Stiftung für Zukunftsfragen / Demografischer Wandel

April 2012

Herr Professor Reinhardt, der demographische Wandel in Deutschland führt neben einer Veränderung der Altersstruktur auch zu einer Veränderung der Haushaltsstrukturen in Deutschland. Welche Herausforderungen sehen Sie vor diesem Hintergrund für die Zukunft Deutschlands?

Die Herausforderungen sind zahlreich und umfassen nahezu jeden Bereich unseres Lebens. Beispielsweise müssen Stadtentwickler das Bedürfnis nach kleineren Wohneinheiten berücksichtigen, die Konsumgüterindustrie muss erkennen, dass Rentner zu Trendnern werden, Politiker werden vor der Entscheidung stehen, Geld für Kitas oder Altersheime bereitzustellen und Arbeitgeber werden wieder Arbeitnehmer mit 55, 60 oder 65 Jahren einstellen, weil schlichtweg nicht genügend junge Arbeitskräfte verfügbar sind.

Deutliche regionale Unterschiede zwischen Ballungsräumen und kinderreicheren ländlichen Gegenden prägen heute schon die demografische Landkarte Deutschlands. Welche strukturellen Auswirkungen kommen aus Ihrer Sicht damit auf uns zu und wie könnte man diesen begegnen?

Die Anzahl an Single- und Zweipersonenhaushalten wird sowohl in Ballungsgebieten als auch auf dem Land zweifellos ansteigen. Eine Kernherausforderung wird in diesem Zusammenhang die Bezahlbarkeit von innerstädtischem Wohnraum für Familien und die (Re-)Attraktivierung von ländlichen Regionen für kinderlose- und ältere Mitbürger sein. Ruheständler, Alleinstehende und Paare wählen zunehmend ein Leben der kurze Wege in den Zentren der Städte – mit abwechslungsreichen Kulturangeboten, einer guten ärztlichen Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten sowie Cafés und Restaurants direkt vor der Haustür. Gleichzeitig ziehen die Familien an den Stadtrand oder aufs Land, müssen aber mobil bleiben, um zwischen Arbeitsplatz, Freizeitangeboten und Wohnumfeld pendeln zu können. Wichtig wäre es, die bisherige Durchmischung zumindest aufrechtzuerhalten, damit die gewachsenen Strukturen erhalten bleiben können und diese sich im Idealfall dann schrittweise ausbauen lassen.

Deutschland rangiert sowohl bei der Geburtenquote als auch bei der Beurteilung der Kinderfreundlichkeit im europäischen Vergleich weit hinten. In Ihrer Studie „Warum die Deutschen keine Kinder bekommen“ haben Sie unter anderem Lösungsansätze der Bürger untersucht. Welche Maßnahmen halten Sie für am meisten Erfolg versprechend?

Derzeit hält lediglich jeder fünfte Deutsche unser Land für kinderfreundlich. Dieser Wert gibt Anlass zur Sorge. Gleichwohl nennen die Bürger zahlreiche Vorschläge zur Verbesserung der Situation. So fordert z.B. die Mehrheit der Bundesbürger mehr staatliche Unterstützung für Familien sowie – und dieses halte ich persönlich für interessant – mehr staatliche Unterstützung für familienfreundliche Unternehmen. Daneben gibt ebenfalls mehr als die Hälfte der Befragten an, mit familienfreundlichen Firmen zu sympathisieren und deren Produkte eher zu kaufen. Wenn also Unternehmen erkennen, welche Chancen Familienfreundlichkeit hat – sowohl für die Mitarbeiterakquise als auch für das Marketing – und die Politik ihren Beitrag leistet, dann wird die Familienfreundlichkeit in Deutschland sicher wieder zunehmen.

Verraten Sie uns, wie Sie persönlich sich das Leben im Jahr 2030 vorstellen?

Meine Frau und ich werden weiterhin in einer sich gegenseitig helfenden Nachbarschaft wohnen, der Kontakt zu unseren Kindern und Enkeln ist ebenso intakt, wie zu unseren Freunden und Kollegen. Die Arbeit ist weiterhin ein Teil meines Lebens, der mich mit Freude, Spannung und Befriedigung erfüllt. Die vielen neuen Möglichkeiten und Errungenschaften bis zum Jahre 2030 lassen mich meine Freizeit mit Sinnhaftigkeit und Spaß verbringen. Die Stimmung im Land ist positiv und optimistisch und dieses nicht nur, weil Deutschland im Sommer 2030 wieder Fußballweltmeister geworden ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch