Wem Europa vertraut

April 2017

Wer nach Definitionen für den Begriff „Vertrauen“ sucht, der wird im Netz mehr als fündig: Politikwissenschaft und Soziologie fragen unter anderem danach, wie es um unser Vertrauen in Institutionen bestellt ist, die Wirtschaft lotet vertrauensbildende Maßnahmen mit Blick auf den unternehmerischen Erfolg aus, und die Psychologie beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie Vertrauen in die eigene Person oder den Partner aufgebaut werden kann. Die Europäer sind trotz vielerlei Herausforderungen mehrheitlich bereit, sich auf andere zu verlassen. Das gilt sowohl für ihre Mitmenschen als auch für die verschiedenen Wirtschaftsbereiche, wobei das Ausmaß des Vertrauens gegenüber Menschen meist spürbar größer ausfällt als gegenüber Organisationen, wie z.B. Unternehmen. Und auch zwischen den einzelnen Ländern kristallisieren sich Unterschiede beim Vertrauensniveau heraus.

Wer sich ausgewählte Länder Europas ansieht, stellt eines fest: In den meisten Fällen ist das Vertrauen, das die Menschen ihren Mitmenschen entgegenbringen, um einiges höher als das in die Wirtschaft. Lediglich in Italien liegen die Werte fast gleichauf – sogar mit einem leichten Vorsprung für die verschiedenen Branchen. Dies zeigen aktuelle Zahlen aus dem GfK Global Trust Report 2017, für den im vergangenen Jahr weltweit mehr als 28.000 Menschen befragt wurden, davon zwischen September und November 2016 mehr als 7.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien und UK.

Die Spanier setzen sich beim Vertrauen in ihr privates Umfeld an die Spitze: 80 Prozent verlassen sich voll und ganz bzw. überwiegend auf ihre Mitmenschen. Mit Blick auf die Wirtschaft unterschreiben eine solche Aussage noch 63 Prozent – damit zeigt sich in diesem Land, das vor nicht allzu langer Zeit gehörig von ökonomischen Krisen gebeutelt war, mit 17 Punkten auch die größte Diskrepanz. Ähnlich wie den Menschen auf der iberischen Halbinsel geht es den Bundesbürgern: 78 Prozent vertrauen ihrem Gegenüber, 63 Prozent der Wirtschaft. Im Vereinigten Königreich sprechen drei Viertel der Befragten ihrem Umfeld großes Vertrauen aus, auf die Wirtschaft verlassen sich 65 Prozent. In Polen fällt die Differenz wiederum etwas größer aus: 71 Prozent vertrauen anderen Menschen, 59 Prozent den verschiedenen Wirtschaftszweigen. Im Westen Europas, genauer in Frankreich, zeigt man sich im Vergleich zu den anderen Ländern insgesamt etwas verhaltener. Zugleich machen die Franzosen in der Vertrauensfrage weniger Unterschied zwischen Privatperson und Unternehmen: 65 Prozent glauben an das Gute in ihrem Gegenüber, 63 Prozent an das, was die Wirtschaft tut. Am sparsamsten gehen die Italiener mit ihrem Vertrauen um. Eine knappe Mehrheit (53 bzw. 52 Prozent) verlässt sich sowohl auf die Wirtschaft als auch auf andere Menschen.

Branchen: Finanzsektor hat mit Vertrauensdefiziten zu kämpfen

Ob wir es mit realen Personen oder mit Unternehmen zu tun haben, spielt also durchaus eine Rolle, wenn es um unsere Bereitschaft zu vertrauen geht. Doch auch beim Blick auf einzelne Wirtschaftsbereiche zeigen sich Unterschiede. Der Finanzsektor hat in den meisten Ländern nach wie vor ein Vertrauensproblem – und kann mit den Top-Werten anderer Branchen nicht mithalten, wie der Blick auf die Spannbreite beim Vertrauen zeigt. Diese fällt vor allem in Spanien groß aus: Während sich nur knapp ein Viertel der Befragten auf Banken und Versicherungen verlässt, setzt eine deutliche Mehrheit von 84 Prozent auf die Leistungen des Handwerks. Mit 61 Prozentpunkten Differenz ist die Spannbreite damit am größten. Etwas kleiner ist sie in Deutschland mit 50 Prozentpunkten: 35 Prozent der Bundesbürger zählen auf die Finanzindustrie, aber 85 Prozent auf das Handwerk. Ähnlich sieht es in unserem Nachbarland Frankreich aus, allerdings mit anderen Protagonisten auf dem ersten und dem letzten Platz im Ranking: Dem Handel bringen 85 Prozent der Franzosen großes Vertrauen entgegen, den Lebensmittelherstellern nur 36 Prozent. Ebenso groß ist der Abstand zwischen dem Top-Platzierten und dem Schlusslicht in Italien. Während Banken und Versicherungen 22 Prozent der Befragten hinter sich haben, sind es beim Handwerk 71 Prozent. Deutlich geschlossener ist die Schere in Polen und UK mit 25 bzw. 23 Prozentpunkten Unterschied zwischen erstem und letztem Platz. In Polen stehen die Energie- und Wasserversorger mit 70 Prozent an der Spitze; doch auch der Finanzsektor kommt auf immerhin 45 Prozent. Im Vereinigten Königreich sprechen dem Handwerk die meisten Menschen ihr Vertrauen aus. 76 Prozent haben hier ein gutes Gefühl. Und auch das „Schlusslicht“ Handel hat eine Mehrheit der Menschen, nämlich 53 Prozent, hinter sich.

UK: Alle Branchen haben eine Mehrheit der Verbraucher hinter sich

Insgesamt haben die Menschen in Europa 14 Wirtschaftsbereiche auf ihr Vertrauenspotenzial hin bewertet, einige davon zum ersten Mal, die meisten bereits in den Vorjahren. Wer in der Gunst der Verbraucher dabei vorn liegt, hängt offenbar stark von den politischen und ökonomischen Bedingungen eines Landes ab. Während der Vertrauens-Mittelwert über alle Wirtschaftsbereiche in Großbritannien, Spanien, Deutschland und Frankreich bei über 60 Prozent liegt, fällt er in Italien auf 53 Prozent. Polen rangiert mit einem Mittelwert von 59 Prozent im Mittelfeld. In UK, wo mit 65 Prozent der höchste Mittelwert erzielt wird, ist das Vertrauen der Menschen vergleichsweise gleichmäßig auf die einzelnen Branchen verteilt, die Unterschiede halten sich in Grenzen. Im Ranking liegen Bekleidungs- und Schuhhersteller mit 74 Prozent Zustimmung direkt hinter dem Favoriten „Handwerk“, dicht gefolgt von Fluggesellschaften, Elektronikbranche und Herstellern von Reinigungsmitteln mit jeweils 72 Prozent. Auch Energie- und Wasserversorger, Spielzeughersteller, Pharmabranche und Lebensmittelhersteller erzielen gute Werte und haben jeweils etwa zwei Drittel der Befragten hinter sich. Software- und PC-Hersteller sowie die Autoindustrie knacken ebenfalls die 60-Prozent-Marke. Knapp dahinter folgen Telekommunikationsanbieter sowie der Finanzsektor, die sich auch noch über das Vertrauen einer Mehrheit (57 Prozent) freuen können. Schlusslicht ist der Handel, den nur 53 Prozent aller Befragten für sehr vertrauenswürdig halten.

Spanien: Handel, Handwerk und Bekleidungsindustrie liegen vorn

In Spanien, dem Land mit den größten Vertrauensunterschieden, verlassen sich die Menschen neben dem Handwerk vor allem auf den Handel, dem 78 Prozent der Befragten ihr Vertrauen aussprechen. Auch Bekleidungs- und Schuhhersteller erzielen diesen Spitzenwert, gefolgt von Waschmittelherstellern und der Spielzeugindustrie (74 und 73 Prozent). Ebenfalls im oberen Drittel des Vertrauensrankings liegen die Lebensmittelindustrie, Fluggesellschaften sowie die Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten. Und auch die Hersteller von Medikamenten sowie die Computerbranche haben zwischen 60 und 62 Prozent der Menschen hinter sich. Die Autobauer können sich mit 59 Prozent ebenfalls noch über das Vertrauen einer Mehrheit freuen; zudem setzt jeder zweite auf die Energie- und Wasserversorger. Dagegen überzeugt die Telekommunikationsbranche nur noch 43 Prozent der Menschen. Abgeschlagen auf dem letzten Platz landen mit 23 Prozent Banken und Versicherungen.

