Globale Herausforderungen 2018

November 2018

Wer heute im Internet nach den Schlagworten „Herausforderungen“ und „global“ sucht, stößt auf eine Vielzahl von Einträgen. Berichte von internationalen Non-Profit-Organisationen, Unternehmen oder Regierungen beschäftigen sich aus unterschiedlichster Perspektive mit dem, was die Welt aktuell bewegt. Seit vielen Jahren fragt auch der GfK Verein in seiner Studie „Challenges of Nations“ Menschen quer über den Globus nach den dringendsten Herausforderungen, die es aktuell in ihrem Land zu lösen gilt. Auch wenn die Vielfalt an Top-Themen wie schon in den Vorjahren groß ist, dominieren zwei Herausforderungen die globale Agenda: Die Sorge um Arbeitsplätze sowie hohe bzw. steigende Preise setzen die Menschen in jeweils vier der untersuchten Länder auf Platz 1 im Ranking. Aber auch mit Blick auf schwächelnde Gesundheitssysteme, Kriminalität oder die Aufgaben, die durch Zuwanderung und Integration entstehen, sehen die Befragten mancherorts großen Handlungsbedarf.

Für gut die Hälfte der Spanier steht klar fest: Arbeitslosigkeit ist eines der drängendsten Probleme im Land. Zwar ist die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung nach der großen Wirtschaftskrise vor 10 Jahren wieder rückläufig und sank im letzten Jahr der OECD zufolge auf gut 17 Prozent. Doch für Entspannung kann dieser leichte Abwärtstrend in der Bevölkerung noch nicht sorgen. Zum einen liegt Spanien mit seiner Quote immer noch mehr als deutlich über dem Durchschnitt aller OECD-Länder (5,8 Prozent in 2017), zum anderen treibt die Menschen die Sorge um eine Jugend ohne Jobperspektive um. Denn gerade für junge Berufseinsteiger ist die Lage besonders angespannt; die Jugendarbeitslosigkeit lag 2017 bei fast 40 Prozent (Quelle: OECD). Doch nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen Ländern machen sich die Menschen Gedanken um die Lage auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere in West- und Südeuropa. So nennen 46 Prozent der Italiener dieses Thema als wichtigste Aufgabe der Politik; in Frankreich sind es mit 43 Prozent kaum weniger, allerdings sind hier die Zahlen zum zweiten Mal in Folge rückläufig. Außerhalb Europas setzt Indien die Arbeitslosigkeit ganz oben auf die To-do-Liste. Hier sorgt sich gut jeder Dritte um die Jobsicherheit im Land. Dies zeigen Ergebnisse der Studie „Challenges of Nations“, für die der GfK Verein zwischen Januar und April dieses Jahres rund 23.000 Menschen aus 19 Ländern offen, also ohne stützende Antwortvorgaben, nach den dringendsten Aufgaben gefragt hat, die gegenwärtig im jeweiligen Land zu lösen sind.

Mehr Informationen zu Methode und Stichproben in den verschiedenen Ländern finden Sie in der Studienbeschreibung in den Downloadcharts am Ende des Artikels.

