Universität Bamberg / Junge Flexible

Oktober 2012

Herr Professor Schulze, die Generation Y, also die Jahrgänge ab 1981, gilt als besonders flexibel und bereit, ihre Erwerbs- und Familienbiographie immer wieder in neue Bahnen zu lenken. Liegt darin eine besondere Fähigkeit? Oder haben wir es, provokant formuliert, mit einer Generation der Orientierungslosen zu tun?

Flexibler mussten wir alle werden, nicht nur die nach 1981 geborenen. Und gleichzeitig streben diese wie wir alle nach Ordnung und Kontinuität. Nur wird uns Orientierung immer weniger vorgegeben und übergestülpt; wir müssen sie selbst herstellen, auch beruflich und in Partnerschaften, oft nach der Methode von Versuch und Irrtum. Dabei müssen wir Kriterien entwickeln, urteilen, Informationen einholen, Erfahrungen austauschen und riskante Entscheidungen treffen. Wenn nun etwas wirklich typisch ist für die nach 1981 Geborenen, dann der extensive Gebrauch der neuen Medien, um genau dies zu tun. Mit ihren Handys, IPods und Notebooks sind sie zu Autodidakten der Orientierung geworden. Als Kulturbeobachter, die wir ja alle sind, nicht nur Marktforscher und ihre Kunden, müssen wir aufpassen, es uns nicht zu einfach zu machen. Unsere Sehnsucht nach Einfachheit beginnt mit Clusteranalysen und hört mit summarischen Etikettierungen riesiger Personengruppen auf. Die enorme Residualvarianz verschwindet auf wundersame Weise in begrifflichen Schubladen wie „Generation Y“ oder „Generation der Orientierungslosen“. Solche Typisierungen sind verführerisch, weil sie suggerieren, man wisse Bescheid, während sie genau den gegenteiligen Effekt haben: Sie verfälschen die Wirklichkeit.

Wenn Sie diese Generation mit früheren, beispielsweise den sogenannten „Babyboomern“, vergleichen: Worin liegen die wesentlichen Unterschiede in der Lebensführung?

Ich halte auch den Begriff „Babyboomer“ mit seinem ganzen Ballast schematischer Mentalitätsunterstellungen für eine haltlose Konstruktion auf einer empirischen Basis, die sich mit Flugsand vergleichen lässt. Seine Funktion besteht darin, Entscheider mit fiktiven Argumenten zu versorgen. Der Philosoph Hans Vaihinger subsumiert so etwas unter dem von ihm geprägten Begriff der nützlichen Illusionen. Unterschiede in der Lebensführung, sofern sie überhaupt mit der Zeit zusammenhängen, sind in zunehmendem Maße auf Periodeneffekte zurückzuführen. Selbst Alterseffekte gehen zurück. Das mag man beklagen, wenn man mit Märkten umgehen muss und gerne einfache Gewissheiten hätte. Aus Sicht der Verbraucher drückt sich darin ein Gewinn von Freiheit aus.

Wie beeinflusst das Gefühl, dass nichts im Leben sicher ist, die Wertvorstellungen der jungen Menschen?

Dieses Gefühl ist purer Realismus, und es ist nicht zu verwechseln mit Angst oder einer Verunsicherung, die einen handlungsunfähig machen würde. Dass nichts sicher ist, hat den Aspekt von Risiken, aber auch von Chancen. Je mehr Handlungsmöglichkeiten man hat, desto mehr hat man von beidem, und ein Ende der Optionssteigerung ist ja nicht abzusehen. Ihre Auswirkung auf Wertvorstellungen besteht in der Abkehr von fixen Ideen, vereinnahmenden Dogmen, lebenslänglichen Festlegungen und Pseudogewissheiten. Eine experimentelle Lebenshaltung ist entstanden, die biographische Korrekturen ebenso einschließt wie die Bereitschaft, vor Anker zu gehen, wenn es passt.

Und welche Auswirkungen hat das Ihrer Erfahrung nach auf ihr Konsumverhalten?

Einerseits Unberechenbarkeit und Heterogenität, was das Kollektiv betrifft; andererseits Ausbildung persönlicher Konsumschemata, zu denen feste Vorlieben oder auch Prinzipien (zunehmend auch moralischer Art) ebenso gehören wie das Herumprobieren.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Was kommt nach der Generation Y und der permanenten Flexibilität? Werden künftige Generationen diesen Trend weiter leben?

Gotthold Ephraim Lessing hat als großes Ziel der Aufklärung die „Erziehung des Menschengeschlechts“ gesehen. Nachdem wir gerade in Deutschland weiß Gott Erzieher genug hatten, die nichts weniger brachten als Aufklärung, haben die Menschen diese Erziehung selbst in die Hand genommen, und ihre Schule ist das Internet. Kulturpessimisten sehen darin eine große Manipulationsanstalt, in der Hauptsache handelt es sich aber um das genaue Gegenteil, um die Einübung von Kommunizieren, Urteilen und Handeln in verschiedenen Öffentlichkeiten. Die Flexibilität wird bleiben oder zunehmen, ebenso die Verschiedenartigkeit der Menschen; dagegen wird die Kategorisierbarkeit durch einige wenige Kategorien, etwa milieubezogen, statusbezogen oder altersgruppenbezogen, weiter abnehmen. Nur in einer Hinsicht werden sich alle ähnlicher werden: in Bezug auf allgemeine Grundsätze des Urteilens, Handelns und Kommunizierens. Philosophisch ausgedrückt, nähern sich die Leute auf der Meta-Ebene der Regeln einander an, während sie auf der operativen Ebene in ihrem Alltag auseinanderdriften, ohne diese Verschiedenartigkeit als störend zu empfinden.

Sie selbst sind 1944 geboren. Welche Ereignisse oder Einflüsse haben Ihr Leben besonders geprägt?

Die sogenannten 68er Jahre. Für mich war die entscheidende Botschaft nicht politischer, sondern ganz privater Natur: Du darfst tun, was du willst. Bis dahin hatte ich gelernt: Du musst tun, was du sollst. Transportiert wurde diese Botschaft vor allem in der Popmusik und in den neuen Konsumstilen. Heute ist diese Botschaft Allgemeingut. Insofern sind wir alle Achtundsechziger.

Herzlichen Dank für das Gespräch!