Frankreich: Handel überzeugt, Lebensmittelbranche schwächelt

Frankreich gilt ja gemeinhin als Land der guten Küche, seine Einwohner als Kenner vielerlei Gaumenfreuden. Doch diejenigen, die Lebensmittel produzieren, halten die Franzosen nicht für allzu glaubwürdig – im Gegenteil. Nur gut ein Drittel der Bevölkerung spricht diesem Wirtschaftszweig großes Vertrauen aus und setzt ihn so ans Ende der Skala. Spitzenwerte erzielen dagegen der Handel mit 85 und das Handwerk mit 82 Prozent, gefolgt von Fluggesellschaften (78 Prozent), Spielzeugherstellern (71 Prozent) sowie Energieversorgern und Computerbranche (jeweils 68 Prozent). Die Autoindustrie sowie die Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätebranche können da gut mithalten – beide Wirtschaftszweige genießen das Vertrauen von 67 Prozent der Franzosen. Die Modeindustrie überzeugt 62 Prozent der Verbraucher, fast ebenso viele verlassen sich auf die Hersteller von Wasch- und Reinigungsmitteln. Nur noch knapp die Hälfte der Befragten (49 Prozent) vertraut dagegen den Herstellern von Arzneimitteln, 44 Prozent den Telekommunikations- und Internetanbietern. Und nur gut ein Drittel der Verbraucher baut auf den Finanzsektor, der im Ranking ganz knapp vor der Lebensmittelindustrie landet.

Polen: Energie- und Wasserversorger liegen vorn

In Polen fällt das Vertrauen in die Wirtschaft insgesamt etwas verhaltener aus: Die Spitzenreiter –Energie- und Wasserversorger sowie das Handwerk – erreichen hier Werte von 70 bzw. 68 Prozent, gefolgt von der Bekleidungsindustrie (66 Prozent), den Waschmittelherstellern (65 Prozent) und den Produzenten von Spielkonsolen, Waschmaschinen oder Geschirrspülern (63 Prozent). Auch Handel, Pharmaindustrie, Computerhersteller und Autobranche erreichen noch Werte um die 60 Prozent. Telekommunikationsdienstleister und die Lebensmittelbranche genießen ebenfalls das Vertrauen einer Mehrheit der Menschen. Für Fluggesellschaften gilt dies mit Vertrauenswerten von 48 Prozent nicht mehr. Sie landen damit knapp vor dem Finanzsektor, auf den 45 Prozent der befragten Polen setzen.

Italien: Finanzsektor schneidet besonders schlecht ab

Die Italiener sind wie auch die Polen etwas zögerlicher, wenn es um das Vertrauen in die Wirtschaft geht. 71 Prozent der Verbraucher vertrauen dem Handwerk und setzen die Branche damit ganz nach oben im Ranking. Dass das Land als Mekka der Modebewussten gilt, macht sich auch beim zweiten Platz bemerkbar: Bekleidungs- und Schuhherstellern vertrauen knapp zwei Drittel der Italiener. 60 Prozent verlassen sich auf die Angebote der Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätebranche, fast ebenso viele auf Waschmittelhersteller (59 Prozent), Fluggesellschaften (58 Prozent), Spielzeughersteller (57 Prozent) und den Handel (56 Prozent). Eine knappe Mehrheit im Vertrauensranking entfällt zudem auf die Computerbranche (53 Prozent) und die Autoindustrie (51 Prozent), gefolgt von den Energie- und Wasserversorgern (50 Prozent). Die Pharmaindustrie, Telekommunikationsdienstleister und die Lebensmittelbranche dagegen knacken die 50-Prozent-Marke nicht mehr und landen knapp darunter. Allerdings noch deutlich vor dem Schlusslicht Banken und Versicherungen, denen gerade einmal 22 Prozent der Menschen ihr Vertrauen aussprechen. Damit hat dieser Sektor hier im Vergleich zu anderen Ländern offenbar das größte Imageproblem.

