Werte: Wunsch nach Sicherheit wächst weiter

Januar 2017

Eine gemütliche Runde unter Freunden, irgendwann in der Zeit zwischen den Jahren. Nach Gesprächen über Kinder, Job und Urlaubspläne für das nächste Jahr kommt sie, die Feststellung: Hoffentlich wird 2017 ein friedlicheres und besseres Jahr als 2016. Terror, Flüchtlingskatastrophen, Kriegsopfer – das sind Assoziationen, die vermutlich noch eine Weile in unseren Köpfen hängen bleiben werden, wenn wir an die zurückliegenden Monate denken. Auch mit Blick auf die Wertvorstellungen der Menschen haben die Ereignisse Spuren hinterlassen: So wird Sicherheit hierzulande mittlerweile von mehr als 80 Prozent der Bürger als Wert gesehen, dessen Bedeutung weiter wächst. 

Schon in der letztjährigen Umfrage zum Bedeutungswandel von Werten hatte das Thema Sicherheit zugelegt und seine Spitzenposition gegenüber 2014 nochmals ausgebaut. Doch in der aktuellen Befragung ist der Anteil derer, die der Sicherheit weiter steigende Relevanz zuschreiben, um nochmals 7 Prozentpunkte gestiegen.  83 Prozent – und damit eine überdeutliche Mehrheit der Menschen – sind derzeit überzeugt, dass dieser Wert weiter an Bedeutung gewinnt. Nur 2 Prozent sagen das Gegenteil. Die übrigen 15 Prozent gehen weder von einem Bedeutungszuwachs noch von einem -verlust aus. Damit liegt das Thema auch in diesem Jahr auf Platz eins weit vor den anderen 12 abgefragten Wertbegriffen. Dies zeigen die Studien-Ergebnisse, die der GfK-Verein in der ersten Dezemberhälfte 2016 in face-to-face-Interviews mit knapp 2.000 Menschen (repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 14 Jahren) ermittelt hat.

Die Top Five: Neben Sicherheit zählen Leistung, Vertrauen, Zuhause und Verantwortung

Mit beträchtlichem Abstand zur Nummer 1 folgen dicht aufeinander die Werte Leistung, Vertrauen und Zuhause. Ihnen allen – so unterschiedlich sie sind – wird jeweils von knapp 60 Prozent der Befragten wachsende Bedeutung attestiert. Der Zuwachs beim Thema Leistung ist vermutlich im Kontext einer zunehmend globalisierten Arbeitswelt zu sehen, und das eigene Zuhause als entsprechendes Gegengewicht. Wo kann man sich schließlich auch besser von den Strapazen des Arbeitsalltags – und zudem von schlechten Nachrichten in den Medien – erholen? Doch wer nun glaubt, dass die Deutschen nur eigenbrötlerisch in ihren eigenen vier Wänden sitzen und düster in die Zukunft blicken, der irrt. Denn schließlich ist auch Vertrauen ein Wert, dem die Menschen mehrheitlich wachsende Bedeutung zuschreiben. Darauf folgt gleich an nächster Stelle zudem der Aspekt Verantwortung, dem 55 Prozent eine künftig noch höhere Wichtigkeit beimessen. Von immerhin 50 Prozent wird an nächster Stelle der Wert von Innovationskraft als steigend bewertet. Auch diese Entwicklung ist sicherlich nicht zuletzt in Verbindung mit der Globalisierung der Wirtschaft zu sehen.

Solidarität und Optimismus: fast jeder Zweite sieht Zukunftspotenzial

Es war wohl einer der meist zitierten Politiker-Sätze der vergangenen Jahre: Angela Merkels „Wir schaffen das!“ hat sowohl für Beifall als auch für Kritik in der Bevölkerung gesorgt. Solidarität mit Schwächeren ist für viele nach wie vor ein Wert mit Zukunftspotenzial. Fast jeder Zweite glaubt, dass er aktuell relevanter wird. Doch offenbar sind sich die Menschen in der Frage, wie weit Solidarität gehen soll, nicht ganz einig. Denn immerhin jeder zehnte Befragte attestiert diesem Wert sinkende Relevanz. Wird das gesellschaftliche Klima also künftig kühler? Müssen wir uns Sorgen machen? Oder werden sich doch geeignete Lösungen finden? Knapp die Hälfte der Deutschen setzt auf mehr Zuversicht: 46 Prozent meinen, dass wir trotz vieler Herausforderungen den Kopf nicht in den Sand stecken sollten und platzieren Optimismus auf Platz 8 im Ranking.

