Sorgenranking: Deutschland nun zusammen mit Frankreich auf Platz 1 in Europa

September 2012

Bei den Olympischen Spielen 2012 landete Deutschland laut Medaillenspiegel kürzlich auf dem 6. Platz. Bei einem anderen Thema liegt die Bundesrepublik jedoch seit Jahren ganz vorne. Im Sorgenranking setzten sich die Deutschen 2012 zusammen mit den Franzosen an die Spitze Europas – dabei drückt der Schuh die Bundesbürger jedoch seltener als im letzten Jahr. Das Thema Arbeitslosigkeit führt nach wie vor die Liste an, allerdings nach einem massiven Besorgnis-Rückgang. Unter den Eindrücken der Euro-Krise fürchten sich die Verbraucher aber zunehmend vor steigenden Preisen und sinkender Kaufkraft.

Die gute Nachricht zuerst: Die Deutschen machen sich im Vergleich zum Vorjahr insgesamt weniger Sorgen: Im Durchschnitt brennen jedem Bundesbürger in diesem Jahr 2,6 Themen unter den Nägeln, die es in ihren Augen dringend anzugehen gilt. Damit ist die Zahl verglichen mit 2011 (3,7 Herausforderungen) deutlich gesunken. Blickt man jedoch in die europäischen Nachbarländer, steht Deutschland zwar weiterhin an der Spitze mit seiner Sorgenvielfalt, teilt sich aber den ersten Platz nun mit seinem Nachbarn Frankreich. Das zeigen Ergebnisse der Studie „Challenges of Europe“, für die im Auftrag des GfK Vereins im Februar 2012 erneut mehr als 13.000 Verbraucher aus elf Ländern nach den dringendsten Aufgaben gefragt wurden. Das Nachbarland Frankreich bringt es auf eine ebenso große Sorgenzahl, gefolgt von Polen (2,3 Nennungen), Italien, Österreich und Großbritannien (jeweils 2). Die Niederlande, Russland und Belgien liegen im Mittelfeld. Und am wenigsten Herausforderungen haben die Schweden auf der Agenda (1,1). Im gesamteuropäischen Durchschnitt macht sich jeder Bürger derzeit um exakt zwei gesellschaftliche Herausforderungen Gedanken.

Aufgaben im Fokus der Europäer

Welche Aufgaben als besonders dringend empfunden werden, variiert dabei von Land zu Land. So liegt Spanien beim Thema Arbeitslosigkeit mit Abstand an der Spitze. Fast 80 Prozent der Bevölkerung meinen, dass hier Not am Mann ist. Und dies zu Recht: Immerhin lag die Arbeitslosenquote im krisengebeutelten Spanien in zweiten Quartal 2012 bei über 24 Prozent. In keinem anderen EU-Land sind derzeit mehr Menschen ohne Job. Franzosen und Russen haben dagegen vor allem steigende Preise im Blick. Jeweils etwa ein Drittel der Menschen hält es für wichtig, hier gegenzusteuern. Eng damit verbunden ist das Thema Mieten und ein schwieriger Wohnungsmarkt. In dieser Frage liegen ebenfalls Frankreich und Russland vorn: Fast jeder fünfte Befragte setzt das Thema auf die Agenda. Mit der wirtschaftlichen Stabilität beschäftigen sich derzeit vor allem die Länder Italien und Spanien. Jeweils fast ein Drittel der Verbraucher setzt diesen Aspekt auf die To-Do-Liste.

Polen: Gesundheitswesen und Renten im Blick

Die Folgen verschiedener Sparprogramme rufen vor allem die polnischen Verbraucher auf den Plan. Nachdem Ende März Pläne der Regierung bekannt wurden, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre anzuheben, um die öffentlichen Haushalte zu entlasten, kletterte die Besorgnis auf 19 Prozent und liegt damit EU-weit am höchsten. Noch mehr Handlungsbedarf sehen die Polen beim Gesundheitswesen: Jeder Vierte wünscht sich von der Regierung, dass hier etwas verbessert wird. In Belgien schlägt man sich derweil immer noch mit den Folgen der politischen Unsicherheit der letzten Jahre herum. Nachdem das Land eineinhalb Jahre quasi regierungslos war, traten alle anderen Probleme hinter diesem Aspekt zurück. Und auch wenn es im Dezember 2011 gelang, eine Regierung zu bilden, bleibt die Besorgnis über das politische System mit 18 Prozent weiterhin dominierend.