Preise und Kaufkraft: Top-Thema in vier Ländern

Ebenfalls in vier von 19 untersuchten Ländern setzen die Befragten das Thema Preise und Kaufkraft auf die Agenda. Steigende oder zu hohe Preise beziehungsweise eine sinkende Kaufkraft sind ein Problem, das nach Ansicht der Bevölkerung vor allem in Kenia und Indonesien vordringlich angegangen werden muss. Jeweils 39 Prozent der Befragten in diesen Ländern sehen hier akuten Handlungsbedarf. Vor allem die hohen Kosten für Nahrungsmittel haben offensichtlich ihre Spuren in den Köpfen der Kenianer und Indonesier hinterlassen. Hohe Preise für Grundnahrungsmittel beunruhigen auch die Befragten in Iran, einem Land, in dem die Teuerungsrate 2017 bei 10 Prozent, und in den Vorjahren teilweise sogar noch deutlich darüber lag. 2018 ist die Quote im Vergleich zum Vorjahr wieder leicht gestiegen. Die Preissteigerungen beunruhigen die Menschen in Iran neben anderen Themen wie die wirtschaftliche und politische Lage offenbar so sehr, dass um den Jahreswechsel 2017/2018 landesweit Proteste stattfanden (Quellen: Spiegel, Tageschau). Derzeit setzt etwa jeder dritte Befragte die Preis- und Kaufkraftentwicklung ganz oben auf die To-do-Liste. In Russland dagegen hat sich die Lage etwas entspannt. So prognostizierte die Weltbank im November 2017 angesichts einer Verlangsamung der Inflation eine Verringerung der Armut, und auch die Besorgnis der Menschen beim Blick auf die Teuerungsraten ist gesunken. Doch immerhin noch gut jeder Vierte sieht im Kampf gegen steigende Preise weiterhin das wichtigste Handlungsfeld der Politik.

Gesundheitssystem: In Brasilien leben die meisten Besorgten

Finanziell eng werden kann es für den Einzelnen nicht nur, wenn die Preise steigen. Sondern auch dann, wenn eine Krankheit das Leben plötzlich auf den Kopf stellt. Wer bezahlt den Krankenhausaufenthalt oder eine Operation? Wie gut ausgebildet sind die behandelnden Ärzte? Wie hoch die Impfraten gegen schwere Krankheiten? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen die Befragten vor allem in Brasilien. 60 Prozent der Menschen setzen die Sanierung des Gesundheitswesens auf Platz 1, Tendenz steigend. Zwar sieht der brasilianische öffentliche Gesundheitssektor für alle Einwohner bei Bedarf eine kostenlose medizinische Behandlung vor, doch die Umsetzung gilt als mangelhaft – weil die Ressourcen nicht gerecht verteilt sind und das öffentliche System unterfinanziert ist (Quellen: NCBI, Deutsche Welle). So fehlt es beispielsweise vor allem in ländlichen Gebieten an Ärzten, gut ausgestatteten Krankenhäusern oder schlicht und ergreifend an passierbaren Straßen, um dorthin zu gelangen. Mit derlei grundlegenden Herausforderungen haben die Menschen in Europa zwar nicht umzugehen, doch auch hier gibt es Länder, in denen das Gesundheitssystem Anlass zur Besorgnis gibt. Mehr als jeder dritte Brite (37 Prozent) und gut jeder fünfte Pole (22 Prozent) sieht hier die Politik in der Pflicht. Und das offenbar zu Recht – denn aus beiden Ländern wird Alarmierendes vermeldet: In Polen kam es einem Bericht des „mdr“ zufolge im Herbst 2017 zu Hungerstreiks junger Ärzte, die damit auf die massive Arbeitsüberlastung und die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitssektors hinwiesen. Über Patienten, die in den Krankenhausfluren unversorgt versterben, weil es an Personal fehlt, berichtete die britische Zeitung „The Guardian“ im Januar 2018.

Zuwanderung und Integration: Top-Thema in Deutschland und Schweden

So mancher Deutsche sorgt sich sicherlich auch um die Situation im Gesundheitssektor – Stichwort „Pflegemangel“ – doch insgesamt dominiert hierzulande ein anderes Thema die Agenda. Wie gehen wir mit flüchtenden Menschen um, die zu uns kommen? Wie integrieren wir all jene, die aus anderen Sprachräumen und Kulturen stammen? Antworten auf diese und ähnliche Fragen wünschen sich vor allem die Menschen in der Bundesrepublik, aber auch die Befragten in Schweden. Das skandinavische Land galt bis 2015 als eines der Hauptzielländer für Flüchtende in Europa; gemessen an seiner Bevölkerungsgröße nahm Schweden mehr Asylbewerber als jeder andere EU-Staat auf. Inzwischen hat sich die Situation jedoch grundlegend geändert und das Land hat die Bedingungen für Zuwanderung deutlich verschärft. Die Schweden finden aber nach wie vor, dass die Regierung sich um diese Themen besonders kümmern muss. 31 Prozent setzen die Herausforderung, die die Integration der Zuwanderer mit sich bringt, auf den ersten Platz im Ranking. In der Bundesrepublik liegt dieser Wert noch um einiges höher: Jeder zweite deutsche Befragte sieht Handlungsbedarf in Sachen Flüchtlingspolitik. Allerdings erreicht die Besorgnis der Bürger längst nicht mehr das Niveau von 2016.

