ifo Institut / zum Stand der Krise

Juni 2009

Herr Dr. Nerb, der ifo-Geschäftsklimaindex zeichnet mitten in der Krise ein vorsichtig optimistisches Bild. Ist aus Ihrer Sicht ein Ende der Krise nahe?

Der ifo Geschäftsklimaindikator ist im April, Mai und Juni gestiegen. Nach der sogenannten „Dreier-Regel“ sind wir nun nahe am unteren konjunkturellen Wendepunkt angelangt. Dies ist zwar erfreulich, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das wirtschaftliche Aktivitäts-Niveau noch lange sehr schlecht sein wird. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie lag zuletzt bei 71,5 Prozent, was rund 14 Prozentpunkte unter einer Normalauslastung ist. Mehr als die Hälfte der Industriefirmen halten ihre technischen Kapazitäten und auch ihren Personalbestand im Hinblick auf die voraussichtliche Nachfrageentwicklung in den nächsten zwölf Monaten für zu groß. Es wird daher voraussichtlich ein sehr lang gezogener konjunktureller Erholungsprozess sein, der bis Mitte 2010 wohl sogar mit steigender Arbeitslosigkeit verbunden sein wird, auch wenn Produktion und Umsätze in der Wirtschaft bereits steigen.

Welche Branchen werden sich Ihrer Ansicht nach schneller erholen? Bei welchen dauert es länger, bis die Trendwende kommt?

Die Industrie, speziell die exportintensiven Branchen, gehören diesmal zu den konjunkturellen Verlierern. Da die Unternehmen weltweit erst dann wieder stärker investieren werden, wenn sich ihre Ertragssituation nachhaltig gebessert hat, werden Deutschlands Starbranchen – wie etwa der Maschinenbau – die zum Teil Exportquoten von über 70 Prozent aufweisen, nur langsam aus der Krise herauswachsen. Nun darf man aber bei gesamtwirtschaftlicher Betrachtung nicht vergessen, dass auf die Industrie insgesamt nur etwa ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts und der Gesamtbeschäftigung entfällt. Außerhalb der Industrie, ist die konjunkturelle Situation heute meist deutlich weniger schlecht. So ist derzeit das ifo Geschäftsklima im Einzelhandel und in der Bauwirtschaft wesentlich weniger ungünstig als auf dem Höhepunkt der vorangegangenen Rezession 2002/2003. Im Durchschnitt der Dienstleistungsbranchen liegt der Geschäftsklimaindikator heute in etwa auf dem vorangegangenen Rezessionsniveau 2002/2003, während er in der Industrie deutlich den vorangegangen Rezessionswert unterschreitet. Da die Weltwirtschaft nur langsam Fahrt aufnehmen wird, könnte diesmal die konjunkturelle Erholung in Deutschland – ähnlich wie schon einmal 1985/1986, als ein gesunkener Energiepreis den Verbrauchern Luft für anderweitigen Konsum verschaffte – mehr von der Konsumseite kommen.

Was unterscheidet die aktuelle Situation von früheren Wirtschaftskrisen? Wo gibt es Parallelen?

Wie bereits angesprochen, ist die derzeitige Wirtschaftskrise vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Realwirtschaft nahezu überall in der Welt gleichzeitig ab Herbst letzten Jahres in die Rezession gerutscht ist. Schuld daran war die globale Finanzkrise. Der Welthandel dürfte in diesem Jahr um über zehn Prozent zurückgehen. Leidtragende sind alle exportorientierten Unternehmen, vor allem solche aus den Investitionsgüterbranchen wie Maschinenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik, da die Investitionen erst dann wieder weltweit stärker in Fahrt kommen, wenn die riesigen Kapazitätsreserven im Zuge der Nachfrageerholung wieder absorbiert sind. In früheren Konjunkturabschwüngen gab es meist große regionale Unterschiede. Eine „Konjunkturschaukel“, also eine beginnende konjunkturelle Erholung beispielsweise in den USA, wenn in Europa der Abschwung erst richtig einsetzte, ermöglichte es den Unternehmen damals ihre Exporte regional zu differenzieren. Dies ist diesmal wesentlich weniger möglich, da alle Regionen der Welt in die Rezession hineingezogen wurden. Erst ab Ende 2010/2011 wird auch für die vielen deutschen Investitionsgüteranbieter die konjunkturelle Welt wieder freundlicher aussehen.

Wo werden wir, wo wird die deutsche Wirtschaft aus Ihrer Sicht im Jahr 2020 stehen?

In den nächsten zehn Jahren wird in Deutschland das Wirtschaftswachstum im Jahresdurchschnitt bei 1,5 Prozent liegen, während es noch in den vorangegangen zehn Jahren im Durchschnitt um einen guten halben Prozentpunkt höher lag. Grund hierfür ist das relativ langsame Herauswachsen aus der Wirtschaftskrise in den nächsten zwei Jahren und der sich zunehmend bemerkbar machende Bevölkerungsrückgang. Dieser bremst sowohl auf der Nachfrageseite wie auch auf der Angebotsseite, hier in Form eines sich dann wieder verstärkenden Fachkräftemangels. Der bereits in der Vergangenheit festzustellende Trend zur Tertiarisierung wird sich weiter fortsetzen, so dass der Dienstleistungssektor (zum Beispiel der Gesundheitssektor, aber auch wissensbasierte Dienstleistungen, wie etwa Forschung und Entwicklung (F&E), Ausbildung, Unternehmensberatung, Zertifizierung, Informations- und Kommunikationsdienstleistungen, Rechtsberatende Dienste (inklusive intellektuelle Eigentumsrechte), Finanzierung und Marketingdienste) zu den Strukturgewinnern gehören wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Juni 2009

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