Großbritannien: Kriminalität auf der Agenda

Insgesamt betrachtet ist das Thema Kriminalität im EU-Ranking am unteren Ende der Skala angesiedelt. Doch Länder wie Italien, Großbritannien und die Niederlande sehen hier weiterhin ein wichtiges Aufgabengebiet. Mit jeweils 12 Prozent Zustimmung liegen die drei Länder über dem Europadurchschnitt. Ähnliches gilt für die Sorge um die Jugendarbeitslosigkeit, die zwar insgesamt auf Platz 10 liegt, in Italien und Polen aber überdurchschnittlich häufig genannt wird. Auch in Schweden, dem Schlusslicht in Sachen Sorgenvielfalt, beunruhigt das Thema mit 14 Prozent mehr Menschen als anderswo in der EU.

Deutschland: Entspannung beim Thema Arbeitsmarkt

Zwar kletterte die Arbeitslosenquote hierzulande im Juli um 0,2 Prozentpunkte, doch insgesamt trotzt der deutsche Job-Markt der Krise in Europa. Und so beurteilen die Deutschen das Thema zwar weiterhin als das drängendste im Land, doch mit einem deutlichen Unterschied zum Vorjahr: Während 2011 mehr als die Hälfte der Befragten den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit als wichtigste Herausforderung nannte, ist es heute gerade einmal ein gutes Drittel. Die Tatsache, dass 2011 so viele Menschen in Lohn und Brot standen wie seit 20 Jahren nicht mehr, honorieren die Bundesbürger auch im aktuellen Ranking.

Doch auch wenn die Arbeitsagenturen in letzter Zeit überwiegend Positives zu berichten hatten – so ganz trauen die Deutschen dem Frieden offenbar nicht. Schließlich birgt die europäische Schuldenkrise einige Risiken für die hiesige Wirtschaft – und das empfinden nicht nur die Verbraucher so. Zwar fiel das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 2011 mit einem Plus von 3 Prozent relativ hoch aus, doch für dieses Jahr rechnen Experten nur noch mit einem Zuwachs von 1 Prozent. Grund sind die Exporte innerhalb der Euro-Zone, die aufgrund der Krise ins Schwächeln geraten sind. In der Folge zeigen sich auch die Verbraucher sensibler: Während die wirtschaftliche Entwicklung im Vorjahr nur von 14 Prozent der Befragten als Herausforderung genannt wurde, stieg der Wert 2012 auf 24 Prozent. Damit landet das Thema aktuell auf dem dritten Rang.

Inflation: Weniger Angst, aber keine Entwarnung

Gesunken ist dagegen die Furcht vor der Inflation, die aber dennoch auf Platz zwei rangiert. Gut ein Viertel der Deutschen hält Preissteigerungen und Kaufkraftverluste für eine wichtige Herausforderung. Das sind zwar 7 Prozentpunkte weniger als 2011, doch ist dies kein Grund zur Entwarnung. Denn den guten Tarifabschlüssen und der hohen Beschäftigungsquote stehen steigende Energiepreise gegenüber, die die Verbraucher belasten. Zudem lässt die Unsicherheit in der Euro-Zone so manchen Deutschen an der Stabilität der Gemeinschaftswährung zweifeln und heizt die Sorge vor dem Verfall der Währung an.

