50plus: Siegeszug der Smartphones

Juni 2018

Masako Wakamiya hätte sich nach ihrer Pensionierung vor gut 20 Jahren einfach zurücklehnen und den Ruhestand genießen können. Stattdessen kaufte sich die Japanerin ihren ersten Computer, vermittelte anderen Senioren PC-Kenntnisse und stellte irgendwann fest, dass es kaum Spiele-Apps für ältere Menschen gab. Heute gehört die 83-Jährige zu den ältesten App-Entwicklern weltweit, wie kürzlich zahlreiche Medien, darunter auch die „Frankfurter Neue Presse“, berichteten. „Hinadan“, das von ihr entwickelte Online-Spiel fürs iPhone, ist bei Senioren in Japan sehr beliebt und wurde bereits 80.000 Mal heruntergeladen. Ob auch Deutsche höheren Alters die App, die es auch auf Englisch gibt, nutzen, wissen wir nicht. Doch theoretisch könnten es immer mehr von ihnen, denn der Anteil der Smartphone-Besitzer in der Generation 50 plus ist seit sechs Jahren eindeutig auf Wachstumskurs. Immer mehr Menschen in dieser Altersgruppe lassen sich von den Vorteilen der „schlauen“ Mobiltelefone begeistern. 

Kurz vor der Supermarktkasse schnell noch nach fehlenden Zutaten fürs Abendessen fragen, den Kindern Bescheid geben, dass es heute später wird oder sich unterwegs spontan zum Abendessen verabreden – ohne Mobiltelefon dürfte das meistens schwierig werden. Die Vorzüge der Kommunikation übers Handy haben auch die Altersgruppen jenseits der 50 längst für sich entdeckt. Vor allem die 50- bis 59-Jährigen sind schon seit geraumer Zeit sehr gut ausgestattet. Bereits 2012 lag der Anteil der Handybesitzer in dieser Altersklasse bei 93 Prozent, um dann 2014 auf 96 Prozent anzuwachsen und dort vorerst auf hohem Niveau zu stagnieren. Angesichts der hohen Ausgangsquote sind beim Thema Mobilfunk insgesamt zumindest bei den jüngeren Best Agern kaum mehr große Sprünge drin. Heute nutzen 97 Prozent und damit fast alle 50- bis 59-Jährigen ein Handy. Bei den 60- bis 69-Jährigen kletterte der Anteil seit 2012 um 10 Punkte auf aktuell 90 Prozent, bei den über 70-Jährigen im gleichen Zeitraum um 17 Punkte auf 71 Prozent. Dies sind Ergebnisse der neuesten „Consumer Study“ des GfK Vereins zum Thema mobile Kommunikation, in der zum vierten Mal in Folge unter anderem gut 2000 Deutsche rund um dieses Thema befragt wurden.

In den Altersgruppen, die heute jenseits der 50 sind, erfreuen sich neben den klassischen Handys auch Smartphones immer größerer Beliebtheit – und diesbezüglich fallen die Wachstumsspannen auch deutlich größer aus als bei Mobiltelefonen insgesamt. So besitzen aktuell schon mehr als drei Viertel der 50- bis 59-Jährigen ein Handy, mit dem sie auch surfen, filmen oder fotografieren können und das nebenbei noch als Navi oder der Terminplanung dient. Bei den 60- bis 69-Jährigen hat sich schon mehr als jeder Zweite für den Mini-Computer im Hosentaschenformat entschieden, bei den über 70-Jährigen immerhin noch gut jeder Fünfte. Das sah vor sechs Jahren noch ganz anders aus: In der ältesten Gruppe (70 plus) war der Anteil der Smartphone-Besitzer mit 0,3 Prozent verschwindend gering, bei den 60- bis 69-Jährigen lag er bei 4 Prozent, bei den 50- bis 59-Jährigen mit 7 Prozent nicht wesentlich höher. Inzwischen aber sind die damals jüngeren Befragten in die Jahre gekommen – und haben ihr Smartphone behalten. Dieser sogenannte Kohorteneffekt ist sicher nicht der einzige, aber auch ein Grund dafür, warum die Zahlen so rasant gestiegen sind.

