Bio, Skandale und Einsicht

März 2011

Herr Gutberlet, immer wieder schockieren Lebensmittelskandale – wie zuletzt der Dioxinskandal – die Menschen. Beobachten Sie nach solchen Schlagzeilen ein verändertes Nachfrageverhalten, oder nehmen es die Verbraucher eher gelassen?

Ja, wir merken das. Sowohl in der Kommunikation mit uns als auch an den Umsätzen. Dabei kommt es natürlich darauf an wie lokal begrenzt oder verbreitet der Auslöser ist. Aber beim jüngsten Dioxinskandal hat man schon deutlich gemerkt, dass die Menschen versuchen auszuweichen. Entweder durch Verzicht oder durch Alternativen. Allerdings halten solche angstgetriebenen Veränderungen nicht lange an. Was nicht aus Einsicht passiert sondern aus Angst hat keine Stabilität.

Skandale aufgrund unlauterer oder gar krimineller Machenschaften lassen sich schwerlich ganz vermeiden. Doch Verbraucherschützer bemängeln ja durchaus auch sogenannte ‚legale Täuschungen‘ der Anbieter z.B. durch verwirrende oder undurchsichtige Deklarationen. Teilen Sie diese Meinung?

Zunächst zum ersten Teil der Frage: Bio-Produkte gehören zu den kontrolliertesten Waren. Doch gegen bewusste Täuschung ist man nie ganz gefeit. Ein Beispiel: Der 100-Euro-Schein wird noch stärker kontrolliert als Lebensmittel – trotzdem kann man im Einzelfall an eine Fälschung geraten.
Der zweite Teil der Frage erfordert eine differenziertere Antwort: Zunächst ist festzustellen, dass wir heutzutage gleichzeitig hohe Forderungen an gute Qualität und an einen guten Preis erfüllen müssen. Daraus kann für manchen Hersteller existenzielle Bedrängnis resultieren, die ihn zur Täuschung durch eine Minderung der Qualität verleitet. Natürlich ist das nicht zu rechtfertigen. Aber solche Entscheidungen entstehen durch diese Stress-Situation, Preis- und Qualitätsversprechen unter einen Hut zu bringen. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: ‚Der Hehler ist schlimmer als der Stehler‘.
Aber auch unser Sicherheitsbedürfnis kann problematisch für die Qualität eines Lebensmittels sein. Teilweise sind die Sicherheitsmaßnahmen und -bestimmungen so hoch, dass Nahrungsmittel ihren natürlichen Gesundheitswert im Verarbeitungsprozess verlieren. Manches muss so lange filtriert und gekocht werden, dass am Ende die verloren gegangenen Vitamine und Mineralstoffe wieder zugesetzt werden müssen.
Man darf aber auch nicht übersehen, dass die Anklagen der Verbraucherschützer manchmal einfach überzogen sind. Natürlich ist es im Sinne ihrer Arbeit wichtig, dass Geschichten entstehen, die Aufmerksamkeit einbringen. Doch dabei kommt es auch zu pauschalisierten Aussagen.
Meiner Ansicht nach sollte man Pauschalurteile über ungesunde Lebensmittel aber vermeiden. Es geht in der Regel nicht um ein ‚entweder – oder‘, sondern um die Frage des richtigen Maßes. Die Menschen müssen lernen mit Dingen umzugehen. Beispiel: Auch ein Stück Schokolade kann manchmal sehr gut für Sie sein – sowohl psychisch als auch physisch.

Aufklärung der Verbraucher oder eine stärkere Reglementierung der Anbieter: Was ist aus Ihrer Sicht das bessere Rezept, um die Qualität von Lebensmittel zu sichern oder sogar zu verbessern?

Reglementieren halte ich grundsätzlich für falsch. Selten wird damit etwas erreicht. Stattdessen fördert es meist die Kriminalität. Das bessere Rezept sind Wille und Einsicht der Menschen. Dafür ist Aufklärung wichtig. Besonders wichtig aber ist die Erziehung: Kinder müssen die richtigen Gewohnheiten und den Willen erlernen, sich gesund zu ernähren.

“Die Waffe des Konsumenten ist sein Geld”, hat Cora Orlamünder, Autorin des Buchs “Du bist, was Du isst. Wissen wir noch, wer wir sind?” in einem Interview gesagt. Können – oder könnten – die deutschen Verbraucher durch höhere Ausgaben für Lebensmittel und mehr Achtsamkeit tatsächlich sicher stellen, hochwertigere Lebensmittel auf dem Teller zu haben? Und was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Grundregeln?

Meines Erachtens geht es nicht in erster Linie um Geld, sondern um Bildung und Bewusstsein. Die Hauptaufgabe des Menschen ist es, sich Gedanken zu machen und das Leben bewusst zu gestalten. Außerdem ziehe ich den Begriff ‚Auswahl‘ dem der ‚Waffe‘ vor. Konkret: Der Kunde bestimmt das Lebensmittelangebot über seine Auswahl. Dabei trifft er erstens eine wichtige Entscheidung für sich selbst, seinen Körper, sein Wohlbefinden, seine Gesundheit. Zweitens trifft er damit eine soziale Entscheidung, weil er so mitbestimmt, welche Lebensmittel sich auf dem Markt durchsetzen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Halten Sie selbst es für sinnvoll und möglich sich weitgehend durch reine Bio-Produkte zu ernähren?

Ganz bestimmt: Denn das mache ich selbst. Ich mag gar nichts anderes mehr essen. Wenn man wach für etwas ist, schmeckt man anders, nimmt anders wahr. Ich nehme meine Lebensmittel sogar mit auf die Reise. Damit ich auch dann weiß, was ich esse. Bio ist aus meiner Sicht nicht einfach eine Ware. Viele Menschen sehen Bio viel zu materialistisch. Für mich ist Bio ein Prozess, eine Beziehung – ein Geben und Nehmen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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