Wem die Welt vertraut

Februar 2012

„Lieber Geld verlieren als Vertrauen“ – das hat der deutsche Industrielle und Firmengründer Robert Bosch einmal gesagt. Mit Blick auf die ökonomischen Turbulenzen unserer Tage ließe sich dieser Satz auch umformulieren: Gerade in Zeiten, in denen Gefahr droht, Geld zu verlieren, ist das Bedürfnis nach Vertrauen groß. Nicht nur durch die Finanzkrise im Euro-Raum fragt sich so mancher Verbraucher, wem er überhaupt noch glauben kann. Bezogen auf die Wirtschaft schneidet hier das Handwerk gut ab – nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern der Welt. Die Verbraucher scheinen es in unsicheren Zeiten bodenständig zu mögen. Doch auch andere Branchen liegen in der Gunst der Menschen vorne.

So zeigt der Blick auf die Weltkarte des Vertrauens, dass Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätehersteller in sechs der 25 untersuchten Länder die Nase vorn haben. Mit 84 Prozent glauben die US-Amerikaner am häufigsten, dass diese Sparte vertrauenswürdig ist. Und auch in Australien, Schweden, Japan, Großbritannien und Russland liegen Anbieter von Waschmaschinen, Fernsehern oder Mikrowellen auf dem ersten Platz im Ranking. Getoppt wird dieser Status nur vom Handwerk: In acht der 25 untersuchten Länder können sich Installateure, Elektriker, Schreiner oder Maurer über Spitzenwerte in Sachen Vertrauen freuen. Dies zeigen Ergebnisse aus dem aktuellen GfK Global Trust Report des GfK Vereins, für den im Herbst 2011 erstmals in 25 ausgewählten Ländern 28.000 Interviews durchgeführt wurden. Neben Deutschland und der Schweiz, wo das Handwerk Top-Werte von fast 90 Prozent erzielt, landet dieser Wirtschaftsbereich auch in Belgien, Kanada, Österreich, Spanien, Polen und Italien auf dem ersten Platz im Vertrauensranking.

Die Pharmaindustrie erreicht weltweit am dritthäufigsten den Spitzenplatz und erzielt vor allem in Schwellenländern beziehungsweise Emerging Markets gute Werte. So genießen Arzneimittelhersteller in Indonesien und Brasilien, aber auch in der Türkei und Ägypten großes Vertrauen in der Bevölkerung. Mit zunehmender Entwicklung der Länder steigt auch das Niveau der medizinischen Versorgung, was sich offenbar positiv auf das Image auswirkt. Die Lebensmittelindustrie und der Handel teilen sich global gesehen den vierten Rang. Dabei genießen die Lebensmittelhersteller vor allem im rasant wachsenden Indien mit 86 Prozent Zustimmung ein gutes Vertrauensimage, liegen aber auch in Südafrika und Nigeria vorn. Dem Handel vertrauen die Niederländer mit 91 Prozent besonders häufig, gefolgt von den Franzosen und den Argentiniern.

Große Unterschiede in Europa

Wie groß die Spannbreite des Vertrauens dabei sein kann, zeigt ein Blick auf einzelne ausgewählte europäische Länder wie Schweden, Italien, Russland und Deutschland: Insgesamt ist das Vertrauen in die Wirtschaft offenbar abhängig vom ökonomischen und politischen Status eines Landes. Während der Vertrauens-Mittelwert über alle Wirtschaftsbereiche in Schweden bei 65 und in Deutschland bei 63 Prozent liegt, fällt er in Russland auf 47 Prozent. Italien knackt gerade noch die 50-Prozent-Marke. Hat sich der Vertrauensverlust der Menschen auf dem Apennin in die Politik – im Zuge diverser Affären und Korruptionsskandale – auch auf die Wirtschaft ausgeweitet? Oder haben die Italiener ein grundsätzliches Vertrauensproblem? Auf jeden Fall liegen die meisten Branchen mit jeweils etwa 50 Prozent im mittleren Bereich. Lediglich das Handwerk sowie die Unterhaltungselektronik- und Elektrogerätehersteller können mit höheren Werten aufwarten. Am schlechtesten schneiden Banken und Versicherungen mit 24 Prozent ab. Grund dafür könnte auch die Unzuverlässigkeit der italienischen Banken bei Transaktionen wie z.B. Überweisungen sein, die das Vertrauen der Menschen in den gesamten Sektor nachhaltig erschüttert hat.