Telefonieren und simsen? Reicht mir nicht!

So nutzten insbesondere die 50- bis 59-Jährigen in den vergangenen Jahren immer häufiger die internetfähige Handyvariante mit den vielen Extras. Schon 2014 war fast jeder dritte Befragte dieses Alters im Besitz eines Smartphones; bis 2016 kletterten die Nutzerzahlen sprunghaft auf 60 Prozent, um nach einem weiteren Anstieg aktuell bei 77 Prozent zu landen. Dass gerade die jüngsten unter den Best Agern die höchsten Wachstumskurven in puncto Nutzung aufweisen, liegt also sicher auch daran, dass sie das Smartphone schon vor ihrem 50. Geburtstag als mobilen Begleiter kennengelernt haben und weiterverwenden. Außerdem kennt diese Altersgruppe die Vorteile der Kommunikation mit iPhone & Co. aus dem Arbeitsleben. Wer sich tagsüber von unterwegs aus mit dem Chef per Messenger austauscht oder den Kollegen die aktuelle Präsentation vom ICE aus mailt, weiß vermutlich den schnellen und mobilen Austausch auch im Privaten zu schätzen. Ähnlich dürfte das auch bei den 60- bis 69-Jährigen aussehen, die häufig ebenfalls noch ihrem Beruf nachgehen oder erst kürzlich in Rente gegangen sind: Lag hier der Anteil der Smartphone-Besitzer 2014 noch bei 13 Prozent, verdreifachte er sich bis 2016 nahezu auf 37 Prozent. Heute hat sogar mehr als jeder Zweite – genauer 58 Prozent – ein iPhone oder eine der vielen Android-basierten Alternativen in der Tasche. Wer seinen 70. Geburtstag hinter sich hat, ist dagegen oft noch nicht aufs Smartphone umgestiegen. Vermutlich verwendet diese Gruppe zum einen häufiger das Festnetztelefon, zum anderen hängt sie wahrscheinlich eher am gewohnten Handy, dessen Bedienung längst vertraut ist. Technikverweigerer sind die Senioren dennoch nicht. Denn auch in ihrer Generation zeigt sich mit Blick auf die vergangenen 6 Jahre ein beeindruckendes Wachstum. Schon 2014 lag die Zahl der Nutzer bei 4 Prozent, was zwar gering anmutet, jedoch im Vergleich zu 2012 mehr als das Zehnfache ist. Bis 2016 stieg der Anteil dann weiter auf 14 Prozent an, heute liegt er bei 21 Prozent.

Können Sie sich eigentlich erinnern, wann Sie zuletzt einen ganzen Tag offline verbracht haben? Ohne morgens schnell die Lieblings-Nachrichtenseite im Netz zu überfliegen, mittags die Wettervorhersage online zu prüfen oder nach der Arbeit kurz nachzusehen, wann die letzte Internet-Bestellung bei Ihnen zuhause eintrifft? Gerade jüngere Menschen sind oftmals fast rund um die Uhr online, doch auch die älteren Generationen holen auf. Besonders internetaffin sind die 50- bis 59-Jährigen: 91 Prozent gaben bei der aktuellen Umfrage an, innerhalb der letzten vier Wochen im World Wide Web unterwegs gewesen zu sein. Vor 6 Jahren lag diese Altersgruppe unter allen Best Agern zwar auch ganz vorn, allerdings rangierte der Wert damals mit 72 Prozent noch deutlich unter dem aktuellen. Bei den 60- bis 69-Jährigen stehen die Zeichen in Sachen Internetnutzung ebenfalls auf Wachstumskurs. Während 2012 jeder Zweite angab, innerhalb der letzten vier Wochen online gewesen zu sein und dieser Wert bis 2014 auf 55 Prozent moderat anstieg, folgte bis 2016 ein deutlicher Sprung nach oben. 68 Prozent dieser Altersklasse gaben in der letzten Befragung an, im Internet zu surfen. Seitdem stieg die Zahl weiter an – wenn auch etwas langsamer. Heute sind fast drei Viertel der befragten 60- bis 69-Jährigen regelmäßig im Netz unterwegs. Die älteste Gruppe über 70 Jahre ist im Vergleich dazu noch recht zurückhaltend. Von 17 Prozent im Jahr 2012 wuchs der Anteil der Onliner zunächst auf 29 (2014) und stieg schließlich auf 38 Prozent (2016) an. Seitdem scheint hier eine Sättigung erreicht zu sein. In der aktuellen Befragung gaben nur geringfügig mehr Menschen über 70 an, im Netz zu surfen (39 Prozent).

Schnell eine Bahnverbindung überprüfen, einen Artikel lesen oder eine Mail schreiben – wer online etwas erledigen will, tut dies schon lange nicht mehr nur zuhause am Laptop oder PC. Auch Menschen ab 50 greifen immer öfter zum Mobiltelefon, wenn sie ins Netz gehen, wie der Zeitvergleich seit 2012 zeigt. Auf die Frage, ob sie innerhalb der vergangenen vier Wochen das Internet auch per Smartphone genutzt haben, antworten heute 85 Prozent der 50- bis 59-jährigen Internetnutzer mit „ja“. Vor sechs Jahren waren es gerade einmal 23 Prozent. Seitdem ist der Anteil kontinuierlich gestiegen. Bei den 60- bis 69-jährigen Onlinern hat sich vor allem seit 2016 einiges in puncto Surfen mit dem Smartphone getan. Nach moderateren Steigerungsraten von 14 Punkten in den Jahren 2014 und 2016, kletterte der Wert seitdem um 38 Punkte nach oben. Die größten Zuwächse verzeichnen jedoch die Internetnutzer über 70 Jahre: Nach einem sehr zögerlichen Anstieg in den vergangenen Jahren (bis 2016 auf 17 Prozent) surfen heute 69 Prozent der ältesten befragten Onliner mit ihrem Smartphone im Netz.

„Kunden stehen Schlange für das iPhone X“ – so war im November vergangenen Jahres ein Artikel in der Onlineausgabe der „Welt“ betitelt. Das kollektive Warten auf das neueste Smartphone-Modell aus dem Hause Apple ist inzwischen fast schon Kult – vor allem unter jungen Leuten. So weit dürfte die Begeisterung der älteren Handynutzer vermutlich nicht gehen. Doch ähnlich wie die jüngeren Generationen halten offensichtlich auch die Best Ager das Mobiltelefon auch als praktischen Helfer im Alltag für wichtig. Das zeigt die Zustimmung der Befragten zu verschiedenen Aussagen rund um die Relevanz von Handy und Smartphone. Zwar fällt diese bei den Jüngeren durchweg noch höher aus, doch insbesondere Menschen zwischen 50 und 59 Jahren zollen ihren mobilen Helfern ebenfalls sichtlich hohe Anerkennung.  Vor allem die Erreichbarkeit spielt für viele eine wichtige Rolle: So bestätigen 70 Prozent der 50- bis 59-Jährigen, fast jeder zweite 60- bis 69-Jährige und immerhin noch fast jeder dritte Handynutzer über 70 Jahre den Satz: „Am besten bin ich über mein Handy / Smartphone erreichbar.“ Fast ebenso überzeugt sind die Best Ager von der Zeitersparnis, die die mobile Kommunikation mit sich bringt. Mehr als jeder Zweite (59 Prozent) zwischen 50 und 59 Jahre ist sich sicher: Dass man dank Handy, Smartphone, Laptop oder Tablet überall online sein kann, bringt Vorteile beim Zeitmanagement. Dem stimmen auch 41 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und immerhin noch 21 Prozent der über 70-Jährigen zu. Tatsächlich sind die modernen Mobiltelefone wahre Organisationsgenies – schließlich sind sie unter anderem Terminplaner, Navi und Adressbuch in einem. 40 Prozent der Handynutzer zwischen 50 und 59 Jahren schätzen genau das. Sie pflichten der Aussage bei, das „ganze Leben“ mithilfe des Mobiltelefons zu organisieren. Knapp jeder Vierte zwischen 60 und 69 sieht das genauso. Wer über 70 ist, nutzt aber offenbar noch andere Strategien, um den Alltag zu regeln. Oder vielleicht gibt es einfach weniger Termine zu koordinieren? In jedem Fall sieht nur jeder Zehnte über 70 in seinem Handy oder Smartphone eine Orga-Hilfe fürs gesamte Leben.