Dem Thema Wettbewerb sprechen 44 Prozent der Deutschen eine bedeutendere Rolle für die Zukunft zu, doch auch hier gibt es Gegenstimmen: So glaubt diesbezüglich jeder zehnte Befragte, dass es weniger darauf ankommen wird, sich mit anderen zu messen. Noch weniger Menschen sind von einem Bedeutungszuwachs von Macht überzeugt. Zwar hält knapp jeder Dritte diesen Wert für zunehmend relevant, doch 20 Prozent widersprechen dieser Aussage und sind vom Gegenteil überzeugt.

Am unteren Ende der Skala: Verzicht, Luxus, Abenteuer

Noch uneinheitlicher fällt die Antwort aus, wenn man fragt, ob wir aktuell den Gürtel enger schnallen sollten. 24 Prozent schätzen Verzicht als einen Wert mit Zukunft ein, doch genauso viele sagen das Gegenteil. Bei den Schlusslichtern Luxus und Abenteuer verkehren sich schließlich die Mehrheitsverhältnisse. 22 bzw. 19 Prozent sehen diese Werte im Kommen; etwa ein Drittel (33 und 35 Prozent) meint dagegen, dass wir künftig weder mehr erlesene Dinge noch mehr Action im Leben brauchen. 

Aufwärtstrend: Vertrauen, Verantwortung und Innovation legen am stärksten zu

Was uns im vergangenen Jahr besonders bewegt hat und welche Konsequenzen dies für unsere Wertvorstellungen hat, zeigt der Blick auf die Befragungsergebnisse aus dem Vorjahr. Im Vergleich zu 2015 verzeichnet nicht nur das Top-Thema Sicherheit Bedeutungsgewinne. Angesichts wachsender Bedrohungen im In- und Ausland schlägt das Bedürfnis nach mehr Sicherheit zwar mit einem Plus von 7 Prozentpunkten zu Buche, doch das ist nicht der höchste Zuwachs. Die sozialen Werte Vertrauen und Verantwortung bringen es nämlich sogar auf ein Plus von je 11 Prozentpunkten. Und mit einer Zunahme von ebenfalls 11 Prozentpunkten ist auch das Stichwort Innovation  überdurchschnittlich stark in den Fokus der Menschen gerückt. Die Werte Zuhause und Leistung legten mit Bedeutungsgewinnen von 9 und 8 Prozentpunkten ebenfalls ein gutes Stück zu. Und auch dem Wettbewerb schreiben heute mehr Menschen als noch vor einem Jahr für die Zukunft eine größere Relevanz zu – hier liegt der Zuwachs bei 6 Prozentpunkten Dagegen haben sich die übrigen Werte aus Sicht der Befragten in ihrer Wichtigkeit für die kommende Zeit nur geringfügig verändert.

Doch was sagen diese Ergebnisse über das Lebensgefühl jedes Einzelnen aus? Werden wir nun große Veranstaltungen öfter meiden, Alarmanlagen installieren und uns in unseren gesicherten vier Wänden Gedanken darüber machen, wie wir persönlich die Gesellschaft leistungsbereiter und innovativer gestalten können? Sicher ist: Was wir ganz allgemein für wichtig und zukunftsweisend erachten, muss uns privat noch lange nicht im selben Ausmaß beschäftigen. So steht Sicherheit zwar auch bei der persönlichen Bewertung an erster Stelle, doch bei vielen Werten ist die Diskrepanz zwischen dem persönlichen und dem allgemein erwarteten Bedeutungszuwachs sehr groß. Beispiel Leistung: 58 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass dieser Wert künftig stärker ins Gewicht fällt, doch nur etwa ein Drittel rechnet auch mit einem persönlichen Bedeutungszuwachs. In der Frage nach einem Mehr an Wettbewerb fällt die Differenz mit 29 Prozentpunkten sogar noch größer aus, beim Thema Innovation sind es (wiederum) 26 Prozentpunkte, gefolgt vom Thema Macht mit 23 Punkten. Diese Unterschiede haben sicherlich viel mit der eigenen Lebenssituation zu tun. Ein Rentner mag sehen, wie die Bedeutung solcher Werte für die heutigen Arbeitnehmer wichtiger werden, jedoch ist dies in seiner Lebensrealität (meist) nicht mehr der Fall. Deutlich geringer fallen die Unterschiede bei den Werten Verantwortung, Luxus und Solidarität (Salden zwischen 12 und 10 Punkten) oder Verzicht, Sicherheit und Abenteuer (Salden von 8 oder 7 Punkten) aus. Doch auch hier wird der Bedeutungsgewinn für die Allgemeinheit höher eingeschätzt als für die individuelle Lebenssituation. Vielleicht liegt dies auch daran, dass wir unsere eigene Entwicklung positiver sehen als die der gesamten Gesellschaft. Wir handeln bereits recht verantwortungsvoll oder üben uns ausreichend in Verzicht – erwarten das aber noch stärker von anderen. Oder aber die Befragten haben das Gefühl, alleine ohnehin nicht wirklich viel ausrichten zu können und sehen in Sachen Werteentwicklung vielmehr die Gesellschaft in der Verantwortung. Sicher ist: (Fast) gleichermaßen wichtig für Gesellschaft und Privatleben beurteilen die Deutschen lediglich die Werte Optimismus und Vertrauen, zwei Werte die nicht nur eindeutig positiv belegt sind, sondern – in jeder Lebensphase – auch förderlich für das eigene emotionale Wohl. Und wenn es um das eigene Zuhause geht, urteilen die Menschen sogar umgekehrt: Was ihren privaten Rückzugsort betrifft, rechnen mehr Befragte damit, dass dieser Wert für sie persönlich wichtiger wird.

