Vertrauensfrage an die Wirtschaft

Mai 2015

„Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat“ – das hat der deutsche Lyriker Matthias Claudius schon vor gut 200 Jahren gesagt. Diese Erkenntnis setzen heute weltweit die meisten Menschen für sich um und verlassen sich ganz grundsätzlich auf ihr Gegenüber. Bezogen auf die Wirtschaft schneidet das Handwerk im Vertrauens-Check am besten ab – nicht nur hierzulande, sondern in vielen Ländern der Welt.

Bewaffnete Konflikte, Korruption oder unseriöse Angebote – es gibt viele Ursachen dafür, dass Vertrauen erschüttert wird oder sogar ganz verloren geht. Die Mehrheit der Menschen jedoch sagt nach wie vor von sich, dass sie ihren Mitbürgern vertraut. 69 Prozent der Befragten weltweit unterschreiben dies. Ganz vorne im Ranking liegen Kanada, die Niederlande, Schweden und Spanien, die mit jeweils 85 bzw. 84 Prozent die höchsten Vertrauenswerte mit Blick auf die Mitmenschen erzielen. Dies zeigen Ergebnisse aus dem aktuellen Global Trust Report 2015 des GfK Vereins, für den Ende des Jahres 2014 in 26 ausgewählten Ländern rund 29.000 Interviews geführt wurden.

Auch Deutschland liegt in dieser Frage vergleichsweise weit vorn: 80 Prozent der Befragten vertrauen anderen Menschen ganz allgemein; damit rangiert die Bundesrepublik hinter Spanien, Polen und der Schweiz auf dem siebten Platz. Dabei gilt oftmals: Je geringer die wahrgenommene Korruption im Land, desto höher fallen die Vertrauenswerte aus (Grafik dazu in der Download-Datei). So erreichen Länder wie Belgien, Australien, UK, die USA, Österreich, aber auch Südafrika überdurchschnittlich hohe Punktzahlen zwischen 70 und 80 Prozent. Die wahrgenommene Korruption (lt. Transparency International, CPI 2014) ist in den meisten dieser Länder eher gering. In Russland, der Türkei, Indonesien, Südkorea, aber auch in Frankreich dagegen fällt das Vertrauen in die Menschen unterdurchschnittlich aus, entsprechend größer schätzen die Menschen hier oftmals auch die Korruption ein. Schlusslichter im Ranking sind die Länder, in denen Korruption in den Augen der Befragten ein ernstzunehmendes Problem darstellt. Dies sind Brasilien, Nigeria und Kenia, wo nicht einmal mehr die Hälfte der Menschen Vertrauen in ihre Mitbürger empfindet. Allerdings knackt auch Japan trotz vergleichsweise geringer wahrgenommener Korruption die 50-Prozent-Marke nicht.

Handwerk: Spitzenplatz verteidigt

Doch was bedeutet das für die Wirtschaft in den einzelnen Ländern? Für wie vertrauenswürdig halten die Menschen die unterschiedlichen Branchen? Die Weltkarte des Vertrauens zeigt, dass das Handwerk die Nase vorn hat: In acht der 26 untersuchten Länder bringen die Verbraucher Installateuren, Elektrikern, Schreinern oder Maurern besonders häufig ihr Vertrauen entgegen. Aktuell landet die Branche nicht nur in Deutschland, Spanien, Belgien, Kanada und den USA mit Top-Werten von mehr als 80 Prozent auf dem ersten Platz im Ranking, sondern auch in Österreich, Italien und der Türkei.

Unterhaltungselektronik: weltweit auf Rang 2

Auch Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätehersteller schneiden in der Gunst der Verbraucher gut ab. In vier Ländern – UK, Schweden, Russland und Südkorea – sind die Menschen der Meinung, dass man sich auf Hersteller von Spielkonsolen, Waschmaschinen oder Fernseher verlassen kann. Platz drei der vertrauenswürdigsten Branchen teilen sich global gesehen die Pharmaindustrie und der Handel. Arzneimittelhersteller erzielen vor allem in aufstrebenden Ländern wie Brasilien, Indonesien und Ägypten hohe Werte zwischen 65 und 85 Prozent. Hier wirkt sich offenbar die verbesserte Arzneimittelgrundversorgung der Bevölkerung zu niedrigen Kosten positiv auf das Image der Branche aus. Mit Blick auf den Handel liegen die Niederlande mit 87 Prozent der Nennungen weiterhin ganz vorn. Aber auch in Frankreich (80 Prozent) und Argentinien (65 Prozent) erzielt dieser Wirtschaftszweig Bestnoten im Vertrauens-Check.