Festnetz bleibt für Ältere relevant, Jüngere hängen stärker am Handy

Wer viel Wert auf Erreichbarkeit legt, muss in erster Linie seine Mobilfunknummer unters Volk bringen. Mehr als ein Drittel der jüngeren Best Ager tut dies auch und versorgt Freunde, Familie und neue Bekannte nicht mehr mit der Festnetz-, sondern mit der Handynummer. Zumindest stimmen 37 Prozent der 50- bis 59-Jährigen der entsprechenden Aussage zu. Mit höherem Alter sinkt dieser Wert: Er liegt in der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen noch bei 18, bei den über 70-Jährigen bei 13 Prozent. Vermutlich sind die älteren Verbraucher häufiger zuhause und es eher gewohnt, mit dem Festnetztelefon Gespräche zu führen. Vielleicht schätzen sie auch die – laut Stiftung Warentest (siehe dazu techbook.de) – teilweise bessere Sprachqualität sowie das Empfinden, dass das Festnetz-Telefon sich besser am Ohr anfühlt, was gerade bei längeren Gesprächen den Komfort erhöht. Die Altersklasse 70 plus ist es auch, die den Verlust des Mobiltelefons am ehesten verschmerzen könnte. Nur 7 Prozent fänden es schlimmer, das Handy oder Smartphone zu verlieren als das eigene Portemonnaie. Je jünger die befragten Handynutzer sind, desto problematischer wird der Verlust des Mobiltelefons: Bei den 60- bis 69-Jährigen hätten schon 15 Prozent mehr Probleme mit einem gestohlenen oder verlegten Smartphone als mit dem Verschwinden der Geldbörse. Bei den 50- bis 59-Jährigen unterschreibt das sogar jeder Vierte.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Relevanz des Smartphones in den kommenden Jahren weiter steigen – allein schon, weil die heutigen Endvierziger, die im Umgang mit iPhone und Co. versiert sind, dann ebenfalls zur Gruppe 50 plus gehören. Doch auch unter den älteren Senioren, die heute 70 oder 80 Jahre alt sind, dürfte sich die Technik weiter durchsetzen. Schließlich haben viele von ihnen Kinder und Enkel, die sich mit dem Smartphone bestens auskennen und Oma und Opa die Nutzung erklären können. Wer auf diese Familienhilfe nicht zurückgreifen kann, findet Unterstützung in vielen Städten und Gemeinden, in denen Schüler Senioren im Umgang mit dem Smartphone fit machen. Masako Wakamiya würde das vermutlich gut gefallen. Auf der Apple-Entwicklerkonferenz 2017 in Kalifornien rief sie ihre Generation zur Offenheit für neue Technologien auf, denn: „Im Zeitalter des Internets hat es Auswirkungen auf das tägliche Leben, wenn man mit dem Lernen aufhört.“


Datenquelle: GfK Verein, GfK Consumer Study (2012, 2014, 2016, 2018); Rückfragen dazu an Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org)

Verantwortlich für den Artikel und Ansprechpartner für Rückfragen zu Compact: GfK Verein, Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org)


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