Kriminalität: Größte Herausforderung in Mexiko und Südafrika

In zwei anderen der 19 Länder rangiert der Kampf gegen die Kriminalität ganz oben auf der Liste der weltweiten Herausforderungen. Vor allem in Mexiko macht sich eine Mehrheit der Menschen Sorgen um die Sicherheit in ihrem Land. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wert sogar noch einmal spürbar in die Höhe geklettert: Aktuell fordert mit 57 Prozent mehr als jeder zweite Mexikaner ein stärkeres Einschreiten der Politik. Auch in Südafrika ist die Besorgnis im Vergleich zum Vorjahr noch einmal gestiegen. Derzeit sehen 43 Prozent der Menschen dort angesichts hoher Kriminalitätsraten, insbesondere in den Großstädten und deren Randgebieten, dringenden Handlungsbedarf.

Politische Stabilität: Jeder fünfte Amerikaner sieht hier Handlungsbedarf

In je einem Land nehmen die Themen Politik/Regierung, Terrorismus, wirtschaftliche Stabilität sowie Familienpolitik den Spitzenplatz im Sorgenranking ein. In Südkorea treibt die Menschen vor allem die Sorge um die wirtschaftliche Stabilität um. Zwar verzeichnet das Land einen moderaten Wachstumskurs und Präsident Moon Jae-in ist gerade dabei, die Verflechtungen von mächtigen Wirtschaftsclans und Politik zu lösen, doch noch profitieren längst nicht alle von dieser positiven Entwicklung und es fehlt ein solider Mittelstand (Quelle). Vermutlich deshalb finden 42 Prozent, dass sich die Politik weiterhin vor allem um eine stabile Wirtschaft kümmern sollte. In der Türkei dominiert indes ein anderes Thema weiterhin die Agenda – und dies mit steigender Brisanz: Terrorismus wird von einem Drittel der Befragten als wichtigste Herausforderung betrachtet. Tatsächlich hatte das Land in den vergangenen Jahren zahlreiche Tote durch Anschläge zu betrauern, wie aus dem „Global Terrorism Index 2017“ der australischen Denkfabrik „Institute for Economics and Peace“ von 2017 hervorgeht: Mit 658 Terror-Opfern allein im Jahr 2016 lag die Türkei auf Platz 9, was die Beunruhigung der Menschen im Land erklärt. In den USA sind es etwas weniger Befragte, die sich um ein spezielles gemeinsames Top-Thema sorgen. Doch immerhin jeder Fünfte macht sich aktuell um die politischen Entwicklungen im Land Gedanken. US-Präsident Donald Trump, der die Welt schon des Öfteren mit wenigen Zeilen beim Nachrichtendienst Twitter in Aufruhr versetzt hat, dürfte hierzu seinen Beitrag geleistet haben.

Familienpolitik: Japaner wünschen sich Reformen

Ganz andere Sorgen macht man sich aktuell in Japan. Hier landet erneut die Familienpolitik an erster Stelle – auch wenn es bei weitem nicht die Mehrheit der Bevölkerung ist, die hier den größten Handlungsbedarf sieht. 15 Prozent der Japaner äußern diesbezüglich ihre Besorgnis. Tatsächlich hat Japan ein demographisches Problem: Niedrige Geburtenraten und die Überalterung der Gesellschaft stellen eine Gefahr für künftiges Wirtschaftswachstum dar. So ist die Zahl der Geburten mit 941 Tausend im Jahr 2017 auf den niedrigsten Stand in der Geschichte des Landes gesunken (Quelle). Abhilfe schaffen könnte eine veränderte Familienpolitik, die es den Japanern leichter macht, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen.

