Wer kann, reist weiter

April 2009

Die schönste Zeit des Jahres soll es sein, entspannend, abwechslungsreich und je nach Geschmack sonnendurchflutet oder mit besten Schneeverhältnissen. In jedem Falle wunderbar. Schon Wochen vorher freuen wir uns auf den Urlaub, liegen in Gedanken unter Palmen oder heizen über die Pisten. In diesem Jahr allerdings ist Krise – und damit alles anders?

Sicher, im Moment möchte man angesichts andauernder Schreckensmeldungen am liebsten wegfahren. Karibische Gelassenheit genießen statt sich Sorgen machen über strauchelnde Banken, sinkende Löhne, gefährdete Arbeitsplätze und künftiges Einkommen. Doch so einfach ist das nicht.

Der allgemeine Konjunkturpessimismus schlägt den Deutschen auf die Urlaubslaune – zumindest teilweise. Erste Indikatoren lassen vermuten, dass das Jahr 2009 in Sachen Tourismus schwer mit den früheren Jahren mithalten wird. Das zeigen Ergebnisse des GfK TravelScope. Für diese Studie erhebt die GfK Panel Services fortlaufend das Urlaubsreise-, Buchungs- und Informationsverhalten sowie die Reiseabsichten in Deutschland. Die letzte Erhebung zeigt: Die Reiseabsichten liegen in diesem Jahr um 3,5 Prozentpunkte unter dem Vergleichswert von 2008.

Die Reisebüros melden eine ähnliche Entwicklung. Im Januar sank ihr Umsatz insgesamt um 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Bereits seit dem vergangenen Herbst buchen Familien deutlich weniger Reisen als sonst – das zeigen aktuelle Ergebnisse aus dem GfK Tourismus-Vertriebspanel für die Sommersaison 2009. Auch bei den Planungen für den kommenden Sommer halten sich vor allem Familien mit Kindern zurück. Mit einem Minus von 6,4 Prozent liegt der Planungsstand bei dieser Gruppe von Befragten deutlich unter dem Vorjahresniveau. Allerdings: Ob sie tatsächlich weniger verreisen werden oder nur vorübergehend verunsichert sind und im Sommer doch noch spontan die Koffer packen, muss sich erst noch zeigen. Bleibt die Inflationsrate – derzeit auf einem historischen Tief – weiter niedrig, würde das die Kaufkraft ebenso stärken wie Steuersenkungen und Rentenerhöhungen. So mancher Reisende darf sich dann über mehr Geld in der Urlaubskasse freuen.

Reisen in Deutschland legen zu

Dies könnte auch der Binnenkonjunktur helfen. Schon im Sommer 2008 verbrachten die Deutschen 42,9 Millionen Urlaube in der Heimat – und bescherten dieser damit ein Plus von 1,9 Prozent. Ein Ende des Trends ist auch für 2009 nicht zu erwarten. Bereits Ende Februar waren 3,7 Prozent mehr Reisen zwischen Nordsee und Alpenland geplant, bei Reisen mit mehr als zehn Übernachtungen liegt dieser Wert sogar noch höher. Vor allem die Alpenregion, Bayern und Baden-Württemberg sowie der Norden der Republik stehen auf der Liste der Lieblings-Reiseziele für die kommende Saison oben. Allerdings entwickelt sich auch der Urlaub in einigen fernen Gefilden nicht schlechter als im vergangenen Jahr: Eine Auszeit in Ländern wie Vietnam, Japan oder Tansania rückt nach Meldungen aus dem Tourismus-Vertriebspanel sogar stärker als bisher in den Mittelpunkt des Touristen-Interesses.

Teurer Urlaub wird weiter gebucht

Es scheint so, als ob sich die Tourismuswelt zweiteilt: Ein Teil der Verbraucher – vor allem Familien – tauscht die Riviera gegen Rügen, ein anderer Teil leistet sich weiterhin Entspannung in der Karibik. Dies würde erklären, warum gerade teurere Reisen ab 1500 Euro nicht seltener als sonst gebucht werden. Sie verkaufen sich aktuell so gut wie im vergangenen Jahr. Urlaube bis 750 Euro dagegen verloren in der Statistik. Wer kann, reist also weiter. Wer ohnehin weniger Geld hat, spart am ehesten am Urlaub.


Hier geht es zum Blitzinterview mit Anya Müller-Eckert von Schmetterlin Reisen


Datenquellen: GfK Panel Services (Travel Scope), GfK Retail & Technology (Tourismus-Vertriebspanel)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org