Deutschland: Energieversorger legen zu, Autobranche bremst sich aus

In der Bundesrepublik haben die Menschen etwas mehr Vertrauen für Banken und Versicherungen übrig. Zwar rangieren die jeweiligen Institute auch am Ende der Skala, doch immerhin musste dieser Wirtschaftszweig keine weiteren Verluste hinnehmen. Aktuell vertrauen 35 Prozent dem Bankensektor, 2013 waren es 29 Prozent. Von den Top-Rängen ist die Finanzbranche damit aber noch ein gutes Stück entfernt. So verlassen sich wie schon in den Vorjahren die meisten Menschen hierzulande auf das Handwerk (85 Prozent). Mit einem deutlichen Abstand von 11 Prozentpunkten folgen Bekleidungs- und Schuhhersteller, die erstmals in die Befragung aufgenommen wurden und sich auf Anhieb den zweiten Platz sichern konnten. Auch Fluggesellschaften stehen mit 73 Prozent in der Verbrauchergunst recht weit oben und können sich zudem über ein über die Jahre hinweg stabiles Vertrauensniveau freuen. Dagegen mussten die Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten leichte Verluste hinnehmen: 78 Prozent der Verbraucher sprachen diesem Sektor 2013 ihr Vertrauen aus, aktuell sind es noch 72 Prozent. Mit den Wasch- und Reinigungsmittelherstellern, die 70 Prozent erzielen, landet ein weiterer Neueinsteiger im oberen Bereich der Skala und sichert sich so einen Platz neben dem Handel mit ebenfalls 70 Prozent. Dicht auf den Fersen sind diesen Branchen die Energie- und Wasserversorger, die das größte Plus im Zeitvergleich verzeichnen. Offenbar haben sich hier die Bemühungen um die Energiewende bemerkbar gemacht. Von 2013 bis heute stieg das Vertrauensniveau um 18 Prozentpunkte. Im Mittelfeld bewegt sich der dritte Wirtschaftsbereich, der neu in die Studie aufgenommen wurde: Die Spielzeughersteller halten 64 Prozent der Menschen für glaubwürdig, fast ebenso viele stellen der Pharmabranche ein gutes Zeugnis aus (60 Prozent). Dazugewinnen konnten die Lebensmittelhersteller, denen erstmals seit 2013 wieder eine Mehrheit der Deutschen (56 Prozent) ihr Vertrauen ausspricht, gefolgt von Software- und Computerherstellern mit 55 Prozent. Die Autoindustrie dagegen ist der aktuelle Verlierer im Ranking: Nach einem hohen Vertrauensniveau von gut 70 Prozent im Jahr 2013 rutschte die Branche angesichts des Abgasskandals um fast 20 Punkte nach unten. Schlechter schneiden nur Telekommunikationsdienstleister (47 Prozent) und der Finanzsektor (35 Prozent) ab.

Vertrauen gewinnen – nur wie?

Dass Vertrauen ein fragiles Pflänzchen ist, das leicht beschädigt werden kann, ist wohl allgemein anerkannter Fakt und dürfte für alle Menschen gelten, egal ob in Deutschland, Europa oder weltweit. Schlechte Nachrichten über ein Unternehmen können nicht nur dessen Ruf, sondern den einer ganzen Branche nachhaltig schädigen, wie unter anderem der Abgasskandal gezeigt hat. Auch das Beispiel des Finanzsektors macht deutlich, wie schwer es ist, einmal verlorenes Vertrauen zügig wieder zurückzugewinnen. Der Unternehmer, Autor und Redner Carsten K. Rath hat dazu einmal treffend festgestellt: „Für Vertrauensverlust gibt es keine Rückstellung.“


Datenquelle: Global Trust Report 2017

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org).


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