Lebensmittelbranche: in Afrika ganz vorn

Den Energie-und Wasserversorgern gelingt es, sich zumindest in zwei Ländern den Spitzenplatz zu sichern: In Polen und der Schweiz sprechen die Menschen dieser Branche am häufigsten ihr Vertrauen aus. Und auch die Lebensmittelindustrie liegt in zwei Ländern (Südafrika und Nigeria) auf dem ersten Rang. Banken und Versicherungen, die Automobilindustrie, Telekommunikations- und Internetanbieter sowie Fluggesellschaften sind ebenfalls auf der Weltkarte des Vertrauens vertreten. Diese Branchen werden aber in jeweils nur einem der 26 untersuchten Länder als besonders vertrauenswürdig genannt.

Deutschland: ungebrochenes Vertrauen ins Handwerk

„Handwerk hat goldenen Boden“ – dieser Satz gilt in der Bundesrepublik nicht nur mit Blick auf die vollen Auftragsbücher von Malern, Elektrikern oder Installateuren, sondern auch in puncto Vertrauen. 85 Prozent der Deutschen halten das Handwerk für vertrauenswürdig – das sind 39 Prozentpunkte mehr als in Ägypten dem Land mit dem geringsten Vertrauen ins Handwerk. Auf Rang zwei im bundesdeutschen Ranking liegen mit jeweils 74 Prozent Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten sowie Fluggesellschaften. Etwa drei Viertel der deutschen Befragten glauben an die Verlässlichkeit der unterschiedlichen Airlines. Allerdings wurden diese Daten vor dem Absturz der Germanwings-Maschine über den französischen Alpen erhoben – abzuwarten bleibt also, wie die Befragten nach diesem Unglück urteilen und wie lange dieses Ereignis nachwirkt.

IT-Branche, Lebensmittel und Finanzwesen: Skepsis bei den Bundesbürgern

Deutsche Autos sind beliebt und verkaufen sich gut – nicht nur ins Ausland. Das positive Image der deutschen Automobilbranche macht sich auch hierzulande bemerkbar: 70 Prozent der Deutschen bringen Audi, BMW & Co. ihr Vertrauen entgegen – das sind fast doppelt so viele wie in der Türkei, dem Land mit dem niedrigsten Vertrauenswert. Fast ebenso gute Zahlen erreichen der Handel (69 Prozent) und die Energie- und Wasserversorger (61 Prozent). Weniger positiv schneiden dagegen die Pharmabranche sowie Software- und Computerhersteller ab. Sie liegen mit etwas über 50 Prozent im Mittelfeld. Am unteren Ende der Skala finden sich Telekommunikations- und Internetanbieter wieder, denen nicht einmal mehr jeder zweite Deutsche Vertrauen entgegenbringt. Wahrscheinlich haben Diskussionen rund um das Thema Datenschutz teilweise für Unsicherheit bei den Menschen gesorgt. Dies gilt wohl auch für die Lebensmittelskandale, die den Verbrauchern in schöner Regelmäßigkeit auf den Magen schlagen. 45 Prozent der Bundesbürger halten die Lebensmittelindustrie für vertrauenswürdig – damit liegt Deutschland trotz hoher Qualitätsstandards deutlich hinter vielen anderen Ländern. In Indien beispielsweise vertrauen 90 Prozent der Menschen Lebensmittelherstellern. Doch zumindest sind die Bundesbürger mit ihrer Skepsis nicht allein. In unserem Nachbarland Frankreich vertraut nur jeder Dritte der Nahrungsmittelindustrie. Am schlechtesten aber schneiden in Deutschland Banken und Versicherungen ab. Hier wurde in Folge der Finanzkrise viel Vertrauen verspielt: Nur ein Drittel der deutschen Befragten spricht diesem Wirtschaftszweig ihr Vertrauen aus.

Ländervergleich: Viel Vertrauen bei Schweizern

Wie groß die Spannbreite des Vertrauens sein kann, zeigt ein Blick auf ausgewählte Länder wie Italien, Russland, Brasilien, die USA und die Schweiz. Offensichtlich hängt das Vertrauen in die Wirtschaft stark von den politischen und ökonomischen Bedingungen eines Landes ab, wie der Blick auf die Vertrauensmittelwerte zeigt. So liegt in der Schweiz der Mittelwert über alle Branchen bei 77 Prozent; vor allem Energie- und Wasserversorger, aber auch Handwerksbetriebe liegen in der Gunst der Verbraucher vorn. Aber auch die anderen Branchen können sich über ein mehrheitlich positives Image freuen – über alle Wirtschaftszweige hinweg bewegen sich die Werte deutlich über der 50-Prozent-Marke.