Vielfältige Herausforderungen in Europa: Arbeitsplätze, Gesundheit und Zuwanderung

Betrachtet man die Herausforderungen aus rein europäischer Perspektive, so zeigt sich vor allen Dingen eines: Die Europäer sorgen sich nicht um ein gemeinsames Thema; vielmehr ist die Bandbreite an Herausforderungen groß. Während in Spanien, Italien und Frankreich die Sorge um den Arbeitsmarkt bei über 40 bzw. sogar über 50 Prozent liegt, sind es in Schweden und Großbritannien nur 6 bzw. 5 Prozent. Eine Sanierung des Gesundheitswesens sehen vor allem die Bürger in Polen, Italien, vor allem aber in Großbritannien mit Werten zwischen 22 und 37 Prozent ganz oben auf der Agenda, während nur 1 Prozent der Türken das als Top-Herausforderung wertet. Die Integration von Zugewanderten dagegen ist mit großem Abstand vor allen anderen Europäern insbesondere für die Deutschen das Top-Thema. Mehr als jeder Zweite sieht hier die Politik in der Pflicht, Schweden folgt mit 31 Prozent. Und in Italien, das als Mittelmeer-Anrainer besonders viele Flüchtlinge aufgenommen hat, ist jeder Vierte besorgt. In Russland, Polen, Spanien und auch in der Türkei dagegen spielen Zuwanderung und Integration mit Werten im unteren einstelligen Bereich kaum eine Rolle.

Preise, Bildung, Politik und Kriminalität

Preissteigerungen und der Verfall der Kaufkraft beschäftigen nicht nur die Menschen in Russland besonders. Auch in Frankreich und Polen macht sich knapp jeder Fünfte Gedanken darum. In Schweden, Spanien oder auch in der Türkei fällt diese Sorge mit Werten zwischen bis maximal 2 Prozent hingegen verschwindend gering aus. Mit Blick auf die Bildung sehen vor allem die Menschen in der Bundesrepublik (18 Prozent) Handlungsbedarf, in der Türkei und Spanien sind es mit 14 bzw. 11 Prozent etwas weniger, die dieses Thema ganz oben auf der Tagesordnung sehen. Dagegen machen sich in Schweden nur 6, in Polen sogar nur 3 Prozent der Bürger diesbezüglich Gedanken. Bei der Sorge um stabile politische Verhältnisse liegt Deutschland im europäischen Vergleich ebenfalls recht weit vorn: 16 Prozent der Befragten hierzulande äußern ihre Beunruhigung, wohl auch angesichts der zähen Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl. Von solchen Sorgen-Werten sind die Befragten in Schweden (1 Prozent), aber auch Russland (3 Prozent) weit entfernt. Dennoch steht Deutschland mit seiner Besorgnis nicht allein – die Menschen in Spanien und Italien machen sich mit 17 Prozent sogar noch etwas häufiger Gedanken um das Thema Politik und Regierung. Die Italiener sind zudem trauriger Spitzenreiter, wenn es um die Kriminalität im Land geht: 17 Prozent sehen hier Handlungsbedarf – in keinem anderen europäischen Land sind es so viele. In Russland und Polen zeigt sich dagegen kaum jemand beunruhigt.

