Werte im Wandel

Februar 2010

„Ich sage es sehr offen: Wir können nicht erwarten, dass der Wirtschaftseinbruch schnell wieder vorbei ist.“ So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache die Deutschen auf einen schwierigen Start ins Jahr 2010 eingestimmt. Zwar glauben immer mehr Menschen an ein baldiges Ende der Krise, doch der Crash hat Spuren hinterlassen; er hat offenbar ein Nach- und Umdenken über gängige Wertvorstellungen ausgelöst. Sowohl solide als auch soziale Wertbegriffe gewinnen für die Menschen derzeit an Bedeutung – so schätzen sie beispielsweise das eigene Heim, Leistung, Vertrauen und Verantwortung als zunehmend wichtiger ein. An erster Stelle aber steht das Thema Sicherheit.

Die überwältigende Mehrheit der deutschen Verbraucher geht davon aus, dass Sicherheit in Zukunft als Wert in unserer Gesellschaft an Bedeutung gewinnen wird. Dieser Trend zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten: Ost- und Westdeutsche, Männer und Frauen sowie Gutverdiener und schlechter Gestellte sind sich hier relativ einig. Dies sind Ergebnisse einer Befragung des GfK Vereins zum Thema „Bedeutungswandel von Werten“, für die mehr als 1.000 Befragte im Januar 2010 insgesamt 13 Wertbegriffe beurteilten.

Mit wenig Abstand folgt auf der Skala wichtiger Werte das eigene Zuhause. Offenbar fragen sich viele Menschen momentan: Warum in die Ferne schweifen? Fast 60 Prozent gehen davon aus, dass das eigene Heim künftig wichtiger wird. Der Trend zum „Homing“, der so manche Branche begeistert, während er Kneipenwirte & Co bangen lässt, könnte sich 2010 also wirtschaftlich durchaus bemerkbar machen.

Jugendliche halten Leistung für besonders wichtig

Die Verbraucher schätzen also den Rückzug in die eigenen vier Wände. Doch bedeutet er auch den Rückzug aus der Leistungsgesellschaft? Von wegen! Ebenfalls fast 60 Prozent sagen, dass Leistung in Zukunft wichtiger wird. Bei den 14- bis -24-Jährigen antworten drei Viertel entsprechend. Damit setzt diese Altersgruppe den Wert „Leistung“ sogar an die Spitze im Ranking – und widerlegt das Klischee einer faulen und disziplinlosen Jugend. Insbesondere die jüngeren Verbraucher sind es auch, die Wettbewerb und Innovation als wichtig für die Zukunft betrachten. Sie liegen mit ihrer Einstellung etwas über dem Durchschnitt: Insgesamt stehen Wettbewerb und Innovation bei gut jedem Dritten auf der Liste der bedeutsamer werdenden Werte.

Doch die wachsende Leistungsorientierung geht beileibe nicht zu Lasten des Gemeinschaftssinns. Ganz im Gegenteil. Vielmehr geht es um Leistung, bei der die Verantwortung nicht zu kurz kommt. So stehen Vertrauen, Verantwortung und Solidarität weit vorne auf den Plätzen vier, fünf und sieben in der Verbraucher-Skala. Jeweils ungefähr die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass diese Werte, die im Dienste der Gemeinschaft stehen, künftig noch wichtiger werden als sie es jetzt sind. Und kaum jemand nimmt an, dass sie an Bedeutung verlieren könnten: Lediglich rund fünf Prozent der Befragten können sich das vorstellen.

Optimismus wird wichtiger – die Bereitschaft zum Verzicht ebenfalls

‚Zuversicht statt Jammern’ meint die Hälfte der Befragten und stellt damit das Klischee des ständig jammernden Deutschen in Frage. Diese positive Zukunftssicht heißt jedoch nicht, dass die Verbraucher nicht auch pragmatisch sein können. Angesichts wachsender Arbeitslosigkeit und geplanter Null-Runden für Rentner hält jeder Dritte Verzicht für einen Wert, der künftig bedeutender wird. Diese Sichtweise wird vor allen Dingen von älteren und einkommensschwächeren Verbrauchern vertreten.

Am unteren Ende der Skala rangieren Macht, Luxus und Abenteuer. Viele Menschen glauben, dass diese als ich-bezogen geltenden Lebensziele in Zukunft eine geringere Rolle spielen werden. Insbesondere Luxus wird nach Ansicht von rund 40 Prozent an Bedeutung einbüßen. Aber auch die Lust auf Abenteuer scheint angesichts der unsicheren Wirtschaftslage gedämpft. 37 Prozent gehen davon aus, dass die Zeit der Abenteuerlust erst einmal vorbei ist.

Damit stimmt diese Gruppe voll und ganz jener Lebensweisheit zu, die besagt: Abenteuer ist das Ergebnis schlechter Planung. Und schlechte Planung können und wollen sich in unsicheren Zeiten nur die allerwenigsten erlauben.


Datenquellen: GfK Verein (Omnibusumfrage Januar 2010)
Rückfragen bitte an Claudia Gaspar: claudia.gaspar@gfk-verein.org