Italien: Finanzwesen in der Vertrauenskrise

Italien zeigt mit einem Mittelwert von 53 Prozent insgesamt ein eher mäßiges Vertrauen in die Wirtschaft. Das Handwerk schneidet mit 75 Prozent noch am besten ab. Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätehersteller landen zwar auf dem zweiten Platz im Ranking, allerdings liegt die Branche mit 63 Prozent hinter vielen anderen Ländern. Auch gegenüber Automobilherstellern, Energie- und Wasserversorgern und der Pharmaindustrie zeigen sich die Menschen auf dem Apennin besonders skeptisch. Vielleicht hat sich der Vertrauensverlust der Bürger in die Politik – im Zuge diverser Korruptionsskandale und Affären – ja auch auf die Wirtschaft ausgeweitet. In jedem Fall liegen die meisten Branchen mit Werten um die 50 bis 60 Prozent im Mittelfeld. Von solchen Ergebnissen können die Verantwortlichen im italienischen Banken- und Versicherungswesen nur träumen. Nicht einmal jeder vierte Befragte vertraut aktuell noch den Geldinstituten und Assekuranzen. Zum Vergleich: In Schweden halten 62 Prozent der Menschen das Finanzwesen für vertrauenswürdig.

Russland: gute Noten für Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik

Ein ähnlich verhaltenes Vertrauensniveau zeigt sich in Russland: Keiner der untersuchten Wirtschaftszweige erreicht Werte über 65 Prozent; der Mittelwert über alle Branchen liegt wie in Italien nur bei 53 Prozent. Im Ländervergleich drückt die russische Bevölkerung vor allem gegenüber Banken, dem Handel, den Arzneimittelherstellern sowie Fluggesellschaften ihre Zurückhaltung aus. Angesichts schwerer Unfälle, die sich bei russischen Airlines immer wieder ereignen, spricht nicht einmal jeder zweite Befragte der Branche sein Vertrauen aus. Und selbst beim sonst so „Vertrauens-verwöhnten“ Handwerk zeigen sich die Russen zurückhaltend: Zwar liegt dieser Wirtschaftszweig auf dem zweiten Platz im Ranking, doch mit 60 Prozent fällt die Zustimmung in der Bevölkerung im Vergleich zu anderen Ländern doch unterdurchschnittlich aus. Am besten fühlen sich die Russen bei den Herstellern von überwiegend - importierter - Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten aufgehoben. Gut zwei Drittel der Befragten sprechen ihnen ihr Vertrauen aus.

Hohe Werte in den USA, wenig Vertrauen in Brasilien

Wer Mikrowellen, Fernseher oder Laptops produziert, hat auch in den Augen der Amerikaner viel Vertrauen verdient. 79 Prozent der US-Bürger verlassen sich auf diese Branche. Nur das Handwerk schneidet mit 81 Prozent noch besser ab. Ebenfalls unter den Top-3 sind die Energie- und Wasserversorger vertreten, denen gut drei Viertel der Amerikaner vertrauen. Vielleicht, weil sie seltener in Skandale verwickelt sind wie beispielsweise die Pharmaindustrie, dem Schlusslicht im amerikanischen Ranking. 58 Prozent der Befragten schenken den Pharmaunternehmen ihr Vertrauen. Insgesamt aber herrscht in den USA ein vergleichsweise gutes Vertrauens-Klima: Der Mittelwert über alle Branchen liegt bei 69 Prozent. Ein gegensätzliches Bild zeichnet sich im südamerikanischen Brasilien ab, das mit einem Mittelwert von 55 Prozent beinahe so niedrige Zahlen verzeichnet wie Italien. Am ehesten trauen die Brasilianer noch den Herstellern von Unterhaltungselektronik und Haushaltswaren sowie den Energieversorgern. Am schlechtesten schneiden mit nur 30 Prozent Telekommunikations- und Internetdienstleister ab.

Vertrauen ist also kein unveränderlicher Zustand – auf wen wir uns verlassen, hängt von vielen Faktoren wie der Korruption im Land oder den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ab. Unglücke wie ein Flugzeugabsturz, Konflikte zwischen Ländern oder Skandale, die an die Öffentlichkeit gelangen, können das Gefühl von Sicherheit leicht erschüttern. Auch wenn die Wirtschaft hier nicht immer Einfluss nehmen kann, sollte in den Unternehmen das Vertrauen der Kunden als wichtiges Gut betrachtet werden. Wer sich bewusst ist, wie sensibel Konsumenten reagieren, und wem es gelingt,  Vertrauen zu erhalten, hat schließlich im Wettbewerb um zufriedene und treue Kunden Vorteile. Das wusste im Prinzip schon Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck, der einst sagte: „Vertrauen ist eine zarte Pflanze. Ist es zerstört, kommt es sobald nicht wieder.“

Einen umfassenden Bericht mit Ergebnissen aller 26 Länder und Zeitvergleichen erhalten Mitglieder des GfK Vereins als exklusiven Rundbrief.


Datenquelle: Global Trust Report 2015 des GfK Vereins

Rückfragen bitte an Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org)  oder Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org).


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