Wirtschaft, Armut, Korruption

Mit Fragen der wirtschaftlichen Stabilität beschäftigen sich dagegen vor allem die Menschen in der Türkei; 13 Prozent wünschen sich hier Antworten bzw. ein Eingreifen der Politik – damit ist dies das einzige Land im europäischen Ranking, das hier zweistellige Werte erreicht. Wenn es um das Thema Armut geht, nimmt Deutschland erneut einen Spitzenplatz auf der Sorgenskala ein: Jeder fünfte Bundesbürger sieht in der Armutsbekämpfung eine Top-Herausforderung – kein anderes europäisches Land erreicht auch nur annähernd diesen Wert. Korruption wiederum macht vor allem den Menschen in Spanien zu schaffen. 28 Prozent sehen im Kampf gegen die Bestechlichkeit die wichtigste Aufgabe der heutigen Zeit. Damit liegt das Land mit dieser Sorge deutlich vor allen anderen europäischen Nachbarn, die das Thema kaum oder – in 5 Ländern – gar nicht auf die Agenda setzen.

Zahl der Herausforderungen: Deutschland an der Spitze

Die Ergebnisse der Studie zeigen nicht nur die Wichtigkeit, die einzelne Themen nach Meinung der Bürger haben, sondern auch die Breite des Aufgabenspektrums. Je nach Herkunftsland nennen die Menschen spontan unterschiedlich viele Probleme. Die Deutschen geben im Vergleich der europäischen Staaten die meisten Herausforderungen an, drei sind es im Durchschnitt. Italien und Frankreich folgen mit 2,4 bzw. 2,3 Antworten. Auf je zwei Nennungen kommen Spanien und Großbritannien, gefolgt von Russland mit 1,5 und der Türkei mit 1,1 Nennungen. Schlusslicht bilden die Menschen in Schweden. Sie denken im Durchschnitt an nur ein Problem, das es aktuell zu meistern gilt.

Deutschland: Etwas weniger Menschen machen sich Gedanken um die Integration

Dass den Deutschen bei der Frage nach den aktuellen Herausforderungen vergleichsweise viele Antworten einfallen, zeigte sich auch schon in früheren Studien. Doch welche Themen genannt werden, ist stetigen Veränderungen unterworfen, wie der Blick auf die Zeitreihe verdeutlicht. Aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen wie die Integration, aber auch Diskussionen über die Renten und die Gefahr der Altersarmut werden stärker wahrgenommen als früher. Andere Herausforderungen erscheinen in den Augen der Menschen dagegen heute weniger brisant. Aktuell halten sich die Aufgaben, die sich aus der Zuwanderung und der damit verbundenen Integrationsarbeit ergeben, noch auf dem ersten Platz. Doch erreicht die Besorgnis der Bürger längst nicht mehr das Niveau aus dem Jahr 2016 – kurz nachdem Hunderttausende Zuflucht in Deutschland suchten. Damals setzte mit 83 Prozent eine große Mehrheit der Befragten das Thema auf den ersten Platz im Ranking, heute sind es mit 53 Prozent spürbar weniger.

Armut und Renten unter den Top-3 der Herausforderungen

Deutschlands Wirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs, die Arbeitslosenzahlen sind dauerhaft niedrig – wer wird da schon an drohende Armut denken? Jeder fünfte Deutsche tut das – und setzt diesen Aspekt ganz oben auf die To-do-Liste. Die Frage, ob und wie sich das Leben finanziell bestreiten lässt, beunruhigt zudem tendenziell immer mehr Bundesbürger – vor 10 Jahren nannten nur halb so viele Menschen Armut als Top-Herausforderung. Vermutlich haben sie beim Gedanken daran vor allem die Altersarmut im Kopf: Ebenfalls jeder Fünfte findet nämlich, dass dringender Handlungsbedarf bei den Renten und der Altersversorgung besteht. Offenbar lässt sich der demografische Wandel immer weniger ausblenden – er hat zur Folge, dass die Rentenlast auf immer weniger junge Schultern verteilt wird. Die wachsende Besorgnis mit Blick auf Armut und Renten passt auf den ersten Blick nicht zur Tendenz, die sich in Sachen Arbeitslosigkeit abzeichnet. Hier sinkt die Angst: Nur noch gut jeder zehnte Deutsche sieht in diesem Thema ein dringend zu lösendes Problem; vor 10 Jahren waren es noch vier Mal so viele. Tatsächlich sind die Arbeitslosenzahlen in der Bundesrepublik auf niedrigem Niveau. Dass die Menschen sich im Job sicher fühlen, ändert jedoch nichts an ihrer Angst vor der Rentenlücke – denn trotz langer Arbeits- und Beitragsjahre ist die Finanzierung im Alter nicht bei jedem ausreichend gesichert.

