Cologne Business School / Nachhaltigkeit

Oktober 2011

Herr Professor Fifka, die meisten Menschen in Deutschland haben den Begriff Nachhaltigkeit schon einmal gehört. Doch die Definition dessen, was genau damit gemeint ist, fällt manchen Verbrauchern eher schwer. Wie definieren Sie den Begriff?

Die Definition von Nachhaltigkeit ist in der Tat sehr uneinheitlich. Weder in der Wissenschaft noch in der Unternehmenspraxis gibt es ein einheitliches Begriffsverständnis. Zudem wurde „Nachhaltigkeit“ in den letzten Jahren als „Gummibegriff“ inflationär in allen Bereichen ge- und auch missbraucht, was die Konturen des Begriffs hat verschwimmen lassen. Zumeist wird unter „Nachhaltigkeit“ heute noch Umweltschutz verstanden. Doch hat der Begriff neben dieser ökologischen auch eine soziale und eine ökonomische Komponente, weshalb auch von „people, planet, profit“ oder den drei „Säulen“ der Nachhaltigkeit gesprochen wird. Neben dieser inhaltlichen ist auch die zeitliche Dimension sehr wichtig, wobei die Generationengerechtigkeit im Vordergrund steht. Wie die Brundlandt-Kommission der UN in ihrem bekannten Bericht von 1987 feststellte, muss es darum gehen, dass die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse befriedigen, ohne dabei die Möglichkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Nachhaltigkeit lässt sich also definieren als übergeordnetes Prinzip, das den kurz- und langfristig verantwortungsvollen Umgang mit allen Ressourcen verlangt – egal ob sozial, ökologisch oder ökonomisch.

Viele Unternehmen in Deutschland schreiben sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne – sie engagieren sich für die Umwelt oder für soziale Projekte. Trägt der Einsatz für Nachhaltigkeit auch ökonomische Früchte?

Häufig wird mit Nachhaltigkeit eine Kostenbelastung assoziiert. Das ist jedoch zu kurz gedacht. Nachhaltigkeit bedeutet die Einbeziehung ökologischer und sozialer Zielsetzungen – neben den wirtschaftlichen – ins Kerngeschäft des Unternehmens. Das heißt nicht, dass darüber hinausgehendes soziales oder ökologisches Engagement nicht wünschenswert wäre, aber es geht eben nicht in erster Linie um die gelegentliche Spende an die freiwillige Feuerwehr oder einen Umweltschutzverband. Durch die strategische Einbindung sozialer und ökologischer Überlegungen kann nicht nur ein Mehrwert für die Gesellschaft, sondern auch für das Unternehmen geschaffen werden. Genannt werden kann z.B. die Reduktion von Kosten durch Ressourceneinsparungen, die Gewinnung neuer Kundengruppen durch ökologisch verträgliche Produkte oder die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitern. Zahlreiche Studien haben gezeigt, was nicht verwundert, dass Menschen wesentlich lieber und mit mehr Einsatz für Unternehmen arbeiten, in denen ökologische und soziale Aspekte einen hohen Stellenwert genießen.

Im Februar 2011 habilitierten Sie mit einer Arbeit zum gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen in Deutschland und den USA. Gibt es Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Verbrauchern, was die Bedeutung von CSR-Aktivitäten von Unternehmen betrifft? Und engagieren sich deutsche Unternehmen anders (stärker oder schwächer) als amerikanische in diesem Bereich?

Was das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen als einen Teil von Nachhaltigkeit betrifft, gibt es tatsächlich große Unterschiede zwischen Deutschland und den USA. In Deutschland herrscht noch immer ein sehr großes Misstrauen gegenüber freiwilligem Engagement von Unternehmen. Es wird häufig als unehrlich und als bloße Selbstdarstellung wahrgenommen, vor allem dann, wenn Unternehmen darüber öffentlich berichten. In den USA ist es, aus der religiösen und gesellschaftlichen Tradition des Landes heraus, unproblematisch, wenn jemand etwas Gutes tut und darüber auch spricht oder davon profitiert. Zudem herrscht in Deutschland eine starke Staatszentrierung vor. Besonders das Lösen sozialer Probleme wird dementsprechend als staatliche Aufgabe gesehen, in die es die Unternehmen gesetzlich einzubinden gilt, was wenig Raum für freiwilliges Engagement lässt. Im liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der USA mit einem eher zurückhaltenden Staat ist das anders. Hier wird von Unternehmen aufgrund des nur schwachen Sozialsystems geradezu erwartet, dass sie sich freiwillig engagieren. Dabei agieren amerikanische Unternehmen häufig im Verbund mit anderen Unternehmen, mit Organisationen aus der Zivilgesellschaft und auch staatlichen Akteuren. In Deutschland finden CSR-Aktivitäten häufig noch als „Einzelkämpfertum“ statt. Wir hegen die Vorstellung, dass die drei Sektoren der Gesellschaft – Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – unterschiedliche Aufgaben haben, die sie getrennt voneinander erledigen. Vor allem aufgrund der abnehmenden Leistungsfähigkeit des Sozialstaats, die uns tagtäglich – man denke etwa an das Gesundheitssystem oder die Renten – vor Augen geführt wird, müssen wir diese Vorstellung aber überwinden. Es müssen neue Modelle entwickelt werden, wie gesellschaftliche Aufgaben gemeinsam im Verbund wahrgenommen werden können, um die nachhaltige Versorgung der Bevölkerung in allen Bereichen auch in Zukunft sicherzustellen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Hier geht es zur Homepage des Dr. Jürgen Meyer Stiftungslehrstuhls für Internationale Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit an der Cologne Business School