Niels Holger Wien / Textiltrends

Juli 2015

Herr Wien, in einem Interview war zu lesen, dass Sie sich während Ihres Modestudiums u.a. damit beschäftigt haben, welche Farbe für welches Geschlecht erlaubt ist und warum. Erzählen Sie uns ein wenig darüber?

Das ist eine gute Frage, denn das was ich damals dazu gefunden habe, ist heute sehr aktuell – obwohl vor über zwanzig Jahren geschrieben. Entstanden ist die Arbeit 1993/1994 an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle unter Betreuung der Professoren Thomas Greis, Joachim Schielicke, und dem Philosophen Dr. Klaus-Peter Noack. Der Titel meiner Diplomarbeit ist: „ Aufforderung zum Anderssein, eine subjektive Bestandsaufnahme zum Androgynen“. Es gab deutliche Tendenzen in der  Popkultur der 90er Jahre, die Abgrenzung in zu harten Geschlechterrollen aufzulösen. Im Fazit meiner Diplomarbeit hatte ich das so formuliert: „ANDERS SEIN heißt nicht, eine andere Identität neuer Kleider anzunehmen, sondern die Kluft zwischen den Sphären des männlichen und weiblichen schließen zu helfen. Es geht dabei aber nicht um ein Gleichmachen, sondern gegen die Klischees, die als ‘natürlich’ maskiert einherkommen. Damit jeder/jede nicht eine spezifische Rolle ausfüllen muss, sondern seine persönliche Besonderheit einbringen kann. Es ist einfach ein Plädoyer für Menschlichkeit.“

Das Ergebnis meiner Diplomarbeit zeigt, dass die Bilder vom Weiblichen und Männlichen und allem dazwischen in unserer Kultur immer im Wandel waren. Es gab in der Modegeschichte Entwicklungen, die uns heute geradezu bizarr vorkommen – denken wir an Barock und Rokoko, als Männer Seidenstrümpfe und Perücken trugen und auch noch stark geschminkt waren, also farbiger waren als jeder Pfau.  So einen Auftritt würde man heute nur in der Haute Couture, in einem Theaterstück oder in der Travestie finden. Zu dieser Zeit war es aber normal und das zeigt doch wie stark sich diese Bilder immer wieder verändert haben.

Man spürt heute schon einen Ansturm der jungen Generation gegen die Konventionalität. Sie setzt sich zunehmend von diesen klaren, unbunten, unkreativen Rollenklischees ab und probiert neue Dinge aus. Das hat etwas mit veränderten Selbstbildern und überkommenen gesellschaftlichen Konventionen zu tun.  

Natürlich gab in der Kulturgeschichte der Mode eine Konvention von Farben. Von der Antike an war das Tragen von Purpur ein Vorrecht der Kaiser und später auch der Kirchenfürsten. Bis zum 16./17. Jahrhundert, gab es klare Farbregeln für die Stände und nur Adlige und Kirche hatten das Vorrecht kräftige Farben und eben Purpur zu tragen.

Mit der Französischen Revolution 1789, gab es den stärksten Bruch von Mode und Farben. Die Revolutionäre trugen lange Hosen und nannten sich „Sansculottes“, ohne Kniehosen wie sie der Adel trug. Aus diesem Bruch entstand der Männeranzug, wie wir ihn heute kennen – und die Farbe Schwarz mit ihrer Ernsthaftigkeit wurde das Zeichen für das neutrale, zurückhaltende Männliche. Farben in ihrer Vielfalt blieben den Frauen vorbehalten, als ausgestellte Blüte an seiner Seite. Die Farbe Schwarz hat sich aus dieser Entwicklung bis heute als ein männliches Klischee in der Businessmode manifestiert.

Wenn man sich heute auf der Straße umsieht, hat man den Eindruck, eine strikte Geschlechtertrennung gibt es nicht mehr in der Mode. Stimmt dieser Eindruck? Wie sehen Sie die Situation heute?

Es gibt heute keine generelle gesellschaftliche Konvention der Geschlechter mehr – ich denke, das für alle Menschen, die offen sind für die vielfältigen Selbstbilder und für kulturelle Vielfalt. Rollenbilder werden immer offener, auch mit der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen, die heute in fast jedem Freundeskreis vorkommen. Damit wird auch die Akzeptanz für Menschen immer größer, die scheinbar anders sind und nicht herkömmlichen Rollenklischees entsprechen, In der Mode zeigt sich diese Entwicklung in mehr Vielfalt und Individualität. Das finde ich sehr wichtig.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass jeder Trend irgendwann wiederkommt und man nur lange genug warten muss, bis man bestimmte Farben und Schnitte wieder tragen kann. Stimmt das in Ihren Augen?

Das Trend-System von Mode, wie wir es kennen, gibt es erst seit Mitte der 60er Jahre mit dem Entstehen von Prêt-à-porter. Vorher gab es keine massenhafte Industrieware, sondern nur Kleidung vom Schneider oder Couturier. Trends und saisonaler Wandel sind noch gar nicht so alt. Heute ist das Leben aber so sehr von schnelllebigen  Bildwelten und Phantasien bestimmt, dass es ziemlich ausgeschlossen ist das etwas wie im Original wiederkommt. Wenn Stilelemente aus einer anderen Epoche zitiert werden, funktionieren sie ja nie wie in ihrer Zeit, sondern sind eingebettet in die heutige Kultur. Auch wenn die Modepresse behauptet, die Hippie Flower Power der 70er Jahre sei zurück, hat das nichts mit unserer urbanen Realität zu tun. Wir leben in keiner Hipppie Bewegung, unsere gesellschaftlichen Umstände sind heute ganz anders. Versatzstücke der 70ies gehen in der Remix-Bilderwelt unserer digitalen Kultur auf. Tapeten, mit opulenten Mustern und reizvollen Oberflächen, die heute wieder auftauchen, zeigen eine Sehnsucht nach Dekoration und sind auch Gegenbewegung zur perfekten digitalen Welt.