Mittelfeld: Bildung und Regierung

Etwas weniger Veränderungen gibt es in puncto Bildungspolitik zu verzeichnen. Allerdings stieg hier die Sorge von zuletzt 12 auf 18 Prozent an. Deutschland holte zwar beim Schulerfolg sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher auf, wie die OECD in einer Sonderauswertung der Pisa-Studie herausfand (Quelle). Dennoch bleiben weiter große Unterschiede in der Chancengleichheit bestehen. Zudem beklagt nicht nur der Deutsche Lehrerverband einen eklatanten Mangel an Lehrkräften, vor allem an Grund- und Förderschulen (Quelle). Auffälliger ist jedoch die gestiegene Sorge mit Blick auf Politik und Regierung. Diesen Themenkomplex nennen aktuell 16 Prozent der Deutschen, 2008 waren es nur gut halb so viele. Sicherlich hat das zähe Ringen um die Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl die Wahrnehmung der Menschen geprägt. Der Zuwachs beim Thema Gesundheit ist dagegen sehr wahrscheinlich auf den Pflegemangel zurückzuführen, der immer häufiger diskutiert wird. Wie sollen all jene alten und kranken Menschen versorgt werden, wenn sich zu wenige junge Menschen für einen Pflegeberuf entscheiden? Solche Fragen beschäftigen aktuell 14 Prozent der Bundesbürger, 2017 war das nur für 5 Prozent ein Top-Thema. Im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben ist die Sorge um die Preisstabilität und die Kaufkraft. 12 Prozent nannten dies auch 2017 schon als Herausforderung, in diesem Jahr sind es genauso viele. Im Jahr 2016 waren es allerdings lediglich 8 Prozent gewesen. Die Besorgnis ist seither also gestiegen.

Besorgter Blick auf den Wohnungsmarkt, Entspannung beim Thema Kriminalität

Studenten, die alle paar Wochen bei anderen Freunden auf die Couch ziehen, Paare, die trotz Nachwuchs nicht umziehen können oder Rentner, die nicht mehr in der Lage sind, die steigenden Mieten für ihr vertrautes Heim zu bezahlen – immer häufiger berichten Medien über solche Geschichten. Die Immobilienpreise in der Bundesrepublik sind angesichts der guten wirtschaftlichen Entwicklung und den Niedrigzinsen zuletzt kräftig in die Höhe geschossen. Vor allem in den Ballungszentren bekommen das die Menschen zu spüren. Entsprechend stieg auch die Besorgnis nun zum dritten Mal an: 12 Prozent nennen Mieten und Wohnungsprobleme als wichtigste Herausforderung; 2008 tat dies nur 1 Prozent der Befragten. Leichte Entspannung ist dagegen zu vermelden, wenn es um die Kriminalitätsbekämpfung geht. Im vergangenen Jahr war das noch für 16 Prozent der Deutschen ein Top-Thema, heute nur noch für 11 Prozent.

Herausforderungen im Wandel der Zeit

Welche Themen uns als besonders wichtig erscheinen, ist also stetigen Veränderungen unterworfen. Sicher ist, dass die Menschen auch künftig mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert werden, denen sie sich zu stellen haben. Poetischer beschrieb dies der Dichter Heinrich Heine bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts im dritten Teil seiner “Reisebilder“: „Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter.“


Datenquelle: Challenges of Nations 2018; Eine Studie des GfK Vereins; Ansprechpartner Ronald Frank (ronald.frank@gfk-verein.org)

Verantwortlich für den Artikel und Ansprechpartner für Rückfragen zu Compact: Claudia Gaspar, GfK Verein (claudia.gaspar@gfk-verein.org)


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