Institut für Marketing der Uni Münster / Social Media

Juli 2010

Herr Professor Krafft, 1,3 Milliarden Besuche verzeichneten die größten Social Media-Portale in Deutschland allein im ersten Quartal 2010. Was fasziniert Ihrer Meinung nach Menschen an sozialen Netzwerken im Internet?

Zum einen ist es außerordentlich einfach, auch für den nicht Eingeweihten, mit diesen Medien umzugehen. Man lernt schnell, wie es funktioniert und kann sofort sein eigenes Profil hinterlegen. Zum anderen fasziniert die unglaubliche Dynamik. Man kann sich in Echtzeit weltweit mit anderen austauschen. Klatsch und Tratsch finden dann in anderer Form im virtuellen Raum statt. Ausgestattet mit einem entsprechenden mobilen Gerät können Sie selbst beim Segelturn alle Welt daran teilhaben lassen, wenn sie gerade einen dicken Fisch gefangen haben. Soziale Medien bieten somit eine Transparenz und Selbstdarstellungsmöglichkeiten, die früher undenkbar waren. Dabei ist gleichzeitig eine gewisse Anonymität möglich, die einem die Freiheit gibt, sich so darzustellen, wie man gerne gesehen werden möchte. Man hat so die Möglichkeit, zu schauspielern oder zumindest nur seine Schokoladenseiten zu zeigen – es sei denn, andere kommentieren die eigene Darstellung. Diesbezüglich können soziale Netzwerke auch recht gnadenlos sein. Doch auch das macht für manche vielleicht einen gewissen Reiz aus. Alles in allem erinnern soziale Netzwerke irgendwie auch an eine Art Spielplatz.

Wie schätzen Sie das Potenzial für Unternehmen in Deutschland ein, Social Media-Plattformen für Ihre Marketingaktivitäten zu nutzen?

Grundsätzlich lässt sich großes Potenzial erahnen. Deutlich wird das unter anderem daran, dass fast alle großen Unternehmen bereits in den Netzwerken zu finden sind. Wie hoch genau das Potenzial ist, ist schwer zu beziffern. Wichtiger ist jedoch: Social Media-Plattformen bieten inhaltlich neue Möglichkeiten, die es früher so nicht gab. Sowohl Kundenmanagement als auch werbliche Ansprache sind über soziale Netzwerke wesentlich dialogorientierter und punktgenauer möglich. Oder denken Sie an die Chance der Co-Creation, wenn Unternehmen mit den Kunden gemeinsam neue Produkte entwickeln. Das heißt, man lernt mit und von seinen Kunden. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten. Zum Beispiel kann man soziale Netzwerke auch für das Recruiting nutzen – ich selbst mache das auch. Kollegen von mir wiederum haben ein neues Lehrbuch über facebook lanciert, indem sie sofort nach der Publikation eine Fanseite dafür eingerichtet haben. Für die qualitative Marktforschung sind die sozialen Netzwerke übrigens eine ernst zu nehmende Konkurrenz. Sie brauchen in manchen Fällen praktisch keine Fokusgruppen mehr, sondern können bereits durch aufmerksames Beobachten im Netz lernen. Allerdings mangelt es dabei an der Repräsentativität der Ergebnisse.

Und welche Regeln sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach beachten, damit das „digitale Miteinander“ funktioniert?

Offizielle Regeln gibt es eigentlich kaum. Doch zwei Hygienefaktoren sollten meines Erachtens unbedingt erfüllt werden:

Manipulierendes Eingreifen oder Zensur sind Tabu. Communities sind da sehr empfindlich. Erfundene Profile etwa können ganz schnell als Schuss nach hinten losgehen. Den Makel der Unglaubwürdigkeit wird man im Netz so gut wie gar nicht wieder los.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Datenschutz ist ebenfalls ein absolutes Muss. Auch hier gilt: Nicht nur gute Nachrichten verbreiten sich im Internet schnell und anhaltend.

Alles in allem empfehle ich Unternehmen ein seriöses, zurückhaltendes Auftreten.

Zuletzt noch eine persönliche Frage: Sind Sie selbst in sozialen Netzwerken aktiv? Falls ja, was gefällt Ihnen persönlich am besten daran? Und was mögen Sie nicht?

Ich bin eher ein zurückhaltender Netzwerker – verhalte mich meist passiv und fahre sozusagen mit angezogener Handbremse. Ich nutze facebook, stayfriends und plaxo vor allen Dingen, um mit Kollegen in Kontakt zu bleiben. Schwierig daran finde ich, dass diese Netzwerke regelrechte Zeitfresser sind. Man kann sich ganz schnell darin verlieren. Man klickt ein wenig hin und her und vergisst dabei die Zeit. Der Fachbegriff dafür heißt ‚Flow-Phänomen‘. Man glaubt, man hätte eine halbe Stunde verbracht – und in Wirklichkeit waren es 1,5 Stunden. Aber genau das ist dann auch wieder das Faszinierende daran: Es wird nie langweilig, sondern macht einfach viel Spaß.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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