat. Neben diesen großen Themenfeldern gibt es weitere kleinere Sorgenwelten, die sich um Bereiche wie Umweltschutz und Energie, Integration, Steuern und jugendbezogene Themen drehen.

Junge Menschen: Bildung auf Platz 1

Welche Herausforderung in den Augen der Bürger gerade Hochkonjunktur hat, hängt stark von der aktuellen politischen Situation ab. Aber auch die persönliche Lebenswelt spielt dabei eine wichtige Rolle. So wird erstmals seit Beginn der Erhebung die Arbeitslosigkeit nicht mehr einhellig als wichtigstes Problem gesehen. Am besorgtesten zeigen sich mit 42 Prozent Menschen in einfacher Lebenslage, gefolgt von den mittleren sozialen Schichten und den Rentnern. Bei den Studierenden und Auszubildenden hat das Thema Bildungspolitik die Sorge um den Job jedoch von Platz 1 verdrängt: 40 Prozent setzen diesen Bereich ganz nach vorne auf die Agenda. Bei anderen Lebenswelten fällt die Besorgnis in Sachen Bildung dagegen nicht einmal halb so hoch aus.

Rente? Kaum Thema für die Jungen

Kaum Unterschiede gibt es bei der Sorge um die wirtschaftliche Stabilität. Hier sind sich die Menschen aller Lebenswelten recht einig – wenngleich die Auszubildenden und Studenten das Problem etwas entspannter sehen als die übrigen Befragten. Diese Gruppe ist es auch, die beim Thema Renten noch recht gelassen bleibt. Nur 5 Prozent der jungen Generation hält die Altersversorgung trotz der Mahnungen zur privaten Vorsorge schon jetzt für das dringendste Thema. Demgegenüber macht sich jeder Fünfte im Ruhestand Sorgen um sein weiteres Leben im Alter. Die übrigen Themen – Armut, soziale Sicherung, Familienpolitik, Staatsfinanzen und Kriminalität – beschäftigen die Deutschen unabhängig von der Lebenswelt in ähnlich starkem Maße.

Deutschland auf Entspannungskurs?

Deutschland geht es im europäischen Vergleich gut im Jahr 2013: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und die Wirtschaftslage stabil. Dennoch fällt den Deutschen spontan die höchste Anzahl verschiedener Probleme ein. Ob das an einer typischen deutschen Mentalität liegt? Oder doch daran, wie ein Leser im Forum von „Spiegel online“ anmerkt, dass sich nur sorgt, wer auch etwas zu verlieren hat? Immerhin lässt die Beunruhigung hierzulande schon etwas nach und die Realität wirkt sich mäßigend auf die Gemütslage der Deutschen aus. Und vielleicht nehmen wir uns ja bis zur nächsten Befragung ein Beispiel an den Schweden: Sie stehen wirtschaftlich gut da und machen sich in Europa die wenigsten Sorgen. Nicht umsonst stammt aus ihrem Land das Sprichwort „Die Sorge verleiht kleinen Dingen einen großen Schatten“.


Datenquelle: Studie “Challenges of Europe 2013”, GfK Verein Juni 2013

Für Rückfragen zu diesem Artikel steht Ihnen Ronald Frank vom GfK Verein zur Verfügung (E-Mail: ronald.frank@gfk-verein.org).

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: Tel. +49 911 395-2624, E-Mail: claudia.gaspar@gfk-verein.org