Hohes Vertrauen in Schweden, geringes in Russland

Russland zeigt ebenfalls eher gemäßigtes Vertrauen in die Wirtschaft; der Mittelwert über alle Branchen liegt noch unter 50 Prozent. Nur der Spitzenreiter Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätehersteller hebt sich mit 65 Prozent deutlich ab. Wie sehr gravierende Ereignisse das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft erschüttern, zeigt sich in Russland ganz deutlich am Beispiel der Fluggesellschaften: Während dieser Wirtschaftszweig bei den anderen drei Ländern unter den Top 3 liegt, rangiert er in Russland auf dem letzten Platz. Gerade einmal ein Drittel der Bevölkerung glaubt noch an die Qualität und Verlässlichkeit der Fluglinien. Kein Wunder: schließlich ereignen sich bei den russischen Airlines immer wieder schwere Unfälle wie zuletzt der Flugzeugabsturz im September 2011, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen.

Von solchen Tragödien blieb Schweden bislang verschont, entsprechend viele Menschen vertrauen den Fluggesellschaften. Die Schweden setzen die Airlines mit 74 Prozent neben dem Handel auf Rang zwei und damit nur knapp hinter die Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten. Auch die Software- und Computerindustrie genießt bei fast 70 Prozent der Bürger Vertrauen. Bei den Netzbetreibern sind die Schweden dagegen kritischer: Internet- und Telekommunikationsanbietern steht mehr als die Hälfte der Bevölkerung misstrauisch gegenüber.

Deutschland: Misstrauen gegenüber Banken und Versicherern besonders hoch

In der Euro-Krise gilt Deutschland angesichts eines recht stabilen Arbeitsmarktes und positiver Wirtschaftszahlen nach wie vor als „Wachstumslokomotive“ Europas. Dennoch hat die Krise Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen. So sind die Deutschen der Ansicht, dass auf Banken und Versicherungen wenig Verlass ist. Gerade einmal 36 Prozent der Bundesbürger vertrauen diesem Sektor. Im direkten Vergleich mit Schweden (61 Prozent) wird das Vertrauensproblem der Finanzdienstleister besonders deutlich. Auch die Telekommunikations- und Internetanbieter schneiden hierzulande schlecht ab und landen auf dem vorletzten Platz. Dagegen bringen die Deutschen dem Handwerk sowie den Anbietern von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten großes Vertrauen entgegen. Mit Werten von über 80 Prozent stehen diese Branchen an der Spitze im Ranking.

Deutsche Autos sind beliebt und verkaufen sich traditionell gut – nicht nur ins Ausland. Das positive Image des deutschen Wirtschaftsmotors macht sich auch hierzulande bemerkbar. So vertrauen fast drei Viertel der Bevölkerung den Anbietern von Audi, BMW und Co. Noch etwas besser schneidet der Handel mit 73 Prozent ab. Über gute Platzierungen können sich beide Sektoren auch in Schweden freuen, auch wenn hier den Autoherstellern etwas weniger Vertrauen entgegengebracht wird als in der Bundesrepublik. Die wechselvolle Geschichte von Saab und Volvo dürfte sicherlich zu dieser Einschätzung beitragen. Im Vergleich dazu hinken Händler und Autoindustrie in Russland und Italien deutlich hinterher. Während immerhin noch die Hälfte der Italiener dem Handel vertraut, sinkt dieser Wert in Russland unter 40 Prozent. Die Autoindustrie landet in beiden Ländern mit Werten um die 50 Prozent immerhin im Mittelfeld.

