Zwischen Hoffen und Bangen

September 2009

Gäbe es eine Hitliste der meistgenutzten Wörter, so hätte das Wort „Krise“ beste Chancen auf Platz eins. Seit gut zwölf Monaten dominiert die Krise die Reden der Politiker, die Diskussionen der Wirtschaftsexperten, die Abendnachrichten. Doch was denken die Verbraucher im Land? Schlägt ihnen die Krise aufs Gemüt? Der Blick auf die Stimmungslage der letzten Monate zeigt mehr Optimismus als erwartet.

Herbst 2008: Das Bankhaus Lehmann Brothers ist kollabiert und hat die Finanzwelt mitgerissen. Hinein in eine Krise, die samt ihrer Folgen seitdem globales Dauerthema ist. Zu eben dieser Zeit sitzt eine hessische Familie eines Abends zusammen und stellt fest: Es gibt kaum mehr gute Nachrichten. Das zeigt ihre Strichliste, die akkurat alle Negativmeldungen festhält, die über den Bildschirm flimmern. Gemeinsam diskutiert man an diesem Abend darüber, wie sich die Horror-Berieselung auf die Gemüter der Nation auswirken könnte. Fazit: Sie wirkt kontraproduktiv. Es muss ein Gegenpol her. Die Idee für die Seite ‚krisenoptimisten.de’ ist geboren. Nur ein knappes Jahr später geht sie an den Start und fordert Menschen auf, online zu erzählen, warum es sich lohnt, die Zukunft optimistisch zu sehen. Auch in Krisenzeiten.

Ein Jahr nach dem Fall von Lehmann Brothers keimt wieder Hoffnung

Die Anhänger von krisenoptimisten.de sind nicht die einzigen, die Hoffnung schöpfen und verbreiten. Die Zahl derer, die ein Ende der Krise sehen, nimmt bundesweit zu. Sagten im Frühjahr nur 6 Prozent der Deutschen, das Schlimmste liege hinter uns, hat sich die Zahl nur zwei Monate später schon verdoppelt. Aktuell sind bereits 15 Prozent der Ansicht, dass es wieder aufwärts geht. Auch die Zahl derer, die immerhin ein Ende der Talfahrt annehmen, ist im selben Zeitraum von 30 auf 36 Prozent gestiegen. Umgekehrt glauben heute deutlich weniger Menschen als zuvor, dass das dicke Ende noch nachkommt. Das zeigen mehrere Umfragen des GfK Vereins.

Trotz aufkeimender Hoffnung bleibt ein gutes Viertel der Deutschen skeptisch und betrachtet die Zukunft mit bangem Blick. Ist dort wirklich Licht am Ende des Tunnels zu sehen oder – wie Gregor Gysi einmal sagte – doch nur der entgegenkommende Zug? Wie die Antwort der Verbraucher auf diese Frage ausfällt, hängt unter anderem von ihrer Herkunft ab. Im Westen fürchten heute noch 26 Prozent, dass das Schlimmste noch vor uns liegt. Im Osten sind es mit 37 Prozent deutlich mehr. Bemerkenswert dabei ist: Vor vier Monaten herrschte in dieser Frage Einigkeit zwischen Ost und West; jeweils gut 40 Prozent zeigten sich damals pessimistisch.

Die Schere zwischen Ost und West wird größer

Umgekehrt macht man sich im Westen – sicher auch bedingt durch die allgemein bessere Arbeitsmarkt-lage – schneller wieder Hoffnungen auf den Aufschwung. Das Schlimmste liegt hinter uns, sagen heute 16 Prozent – und damit 9 Prozent mehr als noch vor einigen Monaten. Im Osten breitet sich zwar auch Optimismus aus, aber mit Abstand langsamer.

Nicht nur die Herkunft, sondern auch das Alter spielt eine Rolle bei der Einschätzung zur Krisendauer. Je jünger die Menschen, desto eher sehen sie das Schlimmste bereits überstanden. Schon im Sommer lag die Zahl der Optimisten bei den unter 25-Jährigen bei 17, heute liegt sie bei 18 Prozent und damit jeweils über dem Durchschnitt. Allerdings zeigen die Ergebnisse auch, dass junge Menschen insgesamt unsicherer sind, wenn es darum geht, die aktuelle Lage einzuschätzen. Fast ein Drittel kann oder will die Frage nach dem Status Quo in der Krise nicht beantworten. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Meldungen mitunter verwirrend und widersprüchlich scheinen: Pleitefälle auf der einen Seite, frohe Botschaften aus Teilen der Automobilindustrie, mancher Wirtschaftsinstitute oder den Börsen auf der anderen. Eine Einschätzung abzugeben ist da nicht leicht. Und so bleiben 22 Prozent der jungen Befragten weiter skeptisch und sehen die Talsohle noch nicht erreicht.

Perspektiven auf die Krise: Arbeitsplatzsicherheit und Finanzspielraum entscheidend

Der Blick in die Zukunft hängt auch entscheidend von der persönlichen Situation ab. Wer sich wie derzeit rund jeder Zehnte um den Arbeitsplatz des Hauptverdieners sorgt, sieht weniger entspannt in die Zukunft. Mit 46 Prozent liegt der Anteil der Pessimisten hier deutlich über dem Durchschnitt. Nur knapp 10 Prozent schenken den positiven Meldungen Glauben und meinen, dass die Talsohle bereits durchschritten ist. Damit hat sich dieser Wert seit dem Frühjahr zwar leicht verbessert, jedoch weit weniger stark als bei denjenigen, die den Arbeitsplatz des Hauptverdieners als relativ sicher einstufen. Der Anteil der Optimisten hat sich in dieser Gruppe seit dem Frühjahr von 7 auf 17 Prozent mehr als verdoppelt und nur jeder Vierte befürchtet zurzeit noch eine weitere Talfahrt der Wirtschaft.

Genauso gilt: Je besser die finanzielle Lage, desto optimistischer fallen die Antworten aus und umso schneller macht sich Hoffnung breit. Im Frühjahr sahen 38 Prozent der gutsituierten Befragten das dicke Ende auf uns zukommen. Heute sind es 22 Prozent und damit fast um die Hälfte weniger. Zum Vergleich: In der Gruppe der Befragten mit niedrigerem Einkommen fiel der Wert weniger stark von 48 auf 39 Prozent. Wer finanziell besser gestellt ist, schlägt sich auch eher auf die Seite der Optimisten. Während Menschen in schwieriger wirtschaftlicher Lage nur zu 10 Prozent sagen, dass das Schlimmste bereits überstanden ist, sind es bei den Gutsituierten mehr als doppelt so viele.

Damit schließt sich diese Gruppe den Wirtschaftsinstituten an, die in den letzten Wochen für positivere Schlagzeilen sorgten. Im August kletterte der ifo-Geschäftsklimaindex auf seinen höchsten Wert seit 12 Jahren, und auch andere Indikatoren weisen nach oben. Auch die Arbeitslosigkeit ist durch die Kurzarbeit bislang weniger stark gestiegen als befürchtet. Die Krisenoptimisten, die in Hessen an den Start gingen, wird es freuen. Auch wenn noch nicht abzusehen ist, wann die Kehrtwende wirklich geschafft ist, weigern sie sich, vor schlechten Nachrichten zu kapitulieren. Oder, wie es eine junge Frau auf krisenoptimisten.de ausdrückt: Es bedarf keines Mutes, skeptisch zu sein, aber es bedarf Mut, um an sich zu glauben.


Datenquellen: GfK Verein (Omnibusumfragen: Mai/Juni 2009, Juli/August 2009 und August/September 2009)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org