„Rest-los“ glücklich

April 2014

In Berlin wird heute „Götterspeise Waldmeister-Geschmack“ angeboten, in Hamburg ist es Bio-Babybrei, in Jena Tomatensalz – diese und viele weitere Lebensmittel warten online auf Interessenten, die noch brauchen können, was andere übrig haben. Auf www.foodsharing.de bieten Privatleute, Händler und Produzenten seit 2012 überschüssige Lebensmittel kostenlos an. Wer für Brot, Gemüse & Co. Verwendung hat, holt die Sachen einfach ab – ebenfalls kostenlos. Das gemeinsame Ziel: Gute Lebensmittel sollen nicht mehr auf dem Müll, sondern lieber im Magen des Nachbarn landen. Andere Verbraucher setzen beim ressourcenschonenden Umgang mit Lebensmitteln sogar noch früher an. Sie kaufen gleich weniger Vorräte ein – und bauen darauf, dass dies der Umwelt zugutekommt.

Charts zum Download am Seitenende

In den vergangenen Jahren ist die Zahl derer, die weniger Lebensmittelvorräte anlegen, konstant gestiegen. So kaufte 2013 mehr als jeder zweite deutsche Haushaltsführer nach eigenen Angaben bewusst weniger Lebensmittel auf Vorrat ein, um so auch weniger wegwerfen zu müssen. Drei Jahre zuvor gaben das nur 44 Prozent an. Seither ist dieser Wert Jahr für Jahr kontinuierlich gestiegen. Dies sind Ergebnisse aus dem GfK Verbraucherpanel, in dem rund 30.000 Haushaltsführer regelmäßig über ihre Einkäufe berichten und darüber hinaus einmal jährlich zu ihren Einstellungen befragt werden. Nachdem Stuttgarter Wissenschaftler im Jahr 2012 medienwirksam zeigten, dass statistisch gesehen jeder Deutsche rund 80 Kilo Lebensmittel pro Jahr auf den Müll wirft, haben die Menschen offenbar immer mehr Skrupel, Nahrungsmittel zu entsorgen anstatt sie zu essen. Weniger einkaufen ist dabei ein Mittel, den Müllberg zu verkleinern.

Keine Frage des Geldes

Welche Einstellung man zur Vorratshaltung von Lebensmitteln hat, hängt unter anderem von Alter und Haushaltsgröße ab: Ältere Befragte sind häufiger bewusste Vorratsreduzierer. Während Haushaltsführer unter 40 Jahre nur zu 47 Prozent und 40 bis 59-Jährige zu 48 Prozent angeben, beim Lebensmittelkauf vorsätzlich nach dem Prinzip „Weniger ist mehr“ zu handeln, sind es bei der Generation „60 plus“ 58 Prozent. Wer andererseits drei oder mehr hungrige Münder satt kriegen muss, braucht wahrscheinlich zwangsläufig größere Mengen auf Vorrat. Entsprechend fällt hier die Zahl der Reduzierer mit 41 Prozent am geringsten aus. Bei den Zwei-Personen-Haushalten üben sich immerhin 53 Prozent in Zurückhaltung. Und wer alleine lebt, achtet am häufigsten darauf, nur das zu kaufen, was er auch rechtzeitig (ver-)braucht (56 Prozent).

Auch wenn man es annehmen könnte: Monetäre Motive spielen offenbar eine untergeordnete Rolle beim Umgang mit Lebensmittelreserven. Die eigene – subjektiv wahrgenommene – wirtschaftliche Lage zeigt keine Unterschiede zwischen Vorratshaltern und Vorratsreduzierern. Stattdessen sind letztere sogar etwas weniger preisbewusst und lassen sich auch seltener von günstigen Angeboten zum Mehrkauf verleiten.

Umweltschutz und Bio im Fokus

Doch wenn es nicht ums Geld geht, was veranlasst die Konsumenten dann dazu, weniger Lebensmittel auf Vorrat zu kaufen? Offensichtlich ist das Hauptmotiv „nachhaltigeres Konsumieren“. Vorratsreduzierer achten stärker auf den schonenden Umgang mit Ressourcen und sind häufiger Bio-Fans als die Vergleichsgruppe, also die Verbraucher, die einem Verringern ihrer Lebensmittelreserven explizit nicht zustimmen. Sie verwenden ausdrücklich weniger umweltschädliche Produkte im Haushalt, geben mehr Geld für „grüne“ Verpackungen aus oder waschen extra energiesparend bei niedrigen Temperaturen. Sie achten zudem häufiger auf die verschiedenen Nachhaltigkeits-Siegel und kaufen bevorzugt „bio“, auch weil sie so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen. Und mit Blick auf die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelproduktion greifen sie öfter zu fair erzeugten und gehandelten Produkten.

All das lassen sie sich die Vorratsreduzierer auch etwas kosten: Sie sind nämlich häufiger bereit, für Ware in Bio-Qualität und mit Fairtrade-Etikett tiefer ins Portemonnaie zu greifen als die Vergleichsgruppe ohne Vorratsreduzierung. Last but not least bekennen drei Viertel der Vorratsreduzierer ganz grundsätzlich, dass ihnen der Schutz der Umwelt wichtiger ist als ein weiteres Wachstum der Wirtschaft – das sind 8 Prozentpunkte mehr als in der Vergleichsgruppe.

Mein Brot, deine Wurst: unser Abendessen

Bei den Foodsharern aus Berlin hat die Götterspeise schnell einen neuen Abnehmer gefunden, Tomatensalz und Babybrei waren dagegen noch eine Weile lang zu haben. Die Foodsharer verschenken übrigens nicht nur ihre Lebensmittel, sie verbringen manchmal auch ihre Freizeit miteinander. Wer nicht allein am Herd stehen will, kann sich in zahlreichen Städten mit Gleichgesinnten zum gemeinsamen Kochen treffen. Solche Initiativen tragen sicher dazu bei, dass weniger noch genießbare Lebensmittel weggeworfen werden. Und vielleicht bewirken sie längerfristig ja auch ein Umdenken bei denen, die heute noch recht gedankenlos übriggebliebene Lebensmittel in den Müll werfen.


GfK Panel Services (Consumer Scan, Individualpanel, 2013)
Rückfragen zu diesem Artikel bitte an Claudia Gaspar (claudia.gaspar@gfk-verein.org) oder Claudia Stürmer (claudia.stuermer@gfk-verein.org).

April 2014