Junge Menschen: Leistung liegt im Trend

Dass auch die verschiedenen Lebensphasen Einfluss auf die persönlichen Wertvorstellungen haben, ist kein Geheimnis – man denke nur an so manche Diskussion am heimischen Küchentisch zwischen Jung und Alt. Umso interessanter ist es, dass beim Thema Sicherheit relativ große Einigkeit herrscht – alle Altersgruppen, junge wie ältere Menschen – vermuten hier den größten Bedeutungszuwachs. Doch ab Rang zwei zeigen sich teilweise deutliche Unterschiede. Die 14- bis 24-Jährigen schätzen den Bedeutungsgewinn von Leistung am höchsten ein. Und sie liegen bei verwandten Themen wie Innovation und Wettbewerb weiter vorn als andere Altersgruppen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Jugend keinen Sinn mehr für Abenteuer hätte. 27 Prozent finden, dass man auch etwas erleben sollte; das ist der höchste Wert im Vergleich aller Altersgruppen. Und da Spaß und Action bekanntlich (oftmals) Geld kosten, verwundert es nicht, dass junge Befragte weniger mit Verzicht anfangen können als andere Jahrgänge. Auch das eigene Zuhause ist ein Thema, mit dem sich die Jungen seltener beschäftigen. Wer sich gerade aufmacht, die Abenteuer des Lebens zu erkunden, hat offenbar weniger Sinn für die Gemütlichkeit der vertrauten vier Wände. Dennoch prognostizieren immerhin 46 Prozent für diesen Wert ein Plus an Bedeutung.

Ältere Jahrgänge: Leistung, Innovation und Wettbewerb sind weniger wichtig

Anders sieht das bei den 25- bis 34-Jährigen aus, die gerade im Berufsleben durchstarten oder die ersten Sprossen der Karriereleiter erklommen haben. Für Abenteuer sind sie zwar auch (noch) etwas mehr zu haben als ältere Jahrgänge. Doch sie denken dabei offenbar stärker an die Folgen – und befinden sich zweifelsohne häufiger in einer Familiensituation, die mit Verantwortung für andere verbunden ist. Insofern sehen sie vor allem Verantwortung überdurchschnittlich häufig als Wert mit Zukunft. Auch Luxus und Macht sind für diese Altersgruppe von besonderer Bedeutung. Zwischen 35 und 49 Jahren stehen sowohl leistungsbezogene als auch soziale Werte im Fokus. Diese Generation hält die Kombination aus Leistung, Verantwortung und Vertrauen für ein geeignetes Wertepaket für ihre Zukunft. Mit zunehmenden Jahren wird das Gefühl, sich durchkämpfen und durchsetzen zu müssen, dann offenbar geringer. So ist Leistung nur noch für jeden vierten Befragten zwischen 50 und 64 Jahren ein Wert mit Bedeutungszuwachs, bei den über 65-Jährigen sind es sogar nur noch 14 Prozent. Auch die Themen Innovation, Wettbewerb, aber auch Verantwortung haben Menschen ab 50 seltener im Blick.

Ob wir mit unserer Einschätzung zum Thema Bedeutungszuwachs von Werten richtig liegen, wird die Zukunft zeigen. Wie werden wir die anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen meistern? Wie wird sich das gesellschaftliche Klima verändern? Das werden wir wohl erst im Rückblick beurteilen können – vielleicht ja auch Ende dieses Jahres wieder in einer gemütlichen Runde mit Freunden, die sich zum Jahresausklang treffen. 


Datenquelle: GfK Verein; Werte-Studie 2016/2017; CAPI-BUS-Umfrage Dezember 2016

Rückfragen bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Stürmer (claudia.stuermer@gfk-verein.org).


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