Wertvolles Alter

Juni 2013

Wer seinen 50. Geburtstag hinter sich hat, ist heute längst kein Kandidat mehr für den Vorruhestand, sondern hat normalerweise noch ein gutes Stück Lebenszeit vor sich. Und deshalb warten auf die „Menschen in der Lebensmitte“ heutzutage jede Menge Aktivitäten und spezielle Angebote: Reisen für Junggebliebene zum Beispiel, mit einem Mix aus Kultur, Wellness und Gesundheit. Auch mit weniger Sehkraft lässt es sich dabei bequem mit der Familie chatten, dem Senioren-Smartphone mit übersichtlichem Display sei Dank. Die Initiative ‚Wirtschaftsfaktor Alter‘ der Bundesregierung kümmert sich seit 2008 um die zahlreichen Facetten der älter werdenden Gesellschaft. Die verschiedenen Parteien werben zudem mit diversen Modellen zur Absicherung des Rentenalters und appellieren zugleich an die Wirtschaft, die Erfahrung älterer Mitarbeiter möglichst lange zu nutzen. Die Generation 50 plus scheint also von allen Seiten umschwärmt. Doch wie viel Wertschätzung erhält diese permanent wachsende Altersgruppe aus Sicht der Deutschen? Und wie geschätzt fühlen sie sich selbst?

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Die gute Nachricht zuerst: Die Wertschätzung für Menschen ab 50 ist nach Meinung der Deutschen in den letzten Jahren gestiegen – und zwar sowohl seitens der Politik als auch seitens der Wirtschaft, die die sogenannten Best Ager entweder als Mitarbeiter beschäftigt oder sie als Kunden für ihre Produkte und Dienstleistungen schätzt. In allen drei Bereichen legte die gefühlte Wertschätzung seit 2008 deutlich zu. Was Politik und Arbeitswelt betrifft, gibt es nach Ansicht der Deutschen allerdings weiterhin hohen Nachholbedarf. Dies sind aktuelle Ergebnisse einer Studie zum Thema ‚50plus‘ des GfK-Vereins, für die im Mai 2013 zum zweiten Mal rund 2.000 Menschen in Deutschland befragt wurden.

Generell finden mehr als 50 Prozent, dass Politiker und Unternehmen in Sachen Wertschätzung noch eine Schippe drauflegen können. Letztere vor allem, wenn es um die Beschäftigung von über 50-Jährigen geht. Fast 70 Prozent der Deutschen denken, dass die Wirtschaft ältere Menschen als Mitarbeiter nicht positiv genug wahrnimmt. Als Kunden dagegen sind sie durchaus von Interesse: Gut die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Älteren zumindest in der Käuferrolle hoch im Kurs stehen.

Entwicklung der Wertschätzung: Besser, aber noch nicht gut

Ob Angela Merkel zum Demografie-Gipfel lädt, die Deutsche Bahn ältere Menschen mit einem Demografie-Tarifvertrag entlastet oder das Thema Renten die Talkshows dominiert: Deutschland beschäftigt sich mit der alternden Gesellschaft, und die öffentliche Auseinandersetzung trägt offenbar Früchte. Quer durch alle Altersstufen hat sich der Eindruck verstärkt, dass ältere Menschen positiv wahrgenommen werden. Unabhängig davon, ob die Befragten noch zur Schule gehen oder selbst schon im Ruhestand sind, stimmen heute deutlich mehr Menschen als noch 2008 der Aussage zu, dass Politik und Wirtschaft die über 50-Jährigen allgemein wertschätzen.

Angesichts des wachsenden Einflusses dieser Altersgruppe scheint das auch geboten. Die Ausgaben der Haushalte mit über 50-Jährigen Haushaltsführern machten 2011 schon mehr als die Hälfte der Umsätze für tägliche Verbrauchsgüter aus – immerhin vier Prozent mehr als noch fünf Jahre vorher. Auf dem Arbeitsmarkt stellen sie mittlerweile ein Drittel der Erwerbstätigen, ein Anstieg von vier Prozent in fünf Jahren. Und die Wahlberechtigten über 50 stiegen von 2006 bis 2011 von 48 auf 51 Prozent; zur anstehenden Bundestagswahl werden es nach Angaben des Bundeswahlleiters Roderich Egeler schon 52 Prozent sein. Egal, ob in der Wahlkabine, an der Supermarktkasse oder im Job: Die Bedeutung der über 50-Jährigen wächst also seit Jahren – und die Tendenz ist weiter steigend.

