„Homing“ beim Reisen: Urlaub in der Heimat bei Deutschen immer beliebter

März 2010

Dichtes Gedränge herrschte kürzlich auf der weltweit größten Reisemesse ITB in Berlin. Rund 180.000 reiselustige Besucher drängten sich um die Stände der Aussteller. Ob dem Interesse an der Afrika-Safari oder der Alpen-Tour auch tatsächlich Taten und damit Reisen folgen, wird sich erst noch zeigen müssen. Denn der Reisemarkt hat die Krise zu spüren bekommen. Die Zahl der Reisen ist im Tourismusjahr 2009 um 1,5 Prozent gesunken. Doch die Verbraucher üben sich nicht nur im Verzicht, sondern auch im Richtungswechsel.

Passend zum Krisen-Trend „Homing“, also dem steigenden Wohlgefühl in den eigenen vier Wänden, haben sich die Deutschen im vergangenen Jahr auch in der schönsten Zeit des Jahres auf die naheliegenden Ziele konzentriert. Entgegen dem allgemeinen Trend hat das Reiseziel Deutschland sogar um 2,4 Prozent zugelegt. Bei den Kurztrips liegt die Wachstumsrate mit knapp 4 Prozent noch höher. Somit zog der Marktanteil der Urlaubsorte zwischen Nordseeküste und Alpenvorland von etwa 53 Prozent auf gut 55 Prozent an. Dies zeigen aktuelle Ergebnisse von GfK TravelScope.

Insgesamt können die Tourismusbetriebe in Deutschland also zufrieden sein mit ihrer Bilanz. 1,6 Millionen Reisen konnten sie im vergangenen Jahr im Inland mehr verkaufen. Eine kleine Wolke zeigte sich dennoch am sonnigen Reisehimmel über Deutschland: Die Begeisterung für die Heimat machte sich in den Kassen der Gastgeber nicht in vollem Umfang bemerkbar. Der Grund dafür: Das Wachstum kam in erster Linie durch Kurztrips von wenigen Tagen zustande. Lange Urlaube hingegen – bei denen entsprechend mehr Geld bei Veranstaltern und Tourismusbetrieben landet – gewannen nur etwa ein Prozent hinzu.

Frischer Seefisch oder Knödel mit Kraut? Letzteres liegt zumindest bei den Urlaubern vorn. Bayern erreicht im Urlaubsranking Rang eins in Deutschland. Von den knapp 69 Millionen Inlandsreisen im Tourismusjahr 2009 entfallen knapp 19 Prozent auf den Freistaat im Süden. Doch auch der Norden hat nach Ansicht der Urlauber einiges zu bieten: Mehr als 11 Prozent verbrachten ihren Urlaub in Niedersachsen, das knapp vor Baden-Württemberg mit fast 10 Prozent auf Platz zwei der Reise-Hitliste landet. Knapp dahinter auf dem vierten Rang liegt Mecklenburg-Vorpommern, das 9 Prozent aller Urlaubsreisen für sich verbuchen konnte und somit das beliebteste ostdeutsche Bundesland ist. Schlusslicht ist Brandenburg mit einem Anteil von 3 Prozent – allerdings holt das Bundesland auf und verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr die höchste Steigerungsrate.

Wellness – trotz Krise ein Erfolg

Gerade die kurzen Reisen sind es, die die Verbraucher offenbar zur Entspannung vom Krisenalltag nutzen. Abschalten, abtauchen, den Alltag vergessen: Der Wellness-Trend blieb trotz Wirtschaftsflaute 2009 ungebrochen – gerade in Deutschland. Es war vor allem die Altersgruppe zwischen 35 und 49 Jahren, die im letzten Jahr Wellness im eigenen Land für sich entdeckte. Außerdem erwiesen sich die Spätsommermonate als besonders erfolgreich – offenbar war für so manchen der Wellness-Urlaub eine kurzfristige Alternative nachdem lange abgewartet wurde, bis endlich klar war, dass die Krise weniger stark auf den Arbeitsmarkt durchschlagen würde als zunächst befürchtet. Insgesamt stiegen die Ausgaben für vorabgebuchte Wohlfühl-Trips im Inland um 4,7 Prozent im Vorjahresvergleich – und das, obwohl die Anzahl der Wellnessreisen 2009 um etwa 9 Prozent zurückging. Weniger Reisen, höhere Ausgaben – von dieser Entwicklung hat offenbar in erster Linie die gehobene Wohlfühl-Branche profitiert. Und tatsächlich ist der Umsatz der 4 und 5 Sterne Hotellerie im vergangenen Jahr sogar zweistellig gewachsen.

“Homing” auch beim Buchen

Selbst für die Urlaubsplanung und -buchung bleiben Verbraucher heute häufiger zuhause als früher. Sie nutzen verstärkt das World Wide Web, um ihr Traumziel zu finden und Reisen zu buchen. Der Trend hin zu Internet-Buchungen stieg innerhalb der vergangenen fünf Jahre stetig an. Allein im vergangenen Jahr wurden gut 6 Prozent mehr Reisen online gebucht als noch im Vorjahr. Bei den Binnenreisen betrug das Wachstum sogar fast 9 Prozent. Den Weg ins Reisebüro suchten immer weniger Verbraucher, hier fiel der Anteil der Buchungen im letzten Jahr um etwa 9 Prozent.

Ausblick: Wie reisen wir 2010?

Obwohl sich die Anzeichen für einen wirtschaftlichen Aufschwung mehren, wird es sicher auch 2010 spannend auf dem Reisemarkt bleiben. Schließlich bedeuten stabilisierte Banken und gerettete Konzerne noch lange nicht, dass auch der eigene Arbeitsplatz erhalten bleibt und man zum gewohnten Reiseverhalten zurückkehrt. Homing auf dem Reisemarkt dürfte wohl noch etwas im Trend bleiben. Das dürfte allerdings nicht nur für Verbraucher hierzulande gelten sondern auch für Bürger anderer Länder. Und so trägt die Krise offenbar dazu bei, dass die Menschen sich mehr in ihrer eigenen Heimat umsehen. Immerhin stellte schon der recht vielgereiste Goethe fest: Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.


Datenquellen: GfK Panel Services (GfK TravelScope, März 2010)
Rückfragen bitte an Roland Gassner, Tel: +49 911 395-4535, E-Mail: roland.gassner@gfk.com oder Daniela Briceno-Schiesser, Tel: +49 911 395-2834, E-Mail: daniela.briceno-schiesser@gfk.com

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: claudia.gaspar@gfk-verein.org