Online-Shops spielen für den Vertrieb von Mode eine wachsende Rolle. Wie haben Sie die Entwicklung in den letzten Jahren erlebt? Was hat sich dadurch verändert?

Ich erlebe die Entwicklung mit dem Onlinehandel als sehr positiv. Der Onlinehandel erlaubt einen direkten Zugriff auf Diversität von Mode. Wir verfügen beim Einkaufen über eine größere Vielfalt und Internationalität, ohne in die großen Einkaufszentren zu gehen. Als Modebeobachter schlagen aber zwei Herzen in meiner Brust. Es geht darum, wie analog und online vernetzt werden können. Beide Bereiche schließen sich nicht aus, sondern benötigen und ergänzen einander. Für die sinnliche Erfahrung der Mode, ist analoges Shopping notwendig. Das positivste am Online-Geschäft ist der breite Zugang  zur Mode jederzeit und überall, Vielfalt und Diversität sollten positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben.   

Allerdings macht der Übergang auch ganz viele Probleme, nicht für alle haben gleichen Zugang auf das Internet. Außerdem reicht es nicht mehr aus, nur Mode zu verkaufen. Verkaufende von heute müssen viel mehr über Mode wissen und Kunden informieren können. Sie müssen über Materialien, ihre Herkunft und die Fertigung Bescheid wissen. Wo kommt das Zeug her, unter welchen Bedingungen wird es produziert, ist es vertretbar für unsere Umwelt. Mit der digitalen Vernetzung ist die Möglichkeit zur Information immer größer – für alle Beteiligten am Modeleben – und es wird unmöglich zu sagen: ‚Tut mir leid, das habe ich nicht gewusst’.

Und welche Bedeutung hat das Internet für Ihre eigene  Arbeit als Trendexperte?

Das Internet ist ein sehr positiver Öffnungsaspekt für meine Arbeit, ich kann über viel, viel mehr Information direkter und schneller verfügen. Auf der anderen Seite ist es so viel Information, dass ich entscheiden muss, welche ich an mich heranlasse. Ich muss intensiver und bewusster filtern. Und dann gibt es für mich auch noch eine Pflicht Informationen zu überprüfen, auf Realität und Wahrhaftigkeit. Früher galten die Nachrichten aus analogen Kanälen mit ihrer Publikation per se als wahr, wir hatten eine Art Gewissheit und Vertrauen. Heute erleben wir das anders. Wir können Information und ihre Quellen in analogen und digitalen Medien prüfen, vergleichen.

Für uns Mode- und Trendforschende bedeutet Netzkultur mehr Vielfalt, mehr Information, mehr Tiefe. Ich kann mir zum Beispiel nicht nur die Fashionweeks in Paris, London oder Berlin anschauen, sondern über das Web weltweit auch die Fashionweeks in Manila, Tokio oder Sao Paulo. Der Zugang zu anderen Kulturen kommt uns  viel näher und auch die Vermischung omni-kultureller Einflüsse in der Mode nimmt zu – ich bin für die Inspiration von Ideen nicht auf unseren europäischen Kulturkanon beschränkt.

Eine große Illusion bei aller Beschleunigung und Vielfalt ist die vom Immer-Mehr – immer mehr schaffen, können, konsumieren. Mein digitaler Tag bleibt genauso lang wie der analoge und deshalb kann das nicht funktionieren.

Zuletzt noch eine persönliche Frage: Gibt es Farben, die Sie persönlich besonders lieben, auch wenn sie vielleicht nicht dem Trend entsprechen? Was zeichnet diese Farben aus?

Rot und Grün am Ende? Sie haben recht, rot hat sich zu einer Lieblingsfarbe entwickelt. ABER Ich würde mich nie auf eine Farbe festnageln lassen. Was das betrifft, bin ich meinem Forschungsgebiet der Farben und Trends sehr treu. Wandel und das Andere, das Besondere ziehen mich an und inspirieren. Aber eine Vorliebe habe ich doch: Ich mag die diffizileren, leuchtenden Zwischentöne lieber als dunkle, trübe Farben: also zum Beispiel das leuchtende Magnolienrot, oder frisches Cantaloupmelonenorange, oder das besondere Jadetürkisgrün. Ich mag es wenn Farben Charakter haben.

Wieviele Farbmuster haben Sie?

Kann ich kaum schätzen. Ich kann nur sagen, wie viele Kartons ich im Atelier habe, aber unmöglich wie viele Farbmuster in jeder Box – etwa 50 Kartons mit Farbmustern, zum Teil thematisch oder chromatisch sortiert. Darin findet man alle möglichen Arten von Materialien: Textil, Papier, Plastik, Leder, einen Gummihandschuh oder auch Baumrinde. Farbe ist ja immer etwas Physisches und an ein Material gebunden.

In meinem Atelier gibt es dazu auch eine Mikroausstellung mit aktuellen Fundstücken, da steht gerade eine gelbe Installation.

 

Vielen Dank für das Gespräch!