Politik und Regierung: Noch Luft nach oben

Nach dem Sommerurlaub in Südtirol steht Kanzlerin Angela Merkel Medienberichten zufolge ein turbulenter Herbst bevor. Eurokrise, die Energiewende, der es an Schwung fehlt oder die Debatten ums Betreuungsgeld dürften die Regierung in den nächsten Monaten gut beschäftigen. Der Eindruck, den die politische Führung bei den Verbrauchern bislang hinterlassen hat, ist dabei zumindest verbesserungsfähig: So setzen die Deutschen das Thema Politik und Regierung wieder auf Platz vier der Top 10-Herausforderungen. Der leicht steigende Trend der letzten Jahre konnte angesichts von Koalitions- und Parteistreitigkeiten, der Affäre um und dem Rücktritt von Christian Wulff sowie einiger unpopulärer Entscheidungen im Krisenmanagement auch in diesem Jahr nicht gestoppt oder umgekehrt werden. Auch die „Causa Guttenberg“ dürfte den Deutschen noch deutlich in Erinnerung geblieben sein. So sehen insgesamt 13 Prozent der Deutschen auf dem Feld der Politik weiteren Handlungsbedarf.

Armut: Erstmals unter den Top-10

Eine Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und das Thema Altersarmut haben die Verbraucher ebenfalls verunsichert. Die Bekämpfung der Armut halten heute doppelt so viele Menschen für eine wichtige Aufgabe als vor einem Jahr. Mit 12 Prozent – das ist die höchste bisher gemessene Besorgnis – landet dieser Aspekt auf Platz 8 im Ranking. Trotzdem verlassen sich die Menschen noch auf die sozialen Sicherungssysteme, wie der Blick auf andere sozialpolitische Fragestellungen zeigt. So sehen bei den Themen Renten, soziale Sicherung und Gesundheitswesen heute weniger Menschen Handlungsbedarf als 2011. Was den Medizin-Sektor betrifft, so bleibt abzuwarten, wie sich der Organspende-Skandal auswirkt, der erst nach Ende der Befragung bekannt wurde. Angesichts voller Kassen der GKV finden momentan jedenfalls nur 11 Prozent der Deutschen, dass hier etwas getan werden muss – das sind 8 Prozent weniger als im Vorjahr.

Bildung: Spitzenplatz im EU-Sorgenranking

Noch stärker gesunken ist die Sorge um die Bildungspolitik. Offensichtlich haben sich die Wogen nach den Diskussionen um den doppelten Abiturjahrgang vorerst geglättet. Nachdem 2011 noch fast ein Viertel der Bevölkerung quasi den Bildungsnotstand ausrief, sind es heute nur noch 12 Prozent. Dennoch bleibt die Bundesrepublik in Europa Spitzenreiter beim Thema Bildungspolitik – die schwachen Ergebnisse aus den PISA-Studien der letzten Jahre haben die Menschen offenbar noch gut in Erinnerung. Das Thema Umweltschutz bleibt auch mehr als ein Jahr nach Fukushima weiter in den Köpfen der Menschen. Zwar fiel der „Sorgen-Wert“ um 2 Prozentpunkte auf 12 Prozent, doch hätte man nach dem Beschluss zum Atomausstieg auch einen höheren Rückgang erwarten können. Offenbar sorgen anhaltende Debatten um den richtigen Weg zur Energiewende dafür, dass die Verbraucher das Thema weiterhin für relevant halten.

Was die wichtigsten Herausforderungen betrifft, so sind sich die Menschen in Ost und West nur auf den ersten Blick einig. Zwar setzen die Verbraucher in beiden Landesteilen ähnliche Themen auf die Agenda, doch die Reihenfolge und das Ausmaß der Besorgnis variieren teilweise deutlich.

Wie in den Vorjahren belegt die Sorge um die Arbeitsplätze in Ost- und Westdeutschland den ersten Platz. Doch während zwischen Baden-Württemberg und Hamburg nur knapp ein Drittel der Befragten Besorgnis äußert, sind es im struktur- und industrieschwächeren Osten 45 Prozent. Hier fürchten die Menschen auch eher um die Währungsstabilität: Preis- und Kaufkraftentwicklung sind für fast 40 Prozent eine wichtige Aufgabe und landen damit auf Platz zwei in der Tabelle. Im Westen liegt der Wert um 15 Prozentpunkte niedriger: Hier macht sich nur knapp ein Viertel Gedanken um steigende Preise. Damit belegt das Thema den dritten Rang nach der Sorge um die wirtschaftliche Stabilität (West 25 Prozent, Ost 18 Prozent)