Arbeitgeber: Erfahrung stärker nutzen

Dass diese Entwicklung auch Herausforderungen mit sich bringt – man denke nur an die klammen Pflegekassen – steht außer Frage. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die deutsche Bevölkerung ist der Meinung, dass die Wirtschaft viel Potenzial verschenkt. So sind 85 Prozent der Meinung, dass der Beitrag, den ältere Menschen für die Ökonomie leisten können, viel zu wenig genutzt wird. Vor fünf Jahren lag diese Zahl bei 88 Prozent – der Eindruck von den ungenutzten Talenten hat sich also kaum abgeschwächt.

Dieser Ansicht sind dabei nicht nur die Älteren selbst, die vielleicht zu früh aus dem Berufsleben ausscheiden mussten oder ab einem bestimmten Alter keine Stelle mehr finden. Auch die Befragten zwischen 14 und 49 denken kaum anders: Insgesamt 81 Prozent der Jüngeren sind sicher, dass Deutschlands Ökonomie von der Leistung und Erfahrung der Älteren stärker profitieren könnte, als sie es bislang tut.

Alt und Jung: Keine Konkurrenz im Job

Doch haben die Jungen denn gar keine Angst, dass sie selbst angesichts der steigenden Zahlen älterer Menschen zu kurz kommen? Dass „die Alten“ die Posten blockieren und jüngere Berufstätige keine Chance haben? Auf einen solchen Generationenkonflikt lassen die Zahlen keineswegs schließen. Nicht einmal jeder Fünfte vertritt die Ansicht, dass Ältere den Jüngeren früher Platz im Arbeitsleben machen sollten. Noch vor fünf Jahren wünschte sich jeder Vierte, dass Ältere ihre Posten zugunsten nachfolgender Generationen eher als bisher räumen. Bei den unter 50-Jährigen waren es sogar knapp 30 Prozent (2013: 20 Prozent).

Zur Entspannung hat sicherlich die allgemeine Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage in Deutschland beigetragen. So ist die Zahl der Arbeitslosen nach Angaben von Eurostat seit 2008 von mehr als 3,3 auf gut 2,2 Millionen Menschen gefallen. Zudem ging die Jugendarbeitslosigkeit zurück: Lag Anfang 2008 die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen bei 11,2 Prozent, lag sie im Januar dieses Jahres trotz Eurokrise nur noch bei 7,7 Prozent.

Ältere Kunden: Bitte mehr Aufmerksamkeit

„Woodstock statt Krückstock“ – unter diesem Motto stand die „agilia“, nach eigener Beschreibung eine Erlebnis-Messe für „Junggebliebene ab 50“, die kürzlich erstmals in Gelsenkirchen stattfand. Mehrere hundert Aussteller präsentierten die neuesten Produkte und Dienstleistungen für die Generation 50 plus. Und diese Messe ist nicht die einzige, die die Best Ager als attraktive Kundschaft umwirbt. Doch es reicht noch nicht, finden immer noch 56 Prozent der Deutschen. Sie sind der Ansicht, dass sich die Wirtschaft nicht ausreichend um ältere Kunden kümmert. Mit zunehmendem Alter steigt die Kritik sogar noch. Unter den über 50-Jährigen haben fast zwei Drittel das Gefühl, nicht die verdiente Aufmerksamkeit zu erhalten.

„Jedes Alter zählt“ – unter diesem Motto steht die Demografie-Strategie, die die Bundesregierung vor gut einem Jahr vorgelegt hat. Das Ziel: Dem Altern der Gesellschaft so zu begegnen, dass Risiken minimiert und Chancen genutzt werden. Diese Chancen haben die Menschen in Deutschland offenbar schon erkannt und wünschen sich deshalb, dass auch Politik und Wirtschaft älteren Menschen noch mehr Wertschätzung entgegenbringen. Die Befragten halten es da ganz mit Henry Ford. Schon er hat erkannt: „Nimm die Erfahrung und die Urteilskraft der Menschen über 50 heraus aus der Welt, und es wird nicht genug übrigbleiben, um ihren Bestand zu sichern.“


Datenquelle: GfK Verein

Für Rückfragen zu diesem Artikel stehen Ihnen Claudia Gaspar (Tel. +49 911 395-2624, E-Mail: claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Stürmer (Tel. +49 911 395-2039, E-Mail: claudia.stuermer@gfk-verein.org) vom GfK Verein zur Verfügung.