Universität Kassel / Bio-Trend

September 2014

Herr Professor Hamm, trotz steigender Tendenz ist der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln auch heute noch vergleichsweise klein. Warum legt „Bio“ Ihrer Meinung nach nicht schneller zu? Liegt das Problem bei den Anbietern oder den Nachfragern?

Dafür gibt es viele Gründe. Zunächst einmal ist die Verfügbarkeit der Produkte im Handel aus Verbrauchersicht noch sehr begrenzt. In Discountern gibt es nur wenige Artikel und im allgemeinen Lebensmitteleinzelhandel ist das Angebot gerade bei den besonders begehrten Frischprodukten (insbesondere bei Fleisch und Wurst, aber auch bei Käse, Obst und Gemüse) äußerst beschränkt. Bei den Fachgeschäften des Lebensmittelhandwerks muss man lange suchen, bis man Bio-Anbieter findet. Eine ausreichend große Auswahl findet man abgesehen von Fleisch und Wurst nur in größeren Naturkostläden und die sind außerhalb größerer Städte dünn gesät. Hinter diesem geringen Angebot im Handel stehen auch immer wieder Versorgungsengpässe mit Produkten aus regionaler oder zumindest deutscher Erzeugung, denn gerade Bio-Verbraucher hinterfragen die Sinnhaftigkeit internationaler Handelsströme und die Zunahme der Importe an Bio-Produkten kritisch. So greifen einige Bio-Verbraucher lieber zu regionalen konventionellen Produkten als zu importierten Bio-Produkten.

Das Kernproblem auf der Angebotsseite ist in Deutschland, dass zu wenige Landwirte auf Bio umstellen. Den Bio-Landbau sehen viele Landwirte als zu aufwendig an. Im konventionellen Landbau kann man derzeit das Geld leichter verdienen. Das Kernproblem auf der Nachfrageseite ist, dass Verbraucher weite Wege zu spezialisierten Geschäften mit einem breiten Angebot zurücklegen müssen. Einige Verbraucher müssen beim Lebensmitteleinkauf auch ganz genau auf den Geldbeutel schauen. Bei den meisten Haushalten liegt es aber nicht an einer mangelnden Zahlungsbereitschaft für die in der Regel etwas teureren Bio-Produkte – das sehen wir immer wieder bei Preistests im Handel.

Selbst die meisten Intensiv-Bio-Käufer decken ihren Lebensmittelbedarf keineswegs ausschließlich mit Bio-Produkten. Was könnten Ihrer Ansicht nach Barrieren sein, die Bio-Fans davon abhalten sich komplett mit Bioprodukten zu versorgen?

Versuchen Sie einmal, sich komplett mit Bio-Produkten zu ernähren. Das geht selbst in Großstädten nicht, weil es einige Produkte (z.B. Getränke) nicht in Bioqualität gibt. Dazu kommt noch, dass Naturkostläden häufig keinen ausreichend großen Parkplatz vor der Tür haben. Und wer mag schon größere Wochenendeinkäufe oder gar Getränkekisten durch Einkaufsstraßen bis zum nächsten Parkhaus schleppen. Und auf dem Land muss man sehr viele Kilometer fahren, bis man Läden mit einem breiten Angebot findet; das steht dem Umweltgedanken vieler Bio-Verbraucher entgegen. Immer wichtiger wird auch der Snack-Bereich und Außer-Haus-Verzehr, z.B. in Bäckereien, Imbissläden und in Kantinen oder Restaurants. Auch hier muss man lange suchen, bis man ein Bio-Angebot findet.

Wo muss die Kommunikation des Mehrwerts ökologisch erzeugter Produkte ansetzen, um den Verbraucher zu überzeugen?

Die Kommunikation ist deswegen so schwierig, weil die meisten und insbesondere jüngere Verbraucher von den gängigen Praktiken in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelverarbeitung keine Ahnung mehr haben. Die zahlreichen Unterschiede zwischen Bio und konventionell zu verdeutlichen, ist dann ein mühsamer Weg. Hinzu kommt noch, dass im konventionellen Landbau sehr viel Geld dafür ausgegeben wird, das teilweise schlechte Image zu verbessern – ganz aktuell im Bereich Tierschutz mit dem Tierwohllabel. Außerdem ist z.B. vielen Verbrauchern gar nicht bewusst, wie sich ein Verlust an biologischer Vielfalt durch konventionellen Landbau langfristig auf Natur und Landschaft auswirken wird. Und es gibt natürlich auch viele Verbraucher, die gar nicht so genau wissen wollen, wie unsere Lebensmittel erzeugt werden und was da in der Verarbeitung alles zugesetzt wird, weil sie Sorge haben, dass es ihnen dann nicht mehr schmeckt. Aber das Verdrängen ist kein Phänomen, das nur Lebensmittel betrifft. Die Freude über „Schnäppchen“ beim Kauf von Kleidung oder die Begeisterung über das neue Smartphone wollen sich ja auch viele Verbraucher nicht trüben lassen, indem sie über Produktionsbedingungen nachdenken.

In welchen Produktbereichen liegen die größten Potentiale für eine Ausweitung des Bio-Konsums?

Ganz eindeutig im Bereich tierischer Lebensmittel und insbesondere bei Fleisch und Fisch. Wenn eine heute noch kleine, aber stetig wachsende Zahl von Verbrauchern über eine fleischlose Kost nachdenkt, dann geschieht das im Wesentlichen aus zwei Gründen, der Ablehnung der konventionellen Formen einer intensiven Tierhaltung (so genannte Turbomastverfahren) und aus gesundheitlichen Gründen (u.a. wegen ausuferndem Einsatz von Antibiotika). Hier kann der Bio-Sektor deutlich punkten, müsste das aber auch besser kommunizieren. Und seltener ein Stück Fleisch, aber es dafür mit gutem Gewissen genießen, wäre sicherlich eine Option für die sehr kritisch eingestellten Verbraucher. Und der zweite Bereich sind vorverarbeite Convenience-Produkte wie z.B. eine breitere Auswahl von den bei jungen Verbrauchern so beliebten TK-Pizzen, aber auch vorverarbeitete Lebensmittel für die Außer-Haus-Verpflegung.

Zuletzt noch zwei persönliche Fragen: Gibt es Lebensmittel, bei denen Ihnen persönlich Bio-Qualität besonders wichtig ist? Und würden Sie uns Ihr Lieblings-Bioprodukt verraten?

Oh, das sind viele Produkte! Mir ist die Bio-Qualität am wichtigsten bei Geflügelfleisch sowie bei frischem Obst und Gemüse, da sind die Unterschiede auch am stärksten zu schmecken. Mein Lieblingsprodukt sind Freilandhähnchen aus mobilen Hähnchenställen (so genannte Hähnchenmobile). Die Tiere leben in kleinen Gruppen, der Stall wird immer wieder auf neue Weideflächen versetzt und die Tiere bewegen sich tagsüber zu jeder Jahreszeit an der frischen Luft. Wer einmal dieses Geschmackserlebnis hatte, der möchte keine anderen Hähnchen mehr kaufen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!