Auf Platz vier zeigen sich die gravierendsten Unterschiede: In den neuen Bundesländern liegt hier die soziale Sicherung mit 14 Prozent, die in den alten Bundesländern gar nicht unter den Top 5 auftaucht, sondern lediglich Platz 9 erreicht. Stattdessen beunruhigt die Menschen im Westen die Entwicklung von Politik und Regierung stärker (14 Prozent) als noch im Vorjahr. Im Osten findet sich dieses Thema auf Rang 6. Einigkeit zeigen die Menschen in beiden Teilen der Republik dagegen mit Blick auf den fünften Rang: Jeweils 13 Prozent der Ost- und Westdeutschen nennen die Altersversorgung und Rentensicherung als wichtiges Feld, das es zu bearbeiten gilt.

Jung und Alt: Unterschiedlicher Fokus

Doch nicht nur die Region , sondern auch die jeweilige Lebenswelt hat Einfluss darauf, worüber sich die Bürger den Kopf zerbrechen. Obwohl der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit Menschen in allen Lebenslagen am wichtigsten finden, so zeigen sich die mittleren sozialen Schichten besonders sensibel. Diese Gruppe ist es auch, die die Entwicklung der Inflation am häufigsten als Herausforderung nennt. Ein Drittel aus der mittleren sozialen Schicht sieht hier Grund zu Handeln – das sind 7 Prozentpunkte mehr als im Durchschnitt. Bei der Frage nach den Renten und dem Gesundheitswesen fühlen sich dagegen diejenigen am stärksten beunruhigt, die am vertrautesten damit sind: So gibt ein Viertel der älteren Ruheständler die Altersvorsorge als dringende Aufgabe an. Und 17 Prozent dieser Gruppe finden, dass unser Gesundheitswesen noch an der einen oder anderen Stelle krankt. Zum Vergleich: Unter Studenten oder jungen Menschen in Ausbildung liegen die Werte nur bei 2 (Renten) bzw. 4 Prozent (Gesundheitswesen). Diese Themen sind offenbar einfach noch zu weit weg von der eigenen Lebenswelt.

Sorgen im Realitätscheck

„Sorge dich nicht – lebe“ – so lautet der Titel des Optimismus-Ratgebers, den der Motivationstrainer Dale Carnegie 1948 veröffentlichte und der millionenfach verkauft wurde. Diese simpel klingende Aufforderung ist gerade für die Deutschen offenbar nicht so leicht. Seit Jahren sind wir die Sorgenmeister Europas, wenngleich so manche Herausforderung heute nicht mehr ganz so dramatisch gesehen wird wie vor einem Jahr. Das Thema Arbeitslosigkeit hat in den Köpfen der Menschen an Relevanz verloren, nachdem sich auch in der Realität die Lage entspannt hat. Doch andere Probleme und Unsicherheiten bleiben: Kein Wunder angesichts dessen, dass uns täglich Nachrichten über den schwankenden Euro, strauchelnde Länder und komplexe Rettungsversuche erreichen.

Unterdessen ist die Olympia-Flagge in Rio de Janeiro angekommen, der Stadt am Zuckerhut, die in vier Jahren die Olympischen Spiele ausrichten wird. Bis dahin will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die deutsche Sportförderung unter die Lupe nehmen, wie DOSB-Präsident Thomas Bach ankündigte. „Unser Anspruch ist es, weiter in der Weltspitze mitzumischen“, sagte er nach Ende der Londoner Spiele. Es bleibt abzuwarten, ob dies gelingt. Doch vielleicht macht Deutschland in vier Jahren ja doch Schlagzeilen als Medaillen- und nicht mehr als Sorgen-Sieger.


Datenquelle: GfK Verein (Challenges of Europe 2012, Februar 2012, Challenges of Europe 2005-2011)
Bei Rückfragen zu diesem Artikel wenden Sie sich bitte an ronald.frank@gfk-verein.org.

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung:claudia.gaspar@gfk-verein.org.

September 2012