Große Unterschiede beim Vertrauen in die Mitmenschen

Auch mit Blick auf das Vertrauen der Menschen in ihre Mitbürger zeigt sich ein Gefälle zwischen Schweden und Deutschland auf der einen Seite und Italien und Russland auf der anderen Seite. Während 84 Prozent der Schweden und 77 Prozent der Deutschen ihren Mitmenschen ganz allgemein Vertrauen entgegen bringen, liegt Russland mit einem Wert von 69 Prozent im Mittelfeld. In Italien behauptet nur jeder Zweite, seinen Mitmenschen Vertrauen entgegen zu bringen, im Süden sogar nur jeder Vierte.

Senioren: Skepsis steigt mit dem Alter

Doch nicht nur im Ländervergleich, sondern auch innerhalb Deutschlands fällt das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft unterschiedlich aus. Eine Rolle spielt dabei das Alter. Während Jugendliche und junge Erwachsene der Wirtschaft tendenziell mehr vertrauen, werden die Verbraucher mit zunehmendem Alter misstrauischer. Dies könnte an ihrer Lebenserfahrung liegen, aber auch daran, dass sie mit bestimmten Wirtschaftszweigen weniger in Berührung kommen. So schneiden gerade Software- und Computerhersteller bei den Senioren besonders schlecht ab. Nicht einmal ein Viertel der Befragten traut dieser Branche über den Weg. Dagegen vertraut mit 85 Prozent eine große Mehrheit der Jugendlichen diesen Unternehmen.

Geschlechter: Unterschiedliche Vertrauens-Domänen

Branchen, die immer noch als typische Männerdomänen gelten, liegen bei Frauen etwas weniger hoch im Kurs. So vertrauen drei Viertel der Männer, aber nur etwa zwei Drittel der Frauen der Autoindustrie. Und auch gegenüber Computerherstellern, Telekommunikations- und Internetanbietern sind Männer etwas weniger skeptisch. Frauen dagegen fühlen sich mit Blick auf die Pharmaindustrie sicherer als Männer. Und auch Banken und Versicherungen schneiden in ihren Augen besser ab. So vertrauen 41 Prozent der Frauen, aber nur 31 Prozent der Männer diesem Sektor. Auch gegenüber ihren Mitmenschen äußern Frauen deutlich mehr Vertrauen als Männer. Übereinstimmung bei den Geschlechtern findet sich auf den ersten Rängen im Ranking. So vertrauen ebenso viele Männer wie Frauen dem Handwerk, Anbietern von Elektrogeräten und Unterhaltungselektronik sowie den Fluggesellschaften. Damit landen diese Branchen geschlechterübergreifend unter den Top 3.

Vertrauen aufbauen und bewahren

Vertrauen ist kein unveränderliches Gut. Wem Menschen vertrauen, verändert sich mit dem Alter und hängt ab von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Unternehmer, die sich dessen bewusst sind, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil. Denn nur wer Vertrauen aufbaut und sich dafür einsetzt, es zu erhalten, kann sich über zufriedene und treue Kunden freuen. Ganz nach dem Motto des österreichischen Schriftstellers Ernst Ferstl, der sagte: „Für verlorenes Vertrauen gibt es kein Fundbüro.“


Datenquelle: GfK Verein (GfK Global Trust Report 2011).

Bei Rückfragen zu diesem Artikel wenden Sie sich bitte an Ronald Frank vom GfK Verein: 
ronald.frank@gfk-verein.org

Für alle weiteren Fragen zu GfK Compact steht Ihnen Claudia Gaspar vom GfK Verein zur Verfügung: Tel. +49 911 395-2624, E-Mail: claudia.gaspar@gfk-